Junge Linke

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gegen Kapital und Nation

Leser_innenbriefe

Auf dieser Seite erscheinen ausgewählte Leser_innenbriefe an jungelinke und unsere Antworten darauf. Wenn Ihr uns über unsere Kommentare-Seite eine Nachricht zukommen lasst, gibt es da ein kleines Kästchen zum Ankreuzen, bei dem Ihr Euer O.K. zum veröffentlichen Eures Kommentars geben könnt. Wenn Ihr per Post oder Email schreibt, sollte Euer Brief so einen Satz enthalten wie: "Dürft Ihr anonym vollständig oder auszugsweise veröffentlichen". (Das "anonym" müsst Ihr dazuschreiben, weil wir sonst rechtlich verpflichtet wären, Euren Namen mit zu veröffentlichen, und das wollen wir nicht. Das "vollständig oder auszugsweise" ist aus ähnlichen rechtlichen Gründen wichtig. Wenn Ihr natürlich wollt, dass der Leserbrief ganz oder gar nicht veröffentlicht wird, dann müsst Ihr halt das schreiben.) Wir veröffentlichen natürlich nicht alle Kommentare, sondern nur ausgewählte. Ihr bekommt selbstverständlich auch weiterhin persönlich eine Antwort per Email/Post; daran ändert sich gar nichts. Schreibt uns also viele spannende Sachen, damit diese Rubrik sich füllt.

Im August 2008 erreichte uns folgender Leserbrief in Reaktion auf den Text: Hauptsache gesund! Behinderung und Krankheit als Super-GAU des bürgerlichen Individuums. Unsere Antwort folgt darunter.

A. schreibt:

Hallo,
ich "freue" mich über den neuen Text über die kulturelle Konstruktion von "Behinderung". Der Text trifft genau ins Schwarze. Mir selbst haben sich beim Lesen weitere Fragen aufgeworfen, die in etwas größerem Kontext stehen, aber nicht minder auf Ausschluß abzielen:
1. zunächst würde ich mich interessieren, wie ausgehend von einer Definition von "Behinderung" innerhalb bürgerlich-kapitalistischer Gesellschaft ein Bogen geschlagen werden kann zu neuen Techniken auch innerhalb der Medizin. Es wurde zum Schluss des Textes schon angerissen: Pränataldiagnostik, Gentests etc. Im Ganzen das Feld der Molekularbiologie, die öffentlich gern als neue "Chance" betrachtet wird, Leben zu schaffen. Eindeutig ein Fall von "Biopolitik", wo dies staatlich goutiert und lanciert wird (Auftragsforschung, Gesetzgebung). Diesbezüglich hab ich mir selbst von einiger Zeit eine Notiz gemacht, die ich mal zitiere:
/Der Gendiskurs ist nicht nur eine Kampfansage an soziale und medizinkritische Bewegungen, die auf die Rolle von Ausbeutungsstrukturen, Herrschaftsprozessen und kapitalistischen Produktionsverhältnissen für die Entstehung von Krankheiten hinweisen; er funktioniert auch als Gegengewicht zu theoretischen Positionen, die auf die soziale Konstruktion und kulturelle Kontingenz von scheinbar natürlichen Entitäten wie Geschlecht oder Rasse aufmerksam machen. Es ist die vermeintlich geschlechtsneutrale Humangenetik, deren zentrale Referenz das »menschliche Genom« ist und die von einer prinzipiellen Gleichheit von Männern und Frauen vor den Launen der DNA ausgeht, die es erlaubt, geschlechtliche Differenzen und Asymmetrien biowissenschaftlich zu verankern. Der Gendiskurs ermöglicht erstens, die bipolare Geschlechterordnung scheinbar objektiv und wissenschaftlich neutral festzustellen, wobei alles Dritte oder Ambivalente als defizitär und behandlungsbedürftig ausgeschlossen wird; zweitens ist diese prinzipielle Geschlechterdualität auch hierarchisch strukturiert, da »weibliche« Faktoren und Merkmale zugunsten von »männlichen« abgewertet werden; drittens ist zu beobachten, dass im Kontext des genetischen Wissens neue Entscheidungszwänge und moralische Imperative auftauchen, deren primäre Adressaten Frauen sind.
[Thomas Lemke: Gouvernementalität und Biopolitik , VS Verlag: Wiesbaden 2007, S. 174]



daraus ergibt sich schon 2. wie nämlich auf der Grundlage von aktueller und zukünftiger medizinischer Diagnostik der Übergang von "gesund" und "krank" neu formuliert und wiederum gesamtgesellschaftlich quittiert und (miss)braucht wird. Auch hier ist der bürgerliche Staat als Sachwalter Nr. 1 zu verstehen, der dieser Art medizinischen Wissen produzieren und zirkulieren lässt (ihr hattet schon den Verweis auf "Die Archäologie des ärztlichen Blicks" gegeben.



3. Das Zitat zeichnet ja auch nach, wie Geschlechterdifferenzen neu herausgestellt werden und somit die "gender"-Problemmatik mal eben mit Verweis auf die Biologie ad acta legen. Nicht zu leugnen, dass stillschweigend politische Implikationen getilgt werden sollen. Ein klarer Fall von Pathologisierung am Horizont.



und 4. Darüber hinaus der Zusammenhang zwischen "Behinderung" und – ihr hattet es schon erwähnt – "Geistesgesundheit", die dem bürgerlichen Individuum als Lebensgrundlage dient und dienen soll. Kurzum: Psychatriediskurse; neuerdings im Verbund mit Neurologie/Hirnphysiologie. Auch daraus werden neuen "Abweichungen" konstruiert, die bspw. an Schülern (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mittel Psychopharmake und Verhaltenstherapie) exemplarisch vollzogen werden.
Behinderung rekurriert also auf Pathologisierung, Sexualisierung, Psychiatrisierung und damit letztlich Internierung, denn, und auch das hattet ihr durchblicken lassen, übrigens in einem unschlagbaren Satz ("/Abstrakt wird niemand gezwungen, in der Konkurrenz mitzumachen, konkret aber muss eine, die Hunger hat, Geld haben, um sich was zu essen zu kaufen. Dieses Geld sollte sie sich besser durch legale Praktiken wie Lohnarbeit, Lottogewinn oder Erbschaft verdient haben, sonst droht schlimmstenfalls der Knast."/), jeder, der nicht den aktuellem kulturellen Idealbild des Körpers entspricht, gilt als deviant. Nur dass die Kriminologie (als positivistische "Wissenschaft vom Verbrechen" [sic!]) nicht mehr auf Triebstruktur und Stirnhöhe verweist, sondern auch in ihr Verfahren die gesamte medizinisch-psychiatrische Terminologie einflicht, um daraus ihre (Seelen)Bestrafungen zu formulieren. Kurzum: Wie verhält es sich in der Kriminologie mit der Renaturalisierung und Biologisierung gesellschaftlicher Dispositive? Wie groß ist der Einfluss von Hirnforschung, Molekularbiologie, Neuropsychologie oder Psychiatrie auf den "Täterdiskurs"?
Ich hab gesehen, dass ihr ein Seminar zur Biologie und Biologismus plant. Ich denke, die verschiedenen Themengebiete lassen sich gut miteinander verknüpfen, denn was sind unterm Strich nicht "bloß": Aussbeutungsstrategien auf der Kapitalistenseite, Selbsttechnologien auf der individuellen Ebene. Und staatlich betrachtet "Biopolitik", wo sie zu aktiven Durchgreifen gemahnt.
Also mehr Anregungen, denn Kritik am Text.
Gruß, A.

Unsere Antwort:
Hallo Alexander,
vielen Dank für Deine Weiterführung unseres Textes (deine Mail darunter). Da viele Punkte nur angerissen waren, ist es toll, wenn wir sie weiter ausführen können – also gerne mehr davon!
Den Bogen zu medizinischen Diszplinierungs- und Normalisierungspraktiken hast Du ja in Deinem Text bereits geschlagen. Auf jeden Fall ist unser Text ergänzungsbedürftig in der Frage, wie die Festschreibung der Norm in Bezug auf Geschlecht der Festschreibung von Gesundheit und Krankheit gleicht. Das müssten wir bald mal näher ausführen. Generell erscheint der Körper im Gen- und Bioethik-Diskurs offenbar rein als zu bewertendes und verwertendes Material, das nur, wenn es bestimmten Standarts entspricht, seinen vollen Wert zugesprochen bekommen.
Bleibt die Frage, warum bestimmte Formen der Beeinträchtigung noch im Rahmen dieser Standards akzeptiert werden und manche nicht – und woher diese Grenzziehung kommt. Da kommen, glaube ich, wieder die bürgerlichen Anforderungen an die Dienstbarkeit des Körpers ins Spiel: Kontrollfähigkeit, Ästhetische Normerfüllung und (potentielle) Fähigkeit zur Lohnarbeit. Interessant ist, dass diese Standarts sehr flexibel gehandabt werden – beispielsweise haben Länder, in denen die Präimplantationsdiagnostik (PID) erlaubt ist, jeweils unterschiedliche Richtlinien, was auszusortieren ist und was nicht, und diese ändern sich auch immer mal wieder. Man müsste zukünftig mal beobachten, wie sich a) die Grenzen verschieben und in welche Richtung, und b) ob das Auseinanderklaffen zwischen der zunehmenden gesellschaftlichen "Integration" (tolerierter) Behinderter und Kranker und ihrer gleichzeitigen Verhinderung durch Pränataldiagnostik weiter zunimmt oder irgendwann wieder abnimmt. Ein Beispiel: Routinemäßig werden Föten mit Down-Syndrom "herausgescreent", die Geburtenrate von Säuglingen mit Down-Syndrom hat in den letzten Jahren rapide abgenommen, gleichzeitig scheinen Menschen mit Down Syndrom kulturell zunehmend aktzeptiert zu werden, z.B. als geachtete SchauspielerInnen wie Juliana Götze, die vor einigen Wochen eine vielgelobte Hauptrolle in der ARD Krimireihe "Polizeiruf 110" spielte. Ob solche Normalisierungsschübe tatsächlich ein Umdenken auf der individuellen, identifikatorischen Ebene bewirken können, ist meines Erachtens noch überhaupt nicht raus.
Wir würden uns freuen, mit dir beim Biologismus-Seminar weiter zu diskutieren, oder auch dich bei einem unserer anderen Seminare zu sehen!
Beste Grüße, die Textautorin.

Unsere Antwort:
Hallo Alexander,
vielen Dank für Deine Weiterführung unseres Textes (deine Mail darunter). Da viele Punkte nur angerissen waren, ist es toll, wenn wir sie weiter ausführen können – also gerne mehr davon!
Den Bogen zu medizinischen Diszplinierungs- und Normalisierungspraktiken hast Du ja in Deinem Text bereits geschlagen. Auf jeden Fall ist unser Text ergänzungsbedürftig in der Frage, wie die Festschreibung der Norm in Bezug auf Geschlecht der Festschreibung von Gesundheit und Krankheit gleicht. Das müssten wir bald mal näher ausführen. Generell erscheint der Körper im Gen- und Bioethik-Diskurs offenbar rein als zu bewertendes und verwertendes Material, das nur, wenn es bestimmten Standarts entspricht, seinen vollen Wert zugesprochen bekommen.
Bleibt die Frage, warum bestimmte Formen der Beeinträchtigung noch im Rahmen dieser Standards akzeptiert werden und manche nicht – und woher diese Grenzziehung kommt. Da kommen, glaube ich, wieder die bürgerlichen Anforderungen an die Dienstbarkeit des Körpers ins Spiel: Kontrollfähigkeit, Ästhetische Normerfüllung und (potentielle) Fähigkeit zur Lohnarbeit. Interessant ist, dass diese Standarts sehr flexibel gehandabt werden – beispielsweise haben Länder, in denen die Präimplantationsdiagnostik (PID) erlaubt ist, jeweils unterschiedliche Richtlinien, was auszusortieren ist und was nicht, und diese ändern sich auch immer mal wieder. Man müsste zukünftig mal beobachten, wie sich a) die Grenzen verschieben und in welche Richtung, und b) ob das Auseinanderklaffen zwischen der zunehmenden gesellschaftlichen "Integration" (tolerierter) Behinderter und Kranker und ihrer gleichzeitigen Verhinderung durch Pränataldiagnostik weiter zunimmt oder irgendwann wieder abnimmt. Ein Beispiel: Routinemäßig werden Föten mit Down-Syndrom "herausgescreent", die Geburtenrate von Säuglingen mit Down-Syndrom hat in den letzten Jahren rapide abgenommen, gleichzeitig scheinen Menschen mit Down Syndrom kulturell zunehmend aktzeptiert zu werden, z.B. als geachtete SchauspielerInnen wie Juliana Götze, die vor einigen Wochen eine vielgelobte Hauptrolle in der ARD Krimireihe "Polizeiruf 110" spielte. Ob solche Normalisierungsschübe tatsächlich ein Umdenken auf der individuellen, identifikatorischen Ebene bewirken können, ist meines Erachtens noch überhaupt nicht raus.
Wir würden uns freuen, mit dir beim Biologismus-Seminar weiter zu diskutieren, oder auch dich bei einem unserer anderen Seminare zu sehen!
Beste Grüße, die Textautorin.

Im Juni 2008 erreichte uns folgender Leserbrief in Reaktion auf den Text: Meine Freunde ess ich nicht – Kritik am Veganismus. Unsere Antwort folgt darunter.

D. aus L. schreibt:
Habe den Artikel \"Kritik am Vegetarismus\" gelesen und er hat mir nicht gefallen. Klar ist es jeden seine eigene Sache, Fleisch zu konsumieren. Nur die Bestie Mensch braucht auch niemanden zu fragen, wenn und wann sie tötet. Vegetarier führen sehr logische Argumente an, auf den Fleischkonsum zu verzichten. Sie setzen sich für die Rechte von \"Benachteidigten\" (Tieren) ein. Ihr Denken und Handeln ist nicht so verkürzt und geistig beschränkt wie das der Ego-Fleischfresser. Übrigens sterben wegen euch Ego-Fleischfressern jedes Jahr 40.000 Kinder, wegen dem Korn, dass wegen der Umwegsernährung aus den Dritte-Welt Ländern geraubt wird. Nur zur Verständlichung: Um 1 Kg Fleisch zu erzeugen, sind 7 Kg Fleisch notwendig. Doch dem Fleischfresser ist das egal, hauptsache der Braten dampft auf dem Tisch, völlig wurst wieviel Blut an der Erzeugung dieser Leichenteile kleben. Falls jemand diese Thematik interessieren sollte, so empfehle ich das Buch \"10 Gründe, kein Fleisch zu essen\" von Volker Elis Pilgrim. Gruß Dominik

Unsere Antwort:
Hallo Dominik,
Vielen Dank für deinen Kommentar. Dass es dich wütend macht, dass jede Menge Menschen auf der Erde ohne Not verhungern und du dich für die Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen einsetzen willst, ist toll. Da stehen wir auf der selben Seite. Nur scheint mir deine Analyse der Ursachen des Leidens der "Benachteiligten" nicht sehr gründlich. Das Rechenbeispiel, dass man mit der Nahrung für ein Tier viel mehr Menschen ernähren kann, ist leider nur ein Rechenbeispiel. Man nimmt die Zahl unterernährter und verhungernder Menschen und stellt dem den hypothetischen Zugewinn an pflanzlichen Nahrungsmitteln durch die Abschaffung von Viehzucht entgegen. Diese so erreichbaren größeren Mengen verfügbarer Nahrungsmittel würden deswegen aber noch lange nicht den Verhungernden zu Gute kommen, wenn diese kein Geld haben, das ganze Getreide auch zu kaufen. Das kann man z.B. daran erkennen, dass die EU lange Zeit in großen Stil Lebensmittel vernichtet hat. Das hieß da Abbau der Überproduktion, aber freilich gab es auch da genügend Menschen, die hungerten oder verhungerten, und "Überproduktion" war es nicht, weil keiner es hätte essen wollen, sondern weil keiner es zum gewünschten Preis kaufen konnte. Jetzt vernichtet die EU keine Lebensmittel mehr, da sie den Bauern erfolgreich Prämien gezahlt hat, damit die ihre Felder stilllegen, also weniger Lebensmittel herstellen. Es gibt also keinen Mangel an bebaubarer Fläche und auch nicht an Arbeitskräften, die mehr Nahrungsmittel herstellen könnten. Sondern es wird von vornherein nur für die produziert, die die hergestellten Nahrungsmittel (und alle sonstigen Güter) auch bezahlen können, und *deswegen* verhungern ständig Menschen in großer Zahl. Ihre Bedürftigkeit allein ist nämlich überhaupt kein Anlass mehr Lebensmittel herzustellen oder auch nur ihnen die ohnehin schon produzierten zu überlassen.

Genau weil es uns nicht egal ist, dass hier ständig Menschen verhungern, finden wir es ärgerlich, wenn Menschen mit gutem Willen und viel Nachdruck Ideen propagieren, welche die Ursache dieser Not völlig verkennen und folglich auch an der Not nichts ändern werden. Wenn es einem ernst ist, dass die Bedürfnisse aller berücksichtigt werden sollen, dann muss man für eine andere Produktionsweise kämpfen und nicht für andere Ernährungsgewohnheiten. Denn erst wenn Menschen der Zugang zu schon produzierten Lebensmitteln oder dem Boden, auf dem man zusätzliche anbauen könnte, nicht durch den polizeilich geschützten Verweis auf fremdes Privateigentum verwehrt werden kann, macht die Frage überhaupt Sinn, ob man genug für alle herstellen kann. So wie die Welt jetzt eingerichtet ist, stellt sich diese Frage einfach nicht.

Ich höre an der Stelle mal auf, würde mich aber freuen, wenn du dich noch mal meldest, wenn du weitere Fragen oder Einwände hast. Vielleicht magst du noch einen Text von uns lesen, der sich zwar nicht mit Vegetarismus aber mit Umstellung der Konsumgewohnheiten zur Überwindung von Armut in der "Dritten Welt" befasst. Ich glaube, darin sind auch einige Argumente, die ich eben nur angedeutet habe, noch mal besser ausgeführt. Den findest du im Netz veröffentlicht bei http://weltverstehenproduktiv.blogsport.de/.

Freundliche Grüße, Valentina von junge linke

Im Juni 2008 erreichte uns folgender Leserbrief. Unsere Antwort folgt darunter.

F. aus Z. schreibt:
Hallo Junge Linke, Wir sind in unserem linken Zusammenhang gerade einige grundsätzliche Punkte des Marxismus am durchdiskutieren und da sind wir nun beim bürgerlichen Staat angelangt.
(…)
Ein kleines Problem haben wir nur bei der Frage der Demokratie insbesondere bei den Wahlen oder der „Mitbestimmung“ der Bürger am Staatsgeschehen. Wir finden eure Analyse ist was Deutschland und andere indirekte Demokratien genannte Staaten absolut korrekt. Der Haken ist jetzt aber, wir schreiben euch aus der Schweiz und da läuft das etwas anders. Bei uns hat der Bürger nämlich deutlich mehr Mitbestimmungsrechte, als in den meisten anderen Staaten. Ich weiss nicht genau, inwiefern ihr mit dem politischen System der Schweiz vertraut seid aber wahrscheinlich reicht ein Blick auf Wikipedia, um da durchzublicken. Insbesondere mittels der Volksinitiativen und der Referenden kann die Schweizer Bevölkerung Gesetzes- und Verfassungsänderungen bewirken, für die die Zustimmung des Parlamentes nicht nötig ist. Ausserdem werden die wichtigsten politischen Fragen in der Schweiz so gut wie immer auch vom Volk mittels Abstimmungen mitbestimmt (Altersvorsorge, Atomkraftwerke etc. etc.)
Wir wären sehr daran interessiert, eure Meinung darüber zu hören, warum so etwas in einem kapitalistischen Staat möglich ist und der Kapitalismus auch bei uns trotzdem wunderbar läuft. Haben die Schweizer Bürger möglicherweise das Prinzip des kapitalistischen Sachzwanges so sehr verinnerlich, dass auch sie mittlerweile als eine Art ideeler Gesamtkapitalist funktionieren? Ich (bzw. wir) fänden es spannend eure Meinung dazu zu hören.
Grüße, F. aus Z.

Unsere Antwort:
Liebe GenossInnen,
unsere Antwort anbei. Da wir faul sind und den Text gleich auch noch für ne Erklärung der deutschen Zustände benutzen wollen, haben wir nicht sofort auf Eure Frage geantwortet, sondern Sachen einführend vorgeschaltet, die euch vielleicht schon klar sind. Wir hoffen, euch damit Eure Frage beantwortet zu haben und wären ins Besondere, ob unsere Antwort schweiz-mäßig taugt, an einer Rückmeldung interessiert. Per e-mail, aber natürlich noch lieber direkt und persönlich auf nem Seminar oder Sommercamp. :-)
Viele Grüße, Tom, jungelinke

Warum und wann lässt der bürgerliche Staat seine Bürger direkt bestimmen?

I. Die indirekte Demokratie… Die normale bürgerliche Demokratie läuft so: Leute wählen Abgeordnete; und damit ist die Bürgerbeteiligung auch schon zu Ende. Zwar sollen sich alle engagieren, gerne auch in Parteien, eine Meinung haben und äußern dürfen – aber an mehr ist nicht gedacht. Sondern Unterordnung ist gefragt unter die Entscheidungen der gewählten Machthaber.
Demokratie ist dann die Auswahl zwischen verschiedenen Eliten, ausgetragen als Konkurrenz von Parteien, die behaupten, dass Allgemeinwohl als partikulares Interesse zu haben – also dass sie als einzige das Allgemeinwohl in der richtigen Fassung in ihrem Programm haben. Demokratie ist damit eine Ordnung, die das allgemeine Interesse am Laufen der kapitalistischen Konkurrenz gegen die einzelnen Konkurrenten besonders gut durchsetzen kann, weil sie eben von den ganzen Konkurrenzteilnehmern dazu ermächtigt worden ist. Ob Arbeiter oder Kapitalist, der Staat fordert alle Bürger alle vier, fünf Jahre zur Ermächtigung auf, das Allgemeinwohl gegen die Privatinteressen durchsetzen zu dürfen. Die Konkurrenz um Wählerstimmen soll sicher stellen, dass alle Bürger sich auch angemessen repräsentiert fühlen und die Staatsagenten zwingen, auch tatsächlich nur das Staatswohl im Auge zu haben.

II. … und ihre Probleme
Bei der Aufgabe, die der bürgerliche Staat hat, ist Unmut vorprogrammiert. Die Bürger sind notorisch sauer, weil der Staat tut, wozu sie ihn ermächtigen – nämlich das Interesse seiner Bürger am Funktionieren der Gesellschaft durchzusetzen gegen die Bürger. Deren borniertes Interesse am Erfolg bei der Konkurrenz um den gesellschaftlichen Reichtum ist ihnen zwar durch staatliche Setzung aufgeherrscht (Privateigentum usw.) gerät aber häufig in Konflikt mit dem staatlichen Interesse am Erhalt der Gesellschaft. (Genaueres hierunter: http://www.junge-linke.de/staat_und_nation/der_brgerliche_staat_eine_einf.html) Wird der Unmut auf die Politik bei keiner Oppositionspartei heimisch, setzt sich gar die sachlich richtige, aber fast nie kritisch gemeinte Einsicht durch, die Parteien unterschieden sich doch gar nicht ("die da oben machen ja doch was sie wollen" usw.) hat die Demokratie zwar nicht sofort ein Problem, wünschenswert ist dieser Zustand für eine stabile Herrschaft auf Dauer aber nicht. Denn dann klappt das Einschwören auf den Staatszweck qua Stimmabgabe nicht mehr und die behauptete Identität von Bürgerwillen und Staatshandeln kommt in Gefahr.
Das heißt dann auf bundesdeutsch "Parteienverdrossenheit" oder gar "Politikverdrossenheit".

III. Direkte Demokratie als Ergänzung und Mittel der Parteienkonkurrenz
In vielen Staaten und in immer mehr Bundesländern der deutschesten aller Republiken erhält das Volk die Möglichkeit seine Meinung formalisiert zu sagen, die berühmten "Volksbegehren". Dieses Belebungsmittel für die parlamentarische Demokratie ist der Sache nach zwar Kinderkacke – im Regelfall muss sich die Regierung nicht dran halten, es darf keine Auswirkungen auf den Staatshaushalt haben, und manchmal zwingt man dem Parlament mit dem ganzen Aufwand auch nur eine zusätzliche Debatte auf. Aber es soll ernsthaft symbolisieren: Dem Staat ist die Meinung seiner Bürger nicht egal. Die Ernte diese symbolischen Bemühungen sollen die Parteien einfahren.
Klar ist, dass Volksbegehren, aber auch Volksabstimmungen immer auch als Mittel der Parteienkonkurrenz genutzt werden: Indem sich eine Regierung ein "Ja" gegen eine lautstarke Opposition holt, in dem die Opposition die Regierung in Bedrängnis bringt oder indem man irgendeine Frage gleichzeitig mit der Wahl zur Wahl stellt, und so die "richtigen" Leute an die Wahlurne motiviert. (In den USA gerne, in dem man die Homo-Ehe verbieten will, das treibt das fromme Christenvolk dann doch an die Wahlurnen)
Nun sind die Leute zwar bescheuert, aber doch nicht doof: Und wenn der Regierende Bürgermeister von Berlin erklärt, dass ihm piepegal ist, wieviel Leute dafür stimmen, dass ein überalterter Stadtflughafen noch zwei Jahre länger aufbleibt, dann kapieren auch genug Hauptstadtbewohner, dass der Gang zum Tempelhof-Volksbegehren sich nicht lohnt. Nur: DAS ist nun eigentlich nicht der Sinn der Sache. Und bestätigt die Bürger in ihrer schlechten Meinung. Und führt dann ab und zu zum neidischen Blick über die Landesgrenzen, in die Schweiz, die USA, Irland usw. – wo die Bürger über alle wichtigen Fragen entscheiden können.

IV. Direkte Demokratie als Korrektiv: Verpflichtung von Staat und Volk auf das Allgemeinwohl
Über alle? Das entscheidet immer noch der Staat. In vielen Staaten, z.B. der Europäischen Union hat sich das Staatspersonal 2006 – 2008 entschieden, seine Bürger über die EU-Reform nicht mehr abstimmen zu lassen, nachdem die Volksabstimmungen in Frankreich und den Niederlanden so grandios in die Hose gegangen sind. Die Profis der Politik unterstellen den Amateurpolitikern, dass ihnen der Blick fürs Große und Ganze fehlt, dass sie nicht die Sache der Nation als einzigen Gesichtspunkt haben, dass sie zu desinteressiert und desinformiert sind, um sie wirklich bestimmen zu lassen.
Das kann man aber – und das tun Politiker auch – genau anders herum sehen: Nämlich dass die regelmäßige Befragung der Bürger bei denen Verantwortungsbewusstsein und Interesse stiftet und sie zu guten Nationalisten erzieht. Denn die Gefahr ist allen Staatsagenten schon klar: Dass wenn die Politik sich zu weit von der Volksmeinung entfernt, der Unwille zu groß ist, dem Staat die Legitimität bei seinem harten Job flöten geht und die Gesellschaft vielleicht nicht gleich revolutionär oder faschistisch umgestaltet wird, wohl aber zunehmend außer Kontrolle gerät, weil der Staat nicht mehr respektiert wird. Darum gibt es Länder, die im Interesse der Stabilität der Herrschaft, die Handlungsmöglichkeiten des Staates einschränken, in dem sie direkt Volkes Willen erfragen. Das ist für die gewählten Volksvertreter oftmals ärgerlich: Da führt Dänemark den Euro nicht ein, die Schweiz tritt nicht dem EWR bei und die ganze schöne EU-Verfassung muss neu verhandelt werden – aber die Bürger sagen noch in ihrem "Nein" zu konkreten Projekten ihrer Herrschaft "Ja" zur Herrschaft überhaupt, "Ja" zu ihrer Unterordnung, "Ja" zu all den Gemeinheiten des kapitalistischen Alltags.

V. Wenn's fürs Schweizervolk zum Rütli-Schwur kommt
In der Schweiz, so würden wir sagen, hat die ganze Sache aber noch eine zusätzliche Korrektivfunktion, was vielleicht auch das ungewöhnlich hohe Ausmaß des direkten Volksbestimmens erklärt. In der Schweiz war nämlich bis vor Kurzem die Parteienkonkurrenz um Wählerstimmen zur Ermittlung der Staatsagenten weitgehend stillgelegt. Die Allparteienregierung ("Konkordanzmodell") sorgte dafür, dass vom eigentlichen Wahlakt nicht allzu viel abhing, weil bis auf ein paar Verschiebungen, sowieso alle relevanten Parteien in die Regierung und damit die Regierungsdisziplin eingebunden waren. Die Stabilität dieser Form des Regierens hat aber eben gerade den Nachteil, dass der Volkswillen von der Regierung nicht wichtig genommen werden muss – und entsprechende Entfremdungserscheinungen zwischen Volk und Staat auftauchen könnten. Historisch mag die ganze Volksabstimmerei in der Schweiz wegen der konfessionellen und sprachlichen Unterschiede entstanden sein, sozusagen als automatisch wirkende Rücksichtsverpflichtung auf alle Volksteile (ähnliche Regelungen gibt es auch im Wahlrecht der BRD mit dem ganzen Erststimmen-Zirkus, den drei Direktmandaten usw.) und/oder Einschwören des ganzen Schweizervolks auf den Staat gegen aller Sonderbündlerei – heute wirkt es als permanentes Korrektiv, dass dafür sorgt, dass der Staat seiner Funktion als ideeller Gesamtkapitalist nachkommen kann, ohne allzu großen Legitimationsverlust als ideeller Gesamtschweizer zu erleiden oder gar sein Volk am Schweizer-Sein zweifeln zu lassen. Und im Regelfall zeigen die Bürger der helvetischen Konföderation, dass der Staat keinen Fehler macht, wenn er fragt, wie er ihren Interessen denn nun genau Gewalt antun soll.

Im Januar 2008 erreichte uns folgender Leserbrief in Reaktion auf den Text: Meine Freunde ess ich nicht – Kritik am Veganismus. Unsere Antwort folgt darunter.

C. aus L. schreibt:
"Ihr schreibt:
"Schon diese bloße Möglichkeit, die Natur mittels der Vernunft für den Menschen zu nutzen [...] lehnen die VeganerInnen ab."

Wie kommt man auf die Idee, Veganer würden es ablehnen, mittels ihrer Vernunft die Natur zu nutzen? Sind sie alle Pfahlsitzer auf einer Insel, die im Momente der Erleuchtung ersticken, weil ihnen aufging, dass Atmen eine Ausbeutung der Natur darstellt? Man mag es nicht glauben: ich habe von Veganern gehört, die in Häusern Leben, Kleidung tragen oder sogar Pflanzen essen!
Weiter schreibt ihr: "Recht kann nur willentlich, also nur von Menschen gesetzt werden."
Desweiteren können Rechte aufgrund ethischer Maßstäbe formuliert werden. Mehr noch: die Legislative kann ohne ethische Grundlagen überhaupt nix. Ethik hingegen kann man ohne ein zugrundegelegtes Rechtssystem vertreten – das mag schwierig sein, und vielleicht hauen sich deshalb jeden Tag etliche Philosophieprofessoren gegenseitig die Köpfe mit ihren Traktaten ein – aber als Anregung: man braucht niemals etwas von Rechten gehört zu haben, um Mitleid zu empfinden oder altruistisch zu handeln. Sogar Tiere können so etwas, und die meisten davon könnten nicht einmal das Wort schreiben … Ich würde Vegetarismus/Veganismus also niemals mit Rechten erklären, sondern mit Rücksicht, Mitleid, Respekt und ähnlichem Zeug. Tut mir leid, dass ich das nicht begründen kann – aber wer das fordert, dem glaube ich nicht, dass er diese Werte nicht auch in sich trägt. Ich glaube ihm nur, dass seine Vernunft andere Prioritäten setzt. Dazu ein freies Zitat nach Forrest Gump: >>Tier ist der, der Tierisches tut.<<
Dabei erfordert jede Situation Entscheidungen. Es gibt schwarz/weiße, graue, bunte – es gibt unzählbare Grenzen, die man überschreiten kann oder denen man sich annähert. Manche davon kann man nicht festsetzen -trotzdem kann eindeutig sein, wann sie überschritten wurden. Zum Glück gibt es auch Bereiche, in denen Grenzen keine praktische Rolle spielen. Wenn deine Billardkugeln nicht aus Elfenbein sind, kann ich das Spiel noch so schlecht finden (oder schlecht können), mir fehlt jegliche Grundlage, es unter ethischen Gesichtspunkten zu kritisieren.
Weiter schreibt ihr: "[...] sie sind dem gesellschaftlichen Zwang unterworfen, mit ihrem Betrieb Profit zu machen. Tun sie dies nicht, gehen sie pleite und ein anderer Betrieb nimmt ihren Platz ein."
Natürlich verstehe ich, dass das ein Problem ist. Aber seit wann ist: dann hätte es eben ein Anderer gemacht ein Argument? Als ob jeder Mensch im Kapitalismus ohne Prinzipien leben würde…
Weiter: "Käme mal jemand auf die Idee, alle Produkte zu boykottieren, die unter Ausbeutung von Menschen produziert werden [...]"
Ich glaube es ist kein Zufall, dass gerade Leute, die zu Veganismus tendieren, gleichzeitig Ideen wie den FairTrade unterstützen und umgekehrt. Aber wir haben eine Schublade dafür: Gutmenschen. Die gehören ja eh abgeschafft…

Unsere Antwort:
Hallo C., danke für deinen Kommentar! Entschuldige bitte, dass die Antwort so lange auf sich warten ließ.
Zu deinem ersten Absatz. Du kritisierst, dass in dem Artikel so getan wird, als ob alle Vegane einen vernünftigen Gebrauch der Natur ablehnten – und stellst heraus, dass das Unsinn sei. Ich stimme deiner Kritik in diesem Punkt voll zu. Die Position, jede Nutzung der Natur mittels der Vernunft abzulehnen (bzw. die, dass der Mensch als solcher das Unheil für die Natur sei) gibt es zwar auch im politischen/politisierenden Veganismus, stellt aber eine minoritäre Strömung dar. Der Artikel generalisiert diese Position falsch als eine Allgemeine.
Desweiteren weist du darauf hin, dass eine vegane Einstellung sich nicht notwendig durch einen Bezug auf Tierrechte begründen muss, sondern z.B. sich auch durch Mitleid mit dem Tier zu begründen versucht. Auch in diesem Punkt stimme ich dir zu. Der Artikel tut so, als ob alle Vegane tierrechtlich argumentieren würden. Das ist falsch. Es gibt auch ökologische, moralische, gesundheitliche, religiöse, … Begründungen für Veganismus. Ich werde vorschlagen, dass der Artikel eine Vorbemerkung bekommt, in der herausgestellt wird, dass es sich primär um eine Kritik des tierrechtlichen Veganismus handelt. In der Kritik dieser Begründungsart des Veganismus trifft der Artikel wesentliche Bereiche richtig. Aber mit dieser Kritik hast du dich in deinem Leserbrief ja nicht gesondert auseinandergesetzt, sondern hauptsächlich auf eine andere Begründungsart des Veganismus hingewiesen. Um diese Art, die du richtig findest, soll es im Weiteren gehen.
Ich vermute, bei "vegan leben" denkst du nicht nur daran, dass du es persönlich ablehnst/ekelig findest, Tierprodukte zu verwenden oder zu konsumieren, und als Privatperson damit nichts zu tun haben willst, sondern du denkst vermutlich außerdem auch, dass Vegetarismus und Veganismus eine gute und richtige Sache ist, eine Sache, die man machen sollte, wenn man ein ethisch bewußter Mensch ist; die am Besten eigentlich alle auch zu ihrer Sache machen sollten, aus ethischer Einsicht. Ich weiß nicht, ob du denkst, dass wenn alle nur ihr Mitleid (was du wohl als das Gute im Menschen begreifst) mehr ausleben würden, es dann keine (weniger) Gewalt und "Böses" in der Welt gäbe. Ich vermute, dass du dir eine Veränderung der Gesellschaft so vorstellst, dass immer und immer mehr Einzelne sich lediglich ethisch korrekt verhalten müssten. In dieser ethischen Sichtweise kriegst du die politischen und ökonomischen Gesetze der Gesellschaft erst gar nicht in den Blick.
Im Folgenden will ich v.a. auf zwei Punkte eingehen: Im ersten Punkt will ich deinen Versuch kritisieren, deine Haltung/Einstellung (die du dir m.E. für alle wünschst, für alle richtig findest) so zu begründen, wie du es gemacht hast (es geht mir dabei nicht um deine Gefühle und deinen Lebensstil – dagegen habe ich nichts). Im zweiten Punkt will ich allgemeiner die "Methode" kritisieren, mit einer ethischen Kritik die Gesellschaft zu beurteilen.
Du willst Vegetarismus/Veganismus nicht durch ein Recht oder einen Rechtsanspruch legitimieren/ begründen/fundieren, sondern durch ein Gefühl, nämlich Mitleid.: >br> "Man braucht niemals etwas von Rechten gehört zu haben, um Mitleid zu empfinden oder altruistisch zu handeln. Sogar Tiere können so etwas, und die meisten davon könnten nicht mal das Wort schreiben… Ich würde Vegetarismus/Veganismus also niemals mit Rechten erklären, sondern mit Rücksicht, Mitleid, Respekt und ähnlichem Zeug. Tut mir leid, dass ich das nicht begründen kann – aber wer das fordert, dem glaube ich nicht, dass er diese Werte nicht auch in sich trägt. Ich glaube ihm nur, dass seine Vernunft andere Priöritäten setzt."
Ich fasse deinen Gedanken nochmals in meinen Worten zusammen: Deines Erachtens …
ist Menschen und (allen oder vielen) Tieren gemeinsam, dass sie Mitleid in sich haben. Dieses Mitleidsgefühl, dieser Mitleidsinstinkt existiert und wirkt unabhängig davon, ob diese Wesen vernünftig denken können. Der Mensch kann vernünftig denken. Das kann dazu führen, dass sein Denken ihn dazu bringt, nicht seinem Mitleid zu folgen. Du kannst diese These, dass jede/r den Wert des Mitleids in sich trägt, nicht begründen. Aber wenn jemand dem widerspricht, dann glaubst du ihm/ihr nicht.
Du unterstellst also nicht nur eine bestimmte, in diesem Falle „positive“ Natur des Menschen (d.h. ein Wesen des Menschen, welches durch den Wert Mitleid charakterisiert ist), sondern darüber hinaus auch, dass die Natur der (oder vieler) Tiere genauso beschaffen sei. „Mitleid“ scheint bei dir nicht nur zu einer anthropologischen Eigenschaft schlechthin stilisiert zu werden, sondern wird zugleich zu einer biologischen Eigenschaft schlechthin aufgeblasen, die den (oder vielen) Tieren ebenso eigen sei. „Mitleid“ taucht in deinem Denken als eine Art Natureigenschaft, als eine Art Naturinstinkt auf, welcher auch in die menschliche Natur hereinragt, hereinwirkt. Dieser "Mitleidsinstinkt", dieses Mitleidsgefühl könne nur dadurch in ihm unterbunden werden, indem der Mensch mittels seiner Vernunft etwas anderes als wichtiger setze.
Warum soll denn überhaupt Mitleid in jedem Menschen stecken? Ist Mitleid eine rätselhafte Natureigenschaft des Lebendigen? Oder können Menschen Mitleid überhaupt nur unter bestimmten gesellschaftlichen, sozialen und persönlichen Bedingungen entwickeln? Ein Mensch, der in seinem Leben nie Empathie und Liebe durch andere erfahren hat, wird es zumindest äußerst schwer haben, anderen gegenüber einfühlsam zu sein, sein zu können. Nicht, weil er einen "Naturdefekt" hat, auch nicht, weil seine Vernunft ihn davon ablenkt, sondern weil die individuelle Entstehung der Fähigkeit von Mitfühlen-/Mitleidenkönnen an soziale Umstände gebunden ist, die da sind oder eben nicht da sind.
Ist die emotionale Fähigkeit zu Mitleid bei einem Menschen mal entstanden, dann kann Mitleid ohne jede vernünftige Reflexion willkürlich bis verrückt sein: so konnte z.B. die deutsche Soldatenfrau im Nationalsozialismus etwa Mitleid mit ihrem angeschossenen Mann haben, der von der Ostfront kommt, aber nicht mit den Menschen, die er dort umbrachte, oder mit den jüdischen Nachbarn, die ins KZ kamen. Mitleid scheint extrem selektiv beim Einzelnen zu sein; und zwischen verschieden Gruppen von Menschen scheinen ebenfalls extrem unterschiedliche Maßstäbe für die Objekte des Mitleidens zu gelten.
Ich habe den Eindruck, dass ein Beispiel für die Herausbildung von Gruppen-Maßstäben für Mitleid auch ist, dass "vegan werden" bei einigen TierfreundInnen durch eine "Mitleidstour" angefeuert wurde: teils wurden sich "Tierhorrorvideos" (Filme über Massentierhaltung und Schlachtung) immer wieder angesehen, um sich Ekel und Mitleid sozusagen anzutrainieren bzw. zu verstärken. Auch diese Gefühle sind also nicht einfach so in ihnen vorhanden und fordern von sich aus bestimmte Handlungen, sondern werden bewusst verstärkt und absichtsvoll in Dienst genommen, um den Verzicht auf Lebensmittel, die vorher zum eigenen Speiseplan gehörten, zu erleichtern.
Des Weiteren: Du willst deine Sichtweise aus einem individuellen und konkreten Gefühl heraus begründen. Aber dabei verwandelt, transformiert sich dieses Gefühl bei dir, man weiß nicht wie, in einen "Wert", also in etwas Abstraktes; in etwas, über das also der Verstand urteilt. Mit dem Wert (bzw. der Wertigkeit), den (die) du einem Gefühl zuordnest, ist die Vernunft immer schon mit im Spiel; auch schon, wenn du überhaupt nur ein Gefühl von dir selbst bestimmen willst, es zur Sprache bringen willst – es z.B. inhaltlich/bedeutungsmäßig mit dem Begriff Mitleid assoziierst. Mittels deines Vernunftvermögens fällst du Urteile über Tatbestände, die implizit den Anspruch haben, allgemein gültig, wahr zu sein ("alle haben diese Werte in sich") – wenn du so etwas behauptest, finde ich, dann müsstest du dich auch auf eine vernünftige Auseinandersetzung einlassen, ob das denn stimmt, was dir dein Denken sagt – oder es eben sein lassen, von deinem Gefühl aus auf die Menschheit schließen zu wollen.
Falls du in die Richtung denkst, dass die "eigentliche" Natur des Menschen "positiv" sei, und sie das mit (allen oder vielen) Tieren gemeinsam hat (zumindest in Hinblick auf Mitleid und Altruismus) – wie verhältst du dich dann zu Menschen, die anderes oder gegenteiliges behaupten? Und die auch wie du den Anspruch haben, dass ihre Sichtweise, ihr Gefühl die ethisch korrekte Einstellung sei? Du willst dich gegen vernünftige Kritik und Diskussion immunisieren: Du schreibst, dass du nicht glauben willst, dass es Menschen gibt, die nicht auch deine beschriebenen und beurteilten Werte in sich tragen (sondern nur, dass die Vernunft einen anderes wichtiger finden lassen kann). – Was, wenn einer behauptet, die Menschennatur sei „eigentlich“ durch Mitleid charakterisiert, und ein anderer, sie sei „eigentlich“ durch (z.B.) Egoismus charakterisiert? Beide könnten auf "Beispiele" in der Wirklichkeit hinweisen. Wer hat nun „recht“? Wenn man (explizit oder implizit) Bestimmungen/Behauptungen darüber aufstellt, was den Menschen ausmacht, ist immer schon Vernunft nötig. Damit diese nicht willkürlich-beliebig ausfallen (dann sagen alle immer nur „ich habe recht!“ – „nein, ich!“; oder derjenige setzt sich durch, der mehr Macht hat) ist es des Weiteren nötig, dass man sich dazu ein paar vernünftige Gedanken macht, und sich darüber austauscht, also versucht, das Ganze gemeinsam vernünftig zu durchdenken. Wenn du gar nicht erst versuchen willst, das vernünftig zu durchdenken, dann kommt bestenfalls immer nur Beliebigkeit ohne Folgen heraus, und schlechtestenfalls setzt sich der Stärkere gewaltsam durch.
Wenn du damit „argumentierst“, dass deine Sicht richtig ist, die Sache trifft, weil du das im Gefühl hast, das fühlst, dann hast du immer sofort das Problem, dass andere Menschen anderes dazu fühlen können, und ihr euch nicht darüber vernünftig verständigen könnt, wenn alle immer nur auf ihr Gefühl als die "Wahrheitsquelle" pochen. Denn Gefühle sind nunmal bei jedem Menschen anders. Man kann einen anderen Menschen nicht davon überzeugen, ein bestimmtes Gefühl zu einer bestimmten Sache zu haben. Wohl aber kann man die durchdachten Gründe für eine Entscheidung oder Forderung vortragen, zur Diskussion stellen und damit dem/der anderen die Möglichkeit geben, diese nachzuvollziehen und selbst zu entscheiden, ob sie inhaltlich stimmen, oder zu begründen, warum nicht, oder nur teilweise. – Gefühle für sich genommen können also nicht sinnvoll zum Maßstab der gemeinsamen Kritik an etwas werden, vernünftige Erklärungen und Gründe schon.
Wie willst du z.B. einem Rassisten widersprechen, wie gegen ihn argumentieren, wenn er behauptet, „in echt“ gäbe es höher- und minderwertige Menschenrassen, und die Natur seiner Rasse sei zum Herrschen berufen, er fühle das in sich? Dann kannst du dem mit deiner Sichtweise nicht sinnvoll widersprechen, sondern ihm halt nur dein eigenes Gefühl zu der Sache abstrakt und von außen gegenüber stellen. Ich denke, dass man mehr und anderes tun kann, als sich anders (oder besser) als die Faschisten zu fühlen, wenn man solche Positionen hört. Statt ihnen nur entgegenzusetzen „ihr habt unrecht, ich fühle das“ und ihnen nur ein „anderes Menschenbild“ gegenüberzustellen – kann man das aufgrund vernünftigen Denkens mit Argumenten als falsch kritisieren, und darüber hinaus versuchen zu erklären, warum solche Positionen in dieser Gesellschaft immer wieder auftauchen, also worin seinerseits das seinen Grund hat – um eben diesen Grund, der mit der eigentümlichen Einrichtung dieser Gesellschaft zusammenhängt, dann am Besten praktisch aus der Welt zu schaffen. Wie wir diese Gründe bestimmen, bzw. wie wir uns die Entstehung faschistischen und rassistischen Bewußtseins erklären, kannst du in den entsprechenden Texten unserer Homepage nachlesen (und dich mit uns darüber argumentativ auseinandersetzen, wenn du denkst, dass da etwas inhaltlich falsch ist, denn wir sind immer an Kritik interessiert).
Ich hoffe, ich konnte verdeutlichen in was für Probleme du kommst, wenn du deine "politische Haltung" mittels eines Gefühls "begründen" willst.
Meines Erachtens ist damit auch der Versuch gescheitert, Vegetarismus/Veganismus auf die Art zu begründen, die du "vorschlugst". Gescheitert in dem Sinne, dass man dann mit gleichem Recht das eine und zugleich das genaue Gegenteil davon "begründen" kann; man sich dann nicht vernünftig damit auseinandersetzen kann, und man so letztlich in Beliebigkeit endet.
Etwas anderes wäre es, wenn du versuchtest, deine (veganen) Inhalte vernünftig zu begründen. Das ist sicher viel schwieriger, als nur einem Gefühl Ausdruck zu geben und sich in seinen Forderungen darauf zu berufen. Aber es könnte ggf. dazu führen, dass andere das als vernünftig einsehen können und entsprechend handeln könnten. Ein Handeln aus Einsicht, aus Vernunft, ist nicht durch Willkür oder Gewalt zustande gekommen, sondern in Freiheit, denn der/die DiskussionspartnerIn kann selbst, durch eigenes Nachdenken über diese Begründung, entscheiden, ob sie stimmen und sonst wiederum begründen, warum nicht. Darüber kann man dann diskutieren und ggf. zu einer gemeinsamen Kritik kommen. Du findest Mitleid einen "Wert", der als Grundlage für eine Ethik für alle von dir gewünscht wird. Du misst vermutlich dich selbst und deine Mitmenschen daran, vergleichst und beurteilst Handlungen in der Welt anhand deines ethischen Anspruchs/Maßstabs. Jedoch kann Ethik nicht nur nicht vernünftig über ein Gefühl begründet werden, sondern es ist auch schon an sich verkehrt, eine Ethik entwickeln zu wollen, um damit auf die Welt loszugehen – statt sich die Welt vernünftig zu erklären, um die Herrschaft abzuschaffen. Das soll im Weiteren erläutert werden.
Von überhaupt irgendeiner "ethischen Grundlage" als Basis einer Kritik/Sichtweise auszugehen, und "Ethisches" zur Richtschnur des individuellen (und gemeinschaftlichen) Handelns zu setzen, finde ich falsch. Denn es reduziert die allgemeinen, gesellschaftlichen, miesen Zustände auf besondere Verhaltensfragen Einzelner, nämlich auf die Frage: Wie (nach welchen Maßstäben) kann ich mich ethisch in dieser Welt, die oft Scheiße ist, die unsere gesellschaftliche Welt ist, verhalten? Wie kriege ich es hin, mein Ich möglichst wenig "schmutzig", sondern "rein" zu erhalten? Damit wird eine individualistische Perspektive (ein individueller "Lösungsversuch") auf die Probleme und Härten geworfen, die durch die Gesellschaft als Ganze erst produziert werden. Gesellschaft ist gerade nicht die Summe der jeweils einzelnen Handlungen, sondern diesen Handlungen als gesellschaftlicher Rahmen vorausgesetzt. Dieser "Rahmen" taucht in deinem Denken erst gar nicht auf. Wenn man z.B. in unserer Gesellschaft Lebensmittel (Wohnung, Essen, Kultur etc.) in der Regel nur gegen Geld bekommt, und in der Regel Lohnarbeit nötig ist, um an Geld zu kommen, dann ist daran, dass Lohnarbeit herrscht, nicht die Summe der Einzelnen "schuld". Genauso wenig kann Lohnarbeit einfach durch eine Verhaltensänderung abgeschafft werden, sondern erst durch eine Überwindung der in der Gesellschaft herrschenden politischen und ökonomischen Gesetze, die eben allen Einzelnen und ihren individuellen Handlungsspielräumen jeweils den Rahmen und die Bedingungen setzt/aufherrscht.
Das Problem an einer ethischen Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen und Erscheinungen besteht darin, dass letztere nicht erst begriffen werden, also erklärt würde, warum sie so sind, wie sie sind, warum diese Gesellschaft immer wieder genau diese hervorbringt. Sondern statt dessen vergleicht sie die Verhältnisse und Erscheinungen bloß mit einem (ethischen) Ideal und beurteilt sie danach. Eine solche Verfahrensweise ist auch eine bestimmte Verhaltensweise des eigenen Denkens der Gesellschaft gegenüber. In ihr werden mit einem willkürlich gesetzten Maßstab Sachen, Dinge, Zustände gemessen/beurteilt (über die man eigentlich doch etwas Stimmiges aussagen will, von denen man sich einen richtigen Begriff bilden will, die man verstehen will), und dadurch werden diese Sachen/Zustände verfehlt, nicht begriffen, missverstanden – eben weil der ethische Maßstab der beurteilten Sache äußerlich bleibt, ihr dadurch nicht gerecht wird, ihr bloß willkürlich von außen Wertigkeiten zuschreibt. Ich habe sehr den Eindruck, dass die meisten Menschen in unserer Gesellschaft mit einer ethischen Kritik/Sichtweise in ihrem Kopf herum laufen, und daher auch nicht verstehen, wie hier und heute die Gesellschaft und alle ihre Mitglieder durch Herrschaft zugerichtet werden – sie fragen gar nicht nach Gründen, sondern empören sich meist bloß. Und wenn´s Fragen gibt, dann meistens die: Wer ist schuld? Damit wird nach jeweils mangelhaften Charaktereigenschaften von Personen oder gar Gruppen gefahndet, und nicht nach den gesellschaftlichen Bedingungen und der gesellschaftlichen Logik von Handlungen gefragt; damit werden die herrschenden Verhältnisse dem Gesichtsfeld und damit der Kritik entzogen.
Während du behauptest, PolitikerInnen könnten erst gar nicht handeln ohne Ethik, geht die übliche ethische Kritik an der Politik in diesem Punkt eher umgekehrt zu deiner: es wird den PolitikerInnen und StaatsführerInnen unterstellt, sie hätten einen Mangel an Ethik, und würden aus diesem Grunde eine "schlechte" Politik betreiben. Es wird ihnen vorgeworfen, sie würden nicht genug "Gutes tun" für die soziale Gerechtigkeit/Frauen/Homosexuellen/Kinder/Umwelt/Tiere/Gesundheit/ usw. Üblicherweise wetteifern alle PolitikerInnen rhetorisch darum, dass genau ihre Partei am besten das sog. Allgemeinwohl vertreten würde, also für alle "gerechte", "gute" etc. Zustände verwirklichen wollen würde (und nur durch andere Parteien/ das Ausland/ die Globalisierung/ das Finanzkapital/ xyz daran gehindert würde). Es wäre naiv, nicht unterscheiden zu wollen zwischen den wirklichen Gründen für Politik einerseits (wie wir uns diese Gründe erklären, kannst du ebenfalls unserer Homepage entnehmen), und andererseits den Behauptungen über die Gründe für Politik durch die PolitikerInnen. Ebenso naiv wäre es, eine Art Wunschzettel an die Politik heranzutragen, und zu bemängeln, dass dieser nicht verwirklicht werde.
Diese "ethische Kritik"-Verfahrensweise taugt nichts für eine Erklärung der Realität, denn sie misst diese an einem behaupteten Ideal (und kritisiert halt einen Mangel der Wirklichkeit im Verhältnis zum Ideal), statt diese Wirklichkeit selbst zu erklären. Und statt sich zu fragen, ob diese Wirklichkeit denn überhaupt vernünftig eingerichtet ist. Denn das ist sie nicht. Weder gibt es einen vernünftigen Umgang der Menschen untereinander, noch zwischen Mensch und Natur. Nicht wäre die Vernunft dafür zu kritisieren, dass sie den Menschen von seinem angeblichen Mitleidsinstinkt abbringen kann, sondern zu kritisieren wäre, dass diese Welt in Wahrheit so unvernünftig eingerichtet ist, und daher mit System soviel überflüssiges Leid entsteht.
Weil du eine individualistische und ethische Perspektive einnimmst, und die Welt primär so wahrnimmst und beurteilst, verfehlst du auch ein bestimmtes Argument im Artikel; dort heißt es: "Massentierhaltung ist keine schöne Sache, doch sie hat ihren Grund nicht in der verwerflichen Bösartigkeit der Massentierhalter. Diese haben sich nicht das Ziel gesetzt, möglichst viele Tiere zu quälen, sondern sie sind dem gesellschaftlichen Zwang unterworfen, mit ihrem Betrieb Profit zu machen. Tun sie dies nicht, gehen sie pleite und ein anderer Betrieb nimmt ihren Platz ein."
Du schreibst dazu: "Aber seit wann ist >dann hätte es eben ein Anderer gemacht< ein Argument? Als ob jeder Mensch im Kapitalismus ohne Prinzipien leben würde…"
Das Argument im Artikel war nicht "wenn ich nicht in der Tierindustrie arbeite, dann macht es eben ein anderer – also egal". Das Argument im Artikel wies auf die Auswirkungen der gesellschaftlichen Zwänge hin. Du verdrehst das zu einem Entschuldigungsversuch für die Einzelnen. Der Artikel wies darauf hin, dass der Grund für die Tierindustrie nicht in einer jeweils individuellen Bösartigkeit oder mangelnden ethischen Einsicht der Betreibenden besteht, sondern in den Gesetzen einer kapitalistisch verfassten Gesellschaft zu suchen ist.
Im Kapitalismus müssen alle Produkte als Waren produziert, verteilt und konsumiert werden. So tauchen auch Tierprodukte als Waren auf, mit denen sich ein Geschäft machen läßt. Alle müssen sich aufgrund der kapitalistischen Gesetze jeweils individuell darum kümmern, über den Markt an Geld zu kommen, um zu überleben; entweder als bloßer Verkäufer ihrer selbst als Ware Arbeitskraft, oder als EigentümerIn eines Unternehmens, dass Arbeitskräfte einkauft, um durch den Verkauf der von ihnen produzierten Waren einen Profit zu erzielen. Da sich mit Tierprodukten offenbar ein Geschäft machen läßt, nutzt es nichts, wenn ein Kapitalist aus Mitleid seine Tierfabrik dicht macht (oder eine Arbeitskraft aus Mitleid dort nicht arbeiten will) – dann wird ein anderer halt seine Marktanteile übernehmen (oder ein anderer dort arbeiten) und sonst ändert sich nichts. Diese gesellschaftliche Realität nur dergestalt zu kritisieren, dass man den Betreffenden einen ethischen Vorwurf macht, blendet eben die gesellschaftlichen Zwänge aus, denen die Individuen unterworfen sind und fordert nur eine jeweils individuelle Gewissensentscheidung, die in dieser Gesellschaft eben bedeuten kann, dann keinen Job bzw. keinen Betrieb mehr zu haben, also auch keinen Lebensunterhalt bzw. nur noch Hartz4. Solange gewisse Prinzipien des gesellschaftlichen Funktionierens herrschen (z.B. dass der Zweck des ganzen Produzierens im Profitmachen, und nicht in einer vernünftigen Bedürfnisbefriedigung Aller besteht), werden keine individuellen Verhaltensentscheidungen diese gesellschaftlichen Prinzipien ändern.
Das soll nicht dagegen sprechen, dass Individuen sich innerhalb dieses gesellschaftlichen Rahmens entscheiden können, bestimmte Handlungen zu unterlassen (z.B. Fleisch essen) oder zu tun (z.B. FairTrade) – aber man sollte diese privaten ethischen Entscheidungen nicht mit politischem Handeln verwechseln: denn wer z.B. die Tierindustrie und die weltwirtschaftlichen Machtverhältnisse wirklich abschaffen will, muss zunächst begreifen, worin diese ihre Gründe haben, um sie dadurch vernünftig kritisieren und zielgerichtet angreifen zu können.
Falls du und dir politisch Nahestehende Interesse haben, über diese Themen mit uns zu diskutieren, dann melde dich ruhig noch mal! Viele Grüße, M.

Im Dezember 2007 erreichte uns folgender Leserbrief in Reaktion auf den Text: Wie die Krankenschwester in das Sparschwein passt… oder: Über das Spenden. Unsere Antwort folgt darunter.

P. aus B. schreibt:
Über Sinn und Unsinn von Werbung läßt sich streiten, über den des Spendensammelns auch. Da das aber nicht der Schwerpunkt des Artikels sein sollte, beschränke ich mich auf die Aussage zu den Ursachen der Armut und der Art der Hilfe in Afrika. Mit ein Hauptproblem – neben beobachteten kapitalistischen Strukturen – ist eine Massenarmut und eine breite Marginalisierung der Armen, die man allein durch eine ökonomische Neuausrichtung nicht in den Griff bekommen wird. Wichtig ist, bei den Ursachen, nämlich der Sprachlosigkeit der Armen, anzustzen. Wie kann man Menschen helfen – und ihnen auch zu mehr Kaufkraft verhelfen – die von der Gesellschaft nicht beachtet werden und die sich auch selbst aufgegeben haben? Indem man ihnen hilft zu erkennen, dass sie selbst etwas erreichen können; indem man ihnen hilft sich selbst zu organisieren; indem man ihnen hilft zunächst im existierenden System Fuß zu fassen und sich zu behaupten. Das tut die Kindernothilfe in inzwischen sieben Ländern Afrikas, wo durch intensive Beratung und Begleitung bisher 6000 Selbsthilfegruppen entstanden sind, wo vor allem Frauen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, ihre wirtschaftliche Situation verbessern konnten und sich organisiert haben, um u. a. auch politisch aktiv zu werden. Das war für sie vorher undenkbar und sie sich das selbst nicht träumen lassen. Und so ganz nebenbei: über 300.000 Kinder aus den Familien dieser Frauen können dadurch (wieder) in die Schule gehen, weil die nötigen Schulbücher und Uniformen (oft der einzige Hinderungsgrund für den Schulbesuch armer Familien) bezahlt werden können. Diese Prozesse anzustoßen und zu begleiten kostet Geld, viel Geld. Deshalb sammelt die Kindernothilfe dafür; auch auf unkonvetionelle Weise und nicht mit hungrigen und traurigen Kinderaugen. Denn ein bißchen Mitleid und ein Almosen für eine Schüssel Reis ändert nicht die Verhältnisse der armen Bevölkerung in Afrika. Die Eigeninitiative der Menschen schon! Dazu einen Beitag zu leisten lohnt sich. Dafür auf ein bißchen Schönheitspflege oder Modeschmuck zu verzichten erst recht!

Unsere Antwort:
Hallo Herr P! Sie schlagen vor die Armen zu aktivieren, damit sie sich selber durch Aktivität und Hoffnung aus ihrer Armut befreien. Und wir wollen auch gar nicht bestreiten, dass hin und wieder eigene Aktivitäten eine/n aus einer trostlosen Lage herausholt. Nur: Genau so wenig wie jeder Tellerwäscher Millionär werden kann, nur weil ein oder zwei Tellerwäscher unter Millionen Tellerwäschern Millionär wurden, genauso wenig hilft es den Armen, sich einfach mal ein Herz zu fassen und mit Hilfe westlicher Organisationen am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Das Problem der Armut ist ein Strukturelles: Die kapitalistische Produktionsweise fordert notwendig die Ansammlung von Reichtum auf der einen und von Armut auf der anderen Seite; und das gilt verschärft für Länder, in denen es noch nicht einmal einen ordentlichen Kapitalismus gibt. Die Länder, in denen es nicht eine "soziale Frage" sondern Massenhunger gibt, sind Länder die nur Rohstoffbasis und verlängerte Werkbank der kapitalistischen Metropolen sind. Die Bevölkerung dort ist unter anderem störend, weil ihre bisherige Art, sich das Leben zu erwerben, kein kapitalistisches Geschäft ist, im Zweifelsfall nicht konkurrenzfähig ist und kein bisschen Kaufkraft in ihren Händen akkumuliert. Wenn nun die Kinderhilfe Frauen empowert und Kindern Schuluniformen (was wir in Europa ganz schrecklich finden) bezahlt, mag das den Einzelnen sogar eine Chance bieten. Eine Chance, mehr nicht. Denn ob Bildung etwas hilft, oder ob das nur dazu führt, dass man in mehreren Sprachen schreien kann, wenn man auf dem Zaun, der Ceuta und den Rest Afrikas trennt hängt und verblutet – DAS zu entscheiden, liegt weder bei den Leuten, noch bei der Kinderhilfe, noch bei uns. WAS etwas helfen würde – was aber wieder weder die Leute, noch Sie, noch wir zur Zeit zu entscheiden haben – wäre ein gründliche ökonomische "Neuausrichtung": Nämlich eine, die nicht nach "Kaufkraft", sondern nach Bedürfnissen fragt; eine die die Ernährung der Menschen zum Zweck macht und nicht als ärgerlichen Kostenfaktor behandelt. Aber: Wir sind da – weil's uns um die Leute geht – bescheidener: Selbst eine Änderung, die nur den Leuten die Flucht aus der Armut in die Metropolen erlauben würde, würde ihnen mehr helfen, als das selbstbewusste Gefühl, immerhin ihre Armut voll im Griff zu haben. Beste Grüße, T.

Im November 2007 erreichte uns folgender Leserbrief in Reaktion auf den unseren Selbstverständnistext 'Über uns'. Unsere Antwort folgt darunter.

L. aus B. schreibt:
mir ist in eurem \\\"über uns\\\"-text ein irrelevantes detail aufgefallen, und ich dachte, ich weis einfach mal darauf hin. ihr schreibt:
\\\"Übrigens stört uns nicht das gute Leben der Herrschenden. Sondern daß Schampus und Seide nicht für alle weltweit stinknormal sind, obwohl das möglich wäre.\\\"
in der stossrichtung teile ich diese ansage natürlich, jedoch sagt wikipedia:
\\\"Die Raupen verpuppen sich, wobei sie die Seide in speziellen Drüsen im Maul produzieren und in großen Schlaufen in bis zu 300.000 Windungen um sich herum legen. Sie werden in ihren Kokons mithilfe von Heißwasser oder Wasserdampf vor dem Schlüpfen abgetötet, um zu verhindern, dass diese zerrissen werden.\\\"
daraus schliesse ich spontan, dass es durchaus probleme bereiten könnte, seide \\\"für alle weltweit\\\" herzustellen. (dieser widerspruch könnte euch im entscheidenden moment das genick brechen!) zudem schiene es mir (als wenig ökologie-begeisterte) schon etwas bedenklich, mit den ganzen raupen. ihr versteht.
noch etwas ernsthaftes: \\\"Auch jener soziologische Bilderbuchmarxismus mit seinen farbigen Klassen, Schichten und sozialen Gruppen, in dem es von \\\"Kräfteverhältnissen\\\" und \\\"Interessen\\\" nur so wimmelt, aus denen dann auch noch die richtige Strategie entspringen soll, ist bei uns nicht wohlgelitten.\\\" habt ihr dazu schon etwas geschrieben? oder halt n link oder sowas? interessiert mich. dankeschön.

Unsere Antwort:
Hallo L.! erst mal zum spaßig gemeinten Argument: Du willst ja auf die Beschränktheit der ökologischen Ressourcen hinaus. Das haut bei Seide nicht so recht hin, erstens gibt's ja auch schon ganz schön viel davon, und zweitens gibt es noch größere Ecken der Welt, wo wir Maulbeerbäume anpflanzen könnten, Seidenraupen züchten – Kleinigkeit. (Mit dem Champagner hättest du uns eher kriegen können; denn genug weiße Weintrauben in einer französischen Region anzubauen, um die ganze Welt zu versorgen, wird schwierig. Aber was sollen wir dir die Argumente liefern, auf die du nicht gekommen bist. :-) ) Der Ernst zum Spaß: Seide und Champagner stehen für heute luxuriöse Bedürfnisse, die mit Leichtigkeit befriedigt werden könnten, wenn dies denn der Zweck der Produktion wäre. Die Armut und die Einschränkung heute sind nicht Folge davon, dass es technisch nicht möglich wäre, den Menschen ein lebenswertes und durchaus angenehmes Leben zu sichern. Zudem: Die alte VWL-Weisheit, die Ressourcen der Welt seien endlich, die Bedürfnisse aber unendlich, ist ein Quark und eine Verlängerung von Verhältnissen, in denen Leute dauernd nicht zum Zuge kommen. Solange das so ist, und Geld der Maßstab der Bedürfnisbefriedigung ist, würden Leute immer ganz viele Sachen von allem Habbaren haben wollen, um es zu veräußern, Geld einzunehmen und sich den unbegrenzten Zugriff auf alle möglichen Dinge zu eröffnen. Die ganze Zeit aber nur mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass schon wieder eine Zeit kommen wird, wo sie das nötig haben, weil sonst ihre Bedürfnisse nicht befriedigt werden. Ansonsten sind Bedürfnisse gar nicht maßlos, spätestens der fünfte Seidenpyjama wird langweilig. Nicht alle mögen Seide, nicht jedem schmeckt Champagner; darum machen wir uns übrigens auch in einer befreiten Gesellschaft keine Sorgen um die Lachs- und Störbestände – du weißt schon, Lachshäppchen und Kaviar für alle. In dem Moment wo diese Dinge kein Luxus mehr sind, sondern Gebrauchswerte, die für alle zugänglich sind, wie viele andere auch, lässt auch ihre Faszination nach.

Zum Ernst: nee, haben wir nicht. Man kann zwar bei einigen Texten von uns erahnen, was uns an all denen stört, die die Welt nur als – geronnene, erkämpfte, verdichtete usw. – Kräfteverhältnissen interpretieren. Sie wollen auf die Veränderbarkeit der Welt hinaus, was wir ja okay finden, aber unterschlagen erst mal, was die "gegebenen Verhältnisse" mit den Menschen machen und ihnen als Notwendigkeit aufherrschen. Mit Marx haben solche Theorien mit bedeutungsschwangeren Ideen, was "die Kleinbürger", "die Angestellten", "die Industriearbeiter" gerade objektiv wollen müssen, zwar ein bisschen was zu tun, aber richtig sind sie nicht. Eine ökonomische Lage schafft zwar objektive Interessen, aber keineswegs ein bestimmtes Bewusstsein über diese Lage und diese Interessen. Was uns fast noch mehr stört, ist, dass diese Leute aus der Tatsache, dass die Arbeiterklasse bestimmte Dinge erkämpfen musste, immer nur festhält, dass sie "immerhin" erkämpft wurden – und sich damit über die Gemeinheit von Verhältnissen hinwegsabbelt, die es nötig machen, noch die simpelsten Voraussetzungen der eigenen Existenz gegen Staat und Kapital durchsetzen zu müssen. Du findest, dass das jetzt mehr behauptet, als bewiesen ist? Recht hast Du. Komm einfach mal auf ein Seminar und diskutier mit uns. Liebe Grüße, X.

Im Oktober 2007 erreichte uns folgender Leserbrief in Reaktion auf den Text: Meine Freunde ess ich nicht – Kritik am Veganismus. Unsere Antwort folgt darunter.

J. aus B. schreibt:
Meine Stellungname zum Text (ich versuchs so objektiv wie möglich, wobei das bei einer Entscheidung, die aus Gefühlen resultiert wenig möglich sein kann):
1. Der Autor versucht als Spezizist erster Klasse den Veganismus zu kritisieren. Er sagt, der Lebensstil (auch der vegane) beruhe erstmal auf der freien Entscheidung jedes Menschen und sei nicht kritisierbar (\"sei erstmal ihre Sache\"), gleichzeitig beschreibt er die Begründung des Veganismus aber als \"unangenehm\" ohne zu schildern inwiefern er persönlich betrofffen ist, ohne einen Grund, warum er diese Begründung als unangenehm empfinden könnte.
2. Er sagt, der Veganer hätte den Wunsch \" die Differenz zwischen Mensch und Natur zur Seite der Natur hin aufzulösen\". Aber wo bitte steckt die Differenz zwischen Mensch und Natur? Sind wir nicht ein Teil der Natur? Was sind wir sonst? Wir stellen Sachen her, die nicht natürlich sind, aber selber gehören wir schon dazu, oder?
3. Dann führt er ein Gegenargument an, dass doch eigentlich für Veganer spricht. Er sagt, die Natur könne nur vom Menschen reflektiert werden um sie zielgerichtet zu verändern und behauptet Veganer würden das ablehnen. Aber grade das ist es doch. Von Natur aus esse ich Fleisch, nur durch die Vernunft, durch die Wissenschaft und den freien Willen kann ich die Natur reflektieren alternativen dazu finden. Ich lebe jetzt eben nicht mehr in der Steinzeit und jage mir mein Fleisch, der Mensch kann sich grade durch seine Vernunft davon abwenden! Wenn ich in einem weniger entwickelten Land leben würde, könnte ich mich garnicht so versorgen, dass ich als Veganer gesund lebe.
4. Der Autor sagt, der Mensch würde dem Tier ein \"Rechtsbewusstsein andichten\", \"müsste sich zum Anwalt erheben\" und das stehe nicht in seiner Macht. Einerseits dichte ich keinem Tier ein Rechtsbewusstsein an. Ich gehe nicht davon aus, dass das Schwein es ungerecht findet in einem Käfig zu leben ABER ich denke, dass auch das Schwein (wie der Hund oder der Marienkäfer) Schmerzen spürt, wenn ich es töte! Wenn ich nem Hund auf die Pfote trete macht er seinen Schmerz doch deutlich, oder? Und wieso steht es nicht in der Macht des Menschen sich zum Anwalt zu erheben, wenn es doch in seiner Macht zu stehen scheint sich als von der Natur getrennt zu betrachten und sie so zum Herr über die Erde zu machen? Wieso kommt von einem \"liken\" die Aussage, dass der Mensch sich nur über andere erheben darf(!) um sich zu bereichern? Ich werde doch von seiner Argumentation dazu gezwungen mich zum Anwalt zu erheben, weil ich doch das einzige Lebewesen bin, dass über Vernunft verfügt.
5. Zu der unterstellten \"Selbstkasteiung\" muss ich glaube ich nichts sagen. S.o -> Vernunft
6. Nein, die Massentierhalter machen sich einfach keine Gedanken über das Tier als Lebewesen, es ist nur Ware. Ein kg Ferkel kostet zZt 0,85€! Das auch Menschen ausgebeutet werden ist klar, aber welcher Veganer sagt es ist ok Menschen auszubeuten? Klar muss der Kapitalimus abgeschafft werden, aber wie man sieht ist es heute schon möglich \"sich aus freiem Willen zu entscheiden wie ich mein Verhältnis zur Natur organisiere\".
Fazit: Ich glaube, der Autor hat noch nie einen Veganer von nahem gesehen. Die einzige Quelle auf die er sich bezieht sind die Slogans, die man auf jeder Tierrechtsdemo um den Kopf gehauen bekommt und sollten auf jeden fall nicht die gesamten Beweggründe des Veganismus repräsentieren (die er ja eh als \"unangenehm\" empfindet). Er widerspricht sich laufend selber oder benutzt Argumente die (aus meiner Sicht) für den Veganismus sprechen, gegen ihn. Es ist einfach genausowenig möglich als Rassist eine diefferenzierte Kritik zu schreiben, wie es ihm als Spezizist möglich war. Im Grunde will der Autor doch nur wieder darauf hinaus möglichst viele davon zu überzeugen, dass der Kapitalismus abgeschafft werden muss, als das er sich wirklich mit dem Veganismus auseinandersetzen will.

Unsere Antwort:
Hallo J.! zunächst sei dir versichert, dass die Autorin durchaus VeganerInnen kennt – und auch von nahem. Deine Argumentation geht insgesamt ein bisschen ins Leere: Wenn du sagst, dass du als Mensch, als vernunftbegabtes Lebewesen den vorhandenen Stand an Naturbeherrschung ausnutzen willst, um in Deinem privaten Lebensstil möglichst wenig Leiden von nicht vernunftbegabten Lebewesen mit zu verschulden – nur zu. Das ist zwar sehr moralisch gedacht ("verschulden"'), aber wir wollen dir deine veganen Pasten gar nicht verekeln. Was wir hingegen kritisieren ist erstens, wenn uns Ernährungsfragen als politische Handlung verkauft werden und sich im Glauben gewogen wird, mit jedem Brot, das mit veganer Sojapaste bestrichen ist, würde die Welt ein bisschen besser werden. Zum einen muss man sich die entsprechende Paste erstmal leisten können – billig ist so ein gutes Gewissen nicht zu haben, soviel zur Illusion, im "hier und jetzt" seinen Bezug zur Natur schon mal ganz herrschaftfrei zu organisieren. Unterschlagen sind die Verhältnisse, unter denen diese Paste hergestellt wurde. Du schreibst: "Das auch Menschen ausgebeutet werden ist klar, aber welcher Veganer sagt es ist ok Menschen auszubeuten?" Das "auch" ist schon mal komisch, Tiere werden nicht ausgebeutet, sondern benutzt, aufgezogen, gefüttert und geschlachtet, um Profit zu machen. Das damit gleichzusetzen, dass jemand deine Arbeitskraft aufkauft, um aus deren Benutzung einen Gewinn über die Kosten hinaus zu erzielen, trägt zur Erklärung nix bei. Ärgerlicher noch: Mal wieder wird das, was Menschen Menschen antun, gleichgesetzt mit dem, was Menschen Tieren antun. Aber dir würde nie in den Kopf kommen, Löwen vorzuwerfen Antilopen "auszubeuten". Wahrscheinlich weißt Du, dass es durchaus Veganer gibt, die definieren, dass es zu viele Menschen gibt, die Menschen als unnatürliche Störfaktoren des Planeten Erde behandeln. Du schwindelst dich also über die – zugegeben nur möglichen, nicht unbedingt notwendigen – menschenfeindlichen Konsequenzen des Veganismus hinweg (wir wollen auf so eklige Sachen, wie die Gleichsetzung von Tiermast mit der Shoah und der damit einhergehenden Abwertung der Opfer und der völligen Abstraktion von den Gründen, warum die Nazis Millonen von Juden umgebracht haben, gar nicht weiter eingehen). Noch mehr: Magst du uns bitte erklären, warum du als gute Veganerin keine Wollpullover und keinen Honig zu dir nimmst? Mit Leiden ist es nicht verbunden, sondern Benutzung von Natur. Ganz viele Veganer stört das – ein Hinweis darauf, dass sie eben nicht das rational gelassenes Verständnis von Mensch und Natur, das du zu haben vorgibst, haben, sondern den Unterschied zwischen Mensch und Natur durchstreichen. Du fragst – fast möchten wir sagen: rhetorisch – was denn der Unterschied zwischen Mensch und Natur ist, ob der Mensch nicht auch Teil der Natur sei. Dabei benennst du den Unterschied selber recht klar: Menschen sind vernunftbegabt, können sich entscheiden und sind Argumenten zugänglich. Du wirst schon wissen, warum du uns eine Mail geschickt hast – und nicht im Löwenkäfig Flugblätter verteilt hast. Viele Grüße, T., jungelinke

Im Juni 2007 erreichte uns folgender Leserbrief in Reaktion auf den Text: NPD-Aufmarsch verhindern, Deutschland bekämpfen. Unsere Antwort folgt darunter.

J. aus L. schreibt:
Ich finde den Artikel aufschlussreich und stimme Euch in einigen Punkten auch zu. Was ich nicht ganz nachvollziehen kann, ist der letzte Absatz. Ich denke nicht, dass nur unser politisches System Nazis hervorbringt! Unser Staat unterscheidet sich noch extrem von dem Staat, den die NPD will. Und was ist den Euer Vorschlag, wie die Selbstidentifizierung der Menschen mit der Arbeit und dem Land abgeschafft werden sollte? Da sind wir wieder bei der Verstaatlichung und Vergesellschaftung angekommen. Und wie enteignet man Menschen? Mit Gewalt! Ihr solltet Eure Ansichten evtl. auch mal zu Ende denken. Was dann dabei herauskommt, ist das demokratisch?

Unsere Antwort:
Hallo J.! Du schriebst:
Ich denke nicht, dass nur unser politisches System Nazis hervorbringt!

Der Absatz unseres Textes, auf den sich deine Kritik bezieht, war ja:
Fast möchte man fragen, was eigentlich Demokraten an Faschisten stört. Der Nationalismus kann es nicht sein. In einem Land, durch das gerade erst im Sommer eine Welle der Begeisterung für "sich selbst", für "uns", für "Deutschland" schwappte, passt eine Partei, deren Programm "Deutschland zuerst" heißt, doch eigentlich prima. Die Nazis denken konsequent das zu Ende, was die ganz normale bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft zur Grundlage hat: Staat, Nation, Volk, Kapital. Und genau das ist das Problem der Demokraten: Die Nazis sind so konsequent, dass sie keine Rücksichten nehmen wollen auf die Weltordnung, die Deutschland mitgestaltet hat. Als gute Nationalisten wollen sie rücksichtslos ihrer Nation, und als harte Idealisten einer Volksgemeinschaft dienen, in der alle nichts anderes tun, als sich für "Volk und Vaterland" aufzuopfern. Nazis können sich weder unterschiedliche Interessen vorstellen, noch ist ihnen klar, wozu man die Führung, die das umsetzt, langwierig wählen soll. Wenn Antifaschisten diese Gesellschaft gegen ihre radikalen Fans verteidigen, dann schützen sie jene Verhältnisse, die die ganze Zeit über Faschisten hervorbringt.

Mir ist nicht ganz klar, welche Stellung das "nur" in deinem Satz hat. Geschrieben haben wir ja nicht, dass _nur_ diese Gesellschaft und sonst keine andere mögliche Gesellschaft Nazis hervorbringen kann. Wir leben ja alle erstmal hier und stellen fest, dass diese Gesellschaft faktisch immer wieder Nazis hervorbringt. Die andere Deutung des "nur"s könnte sein, dass Du meinst, es gäbe neben dem "politischen System" noch andere Faktoren, die Nazis hervorbringen. Natürlich muss auch so ein Nazi selbst auf seine falschen Ideen kommen, für ihn denken kann niemand. Also kann man sich das nicht so vorstellen, als würden die herrschenden Verhältnisse ständig Nazis produzieren, die da gar nichts für können. Ganz sicher also nicht "nur" das politische System. Auf der anderen Seite trägt eben jenes "politische System" durchaus dazu bei, dass so viele Leute auf die Naziideen kommen.

Mir scheint, dass Du darauf hinaus willst, dass dieses "politische System" gar nichts damit zu tun hat, dass hier Nazis herumlaufen. Denn wir hatten ja bloß geschrieben, dass man sich schon mal wundern kann, wie sehr sich Nazis und ihre demokratischen Gegner in vielen Fragen eigentlich einig sind: Staat, Nation, Volk, Kapital. Dass sind doch alles Sachen in denen sich Bürger und Nazis nur graduell unterscheiden. Das mag für einen persönlich eine Menge ausmachen, weil die Bürger zu nicht so drastischen Maßnahmen greifen – Faschos treten schon mal für die komplette Auslöschung der Feinde der eigenen Nation ein – trotzdem ist Faschismus eine durchaus mögliche (nicht notwendige) Konsequenz aus Begeisterung der Bürger für seinen Staat.

Du schreibst weiter:
Unser Staat unterscheidet sich noch extrem von dem Staat, den die NPD will.

Wir haben die Antwort darauf, ob es denn noch einen Unterschied gebe, doch auch gleich angehangen, nämlich, dass Nazis die Gemeinheiten bürgerlicher Herrschaft ziemlich klar zuende denken, wovor Demokraten zuweilen zurückschrecken.

Wir haben doch gar nicht geschrieben, dass der deutsche Staat ein faschistischer wäre. Wir haben nur deutlich gemacht, dass Demokraten und Faschisten oft das gleiche wollen, weswegen Demokraten Faschisten auch so schlecht inhaltlich kritisieren können: Denn die doofe Idee, sich für's Vaterland zu opfern ("Frage nicht, was der Staat für Dich tun kann, sondern was Du für den Staat tun kannst"), kann ein treuer Staatsbürger doch gar nicht kritisieren, denn dann ist er keiner mehr. Klar schrecken viele Demokraten vor den Konsequenzen der Nazis zurück, das haben wir auch nirgends bestritten. Nationalismus (manchmal nennt der sich auch Patriotismus oder 'Sommermärchen') ist immer schlecht, darum sollte man den kritisieren. Zusätzlich produziert der Nationalismus der Bürger immer wieder Nazis, welche einfach ein Stück weiter gehen, wenn es darum geht die Nation über den Einzelnen zu stellen. Die Bürger leisten sich da einen Spagat (auf der einen Seite nutzt mir Staat, auf der anderen Seite ist er mir ein Hindernis), den so ein Faschist nicht mitmacht: Er hat sich für den Staat entschieden.

Du schreibst:
Und was ist den Euer Vorschlag, wie die Selbstidentifizierung der Menschen mit der Arbeit und dem Land abgeschafft werden sollte?

Wir machen nicht nur Vorschläge, wir praktizieren sie sogar. Die einzige Möglichkeit Leuten klarzumachen, dass die herrschenden Verhältnisse schlecht sind, ist mit ihnen zu diskutieren. Deswegen schreiben wir solche Texte, veranstalten Seminare und diskutieren mit Leserbriefschreiberinnen.
Du schreibst:

Da sind wir wieder bei der Verstaatlichung und Vergesellschaftung angekommen. Und wie enteignet man Menschen? Mit Gewalt! Ihr solltet Eure Ansichten evtl. auch mal zu Ende denken. Was dann dabei herauskommt, ist das demokratisch?

Wieso kommt man denn bei Verstaatlichung an, wenn man den Staat kritisiert? Aber das nur am Rande. Dir unterläuft da aber ein größerer Fehler: Du trennst zwischen gewaltsam und demokratisch, d.h. Du machst dazwischen einen Gegensatz auf. Diesen Gegensatz gibt es doch gar nicht: Der demokratische Staat beansprucht doch gerade das Gewaltmonopol für sich. Er legt fest, was die Spielregeln des allgemeinen Umgangs sind (Gesetze) und wer sich nicht daran hält, bekommt es mit der Polizei zu tun. Wenn man Hunger hat, darf man sich das Essen, was ja überall rumliegt, nicht einfach nehmen, dann wird man nämlich bestraft. Das ist ziemlich gewalttätig und gleichzeitig sehr demokratisch. Schließlich darf man ja alle vier Jahre sein Kreuz bei der Partei machen, von der man sich wünscht, dieses Verhältnis weiter zu organisieren. Die Demokratie ist eine Herrschaftsform, deswegen würde mich auch gar nicht stören, wenn irgendwann mal etwas entsteht, was nicht so gewaltvoll funktioniert.

Würde mich interessieren, was Du dazu meinst. Schöne Grüße, K.

Im Mai 2007 erreichte uns folgender Leserbrief in Reaktion auf das Referat zur Kritik des Bedingungslosen Grundeinkommen. Unsere Antwort folgt darunter.

M. der Gruppe S. aus D. schreibt:
aber irgendwie seid ihr doch dann doch wieder dafür – die Bedingungen die ihr an ein bge stellt sind in der BGE-Bewegung Konsens. Also lasst uns doch lieber gemeinsam dafür streiten, statt im eigenen Lager zu zanken. zur Höhe: Je höher, desto besser – einstieg mit 850€ wär ok, dann können Erhöhungen erkämpft werden. Wenn die Arbeiterklasse endlich begreift, dass es ihre Aufgabe ist gegen nicht für die Lohnarbeit zu kämpfen.

Unsere Antwort:
Hallo M.
die Argumente, die wir in unserem Text gebracht haben, sind keineswegs Konsens in der BGE-Bewegung. Und auch die Bedingung, die wir an Forderungen knüpfen, nämlich „Armut abschaffen“, ist in der BGE-Bewegung nicht Konsens. Dazu haben wir in dem Text immerhin sehr differenziert auf die verschiedenen politischen Lager aufmerksam gemacht, die sich unter dem BGE versammeln. Von Solid haben wir auf die schnelle keine ausführliche eigene Position im Netz zu dem Thema finden können, vielleicht wird die Differenz aber noch einmal deutlicher, wenn wir im Besonderen auf die „Bundesarbeitsgemeinschaft Grundeinkommen – die Linke“ (BAG) eingehen. Wir wollen uns im Folgenden also doch mit Dir streiten und zanken. Nicht aber, weil wir Uneinigkeit so schlimm finden, ein besonders kleiner Zirkel sein oder partout nichts bewirken wollen, sondern weil wir meinen, dass erst die Einigkeit in der Kritik und den daraus folgenden Forderungen aus einer Menge Leute eine wirksame Kraft macht, die was vernünftiges erreicht.
Im Folgenden beziehen wir einige Gedanken des BAG-Grundeinkommen auf unser Flugblatt. Wir wollen das Flugblatt aber nicht noch mal neu schreiben, daher bitten wir Dich, ggf. die entsprechenden Stellen aus unserem Text noch mal nachzulesen.

1) Wir haben in dem Text darauf aufmerksam gemacht, dass z.B. das Konzept von Götz Werner ein Lohn- und Sozialstaatssenkungsprogramm ist. Wir haben weiter viele linke Vertreter des BGE dafür kritisiert, dass sie sich immer zu auf die weit verbreitete gesellschaftliche Anerkennung ihres Konzeptes berufen und damit die unterschiedlichen Zwecke zuschütten, die verschiedene Vertreter erreichen wollen. Mit dem Argument, es ist doch realistisch, weil selbst Götz Werner das Konzept vertritt, schütten sie ihr linkes Anliegen zu.
Auf der Frontseite der homepage der BAG-Grundeinkommen-die Linke findet sich jetzt widersprüchliches: Einerseits verweist der SprecherInnenrat darauf, dass das Götz-Werner-Modell weniger bringt als die heutige Sozialhilfe und wollen sich davon abgrenzen. Andererseits bezeichnet Ostertag, der Bundeskoordinator BAG Grundeinkommen in einem weiteren Artikel Götz Werner als einen „bedächtigen und wohlüberlegten Gesellschaftsreformer“. (siehe Leserbrief zum SPIEGEL-Gespräch mit Götz Werner).
Der BAG sollte sich mal entscheiden: Ist Götz Werner ein politischer Gegner oder ein interessanter Reformer? Zitate: http://www.die-linke-bag-grundeinkommen.de/

2) In einem offenen Brief des BAG an die Programmgruppe von Linkspartei.PDS und WASG, bringen die Schreiber ein gutes Argument:
„An dieser Stelle möchten wir, liebe Genossinnen und Genossen, liebe Freundinnen und Freunde, auf einen logischen Bruch in den "Eckpunkten" aufmerksam machen. In dem eingangs erwähnten Einschub steht weiter: ‚Da wir Zwang zur Arbeit ablehnen, stellt sich das Problem: Wie können zumutbare Arbeit und Bedürftigkeit bestimmt werden?’ Das verstehen wir nicht. Wer es ablehnt, Menschen zur Arbeit zu zwingen, dem stellt sich das Problem, "zumutbare" Arbeit definieren zu müssen, doch gerade nicht. Denn wäre ihm diese Definition erst einmal geglückt, dann hätte das ja wohl zur Folge, dass ein/e Leistungsbezieher/in, die/der "zumutbare" Arbeit verweigert, mit Sanktionen, sprich: Zwangsmitteln, rechnen müsste. Da man aber Zwang zur Arbeit ablehnt…“
Für sich finden wir den Hinweis auf den Widerspruch richtig. Leider verstehen aber die Schreiber unter „Zwang zur Arbeit“ nur die Bedingung, die der Staat an die Beziehung von Arbeitslosengeld stellt: Bereitschaft zur Arbeitsaufnahme. Dass das Lohnverhältnis überhaupt genauso funktioniert schreiben sie nicht. Der Staat schafft doch den Zwang zum Arbeiten nicht erst, wenn er Hartz IV an den Nachweis der Arbeitswilligkeit knüpft. Er zwingt niemanden direkt Hartz IV zu beantragen und er zwingt auch niemanden direkt eine bestimmte Arbeit aufzunehmen. Der Zwang ist schon längst vorher eingerichtet, über einen indirekten Weg: Indem der Staat mit der Eigentumsordnung die Masse an Leuten von den Sachen trennt, mit denen sie ihre Lebensgrundlagen selbstständig herstellen könnten. Damit schafft der Staat den „Sachzwang“, dass viele Leute aus eigener Entscheidung heraus sich für Lohnarbeiten gehen entscheiden müssen. Denn auch die Unternehmen verhalten sich doch gar nicht anders als der Staat: Wenn du nicht arbeiten willst, gibt es kein Geld. (Der Unterschied besteht nur darin, dass man sich bei den Unternehmen noch so arbeitswillig zeigen kann. Wenn sie keinen Bedarf haben, gibs keine Arbeitsstelle und auch kein Geld).
Die Unfähigkeit der Lohnarbeiter, ihre Lebensgrundlage selbstständig herzustellen ist doch der prinzipielle Grund, warum sie zur Arbeit gezwungen sind. So funktioniert der Laden hier überhaupt. Darauf haben wir insistiert, wenn wir gesagt haben, es gibt eine absolute Scheidelinie: Entweder das Geld reicht zum sicheren Leben inklusive aller Absicherung für die Wechselfälle des Lebens – und mit Leben ist nicht nur Überleben gemeint, sondern eben die Bedürfnisse angesprochen, die ein Mensch hat und befriedigt wissen will. Oder dies ist nicht der Fall und dann ist sofort der Zwang zum Arbeiten da. Brauch ich monatlich nur 100 Euro mehr, ist über kurz oder lang der Zwang zum arbeiten da. Dann tummeln sich aber weiterhin alle auf dem Arbeitsmarkt herum und sorgen für die bodenlose Konkurrenz unter den Arbeitern, die die Löhne purzeln lassen.
Wir haben deshalb gesagt: Wenn das BGE unterhalb dieser Scheidelinie liegt, dann ist das ganze Projekt nicht mehr als ein nettes „drangsaliert die armen arbeitslosen Schweine nicht so sehr“. Mindestlöhne, gute Krankenversicherung, die den Lohn in Form der Beiträge nicht gleich wieder auffrisst usw. wären aber die objektive wirksamen Formen, Armut zu lindern (abschaffen tut auch ein Mindestlohn die Sache nicht, dafür steht ja das „mindest“).
Der BAG sieht das genau umgekehrt: „Und eine Rückenstärkung für die arbeitende Bevölkerung wäre ein Grundeinkommen, wie wir es uns vorstellen, allemal. Es könnte nämlich noch wirkungsvoller als ein die Existenz sichernder gesetzlicher Mindestlohn – der trotzdem nicht überflüssig wird – dafür sorgen, dass auch vermögenslose Menschen nicht gezwungen sind, ihre Arbeitskraft für vier Euro die Stunde zu verkaufen.“
Hier ist der BAG mal auf einen Widerspruch hinzuweisen: Warum braucht es überhaupt noch einen Mindestlohn, wenn die Grundsicherung die Leute versorgen würde? Zitate: http://www.pds-hessen.de/parteineubildung/02c51f980f0c99e0a.php

3) Deshalb schließen wir uns auch deinem Vorschlag nicht an:
„Je höher, desto besser – einstieg mit 850€ wär ok, dann können erhöhungen erkämpft werden. Wenn die ARbeiterklasse endlich begreift,
dass es ihre aufgabe ist gegen, nicht für die lohnarbeit zu kämpfen.“
Du sagst, 850 Euro als Einstieg. Davon kann man nicht vernünftig leben. Das ist kaum mehr als heutiges Hartz IV (345 Euro + ca. 130 Euro Krankenkasse + ca. 300 Euro Wohnung = 775 Euro). Über kurz oder lang wird jeder, der davon leben muss, soweit er noch kann, versuchen einen Job zu bekommen. Und warum soll man Erhöhungen dann erkämpfen? Warum forderst du nicht wenigstens gleich eine vernünftige Höhe und suchst dir Partner mit denen du das durchsetzen kannst? Und auch das haben wir versucht zu begründen und damit sind wir nicht im Konsens mit der BGE-Bewegung: Wenn man bei den Lohnabhängigen für 850 Euro Grundeinkommen agitieren geht, dann fordert man sie gerade nicht zum Kampf auf, sondern dazu, im Staat ihr Lebensmittel zu suchen. Man agitiert die Lohnabhängigen auch nicht dafür, mal was gegen ihre armselige ökonomische Stellung zu machen, sondern agitiert dafür, dass sie auf den Staat als Abfederung für ihre miese Position hoffen soll. Armut abschaffen ist eben was anderes als zu hoffen, dass der Staat Armut abmildert.
Und zu guter letzt agitierst du genauso wie jeder Bürger, ob arm oder reich, sich die Welt eh vorstellt: Das Problem hierzulande sei, dass zu wenige Geld da ist, entsprechend die Vermehrung von Geld das senkrechte Programm wäre. Damit bestätigst du die Lohnabhängigen in ihrem derzeitigen Irrtum, dass alle in einem Boot sitzen und gemeinsam nach Mitteln und Wegen suchen sollten, wie man das Geld vermehren kann. Eine konsequentere Einstimmung auf den Kapitalismus gibs wohl kaum, denn Geldvermehren kann er tatsächlich mal am Besten.
Wir sagen dagegen, dass die Armut nicht an einem Mangel an Geld liegt, sondern das Geld an sich ein Problem ist. Geld ist „gesellschaftliche Macht, die man als Privatperson in der Tasche herumtragen kann“, hat der olle Marx mal richtig gesagt. In diesem blöden ökonomischen Tatbestand, ist die Gleichgültigkeit gegenüber den Bedürfnissen der anderen, den Herstellungsbedingungen von Sachen, wie Arbeitsprozess, Arbeiter und Natur enthalten. Nur weil jemand Hunger in dieser Gesellschaft hat, produziert niemand. Nur wenn er der Hunger mit einem zahlungskräftigen Bedürfnis ausgestattet ist, bewegt sich was. Und ausgerechnet mit dem Geld soll dann alles wieder ausgeglichen und fein gemacht werden?
Wie gesagt wollten wir nicht noch mal alle Argumente aus unserem Text wiederholen, deswegen lassen wir es jetzt mal dabei. Auf jeden Fall sind unsere Gedanken kein Konsens der BGE-Bewegung und auch nicht übereinstimmend mit deinen kurzen Anmerkungen. Wir glauben, Dir fehlt ein wenig die Lust zum streiten, weil du so darauf aus bist, eine breite Linke zu stiften, dass du darüber die inhaltlichen Differenzen darin glatt überliest. Aber was nützt eine breite Linke, deren Inhalte am Ende so bürgerlich sind, dass die glatt dasselbe kann, wie CDU/FDP/SPD/GRÜNE und mittlerweile auch die PDS in verschiedene Bundesländern, nämlich eine kapitalistische Ökonomie zu regieren, die ihre Armut produziert, dass es nur so kracht? Also her mit den Dissensen, damit wir vielleicht nach der Auseinandersetzung tatsächlich was gemeinsam bewegen können.

Grüße, jimmy

Anfang 2007 erreichte uns folgender Leserbrief. Unsere Antwort folgt darunter.

Herr H. schreibt:
Sehr geehrte Damen und Herrn, ich schreibe ihnen diese Email da mich der Slogan "Du bist Deutschland" sehr nachdenklich macht und bewegt. Es ist das soziale umdenken das wir alles eins sind und auch so handeln sollten. Am besten gefällt mir der Inhalt "Gib die beste Leistung zu der du fähig bist." "Und wenn du das geschafft hast übertriff dich selbst".

Unsere Antwort:
Lieber Herr H.
Danke für Ihre Mail. Auch uns hat der Slogan "Du bist Deutschland" nachdenklich gemacht und bewegt, wenn auch in eine andere Richtung, wie Sie wahrscheinlich unserem Text zu dem Thema entnehmen konnten. Den Gedanken, dass "wir alle eins sind", und die Aufforderung, sich für diese Gemeinschaft so richtig anzustrengen, finden wir an der Kampagne gerade kritisierenswert. Mit diesen Appellen wird nämlich die Frage überhaupt nicht gestellt, wie denn die Sache, für die man sich da anstrengen soll, auf einen selbst wirkt. Gleichzeitig wird die Verantwortung für die aktuelle Lage der deutschen Wirtschaft, die der Großteil der Adressaten der Kampagne am eigenen Leibe in Form von Lohnabhängigkeit bei gleichzeitigem Stellenabbau sowie Lohn-, Renten- und Sozialleistungskürzungen erfährt, auf gerade diese Adressaten und ihre Missmutigkeit und schlechte Stimmung abgewälzt. Die Botschaft der Kampagne ist, kurz gesagt: "Reiß' dich zusammen und frage nicht, wofür, dann wird es schon irgendwann irgendwie besser". Und genau gegen diese Haltung, die ja nicht nur von der Kampagne eingefordert wird, sondern auch von Vielen geteilt wird, richten wir uns. Wir sind nämlich der Überzeugung, dass die oben genannten negativen Folgen gerade aus dem regelhaften Funktionieren der Ordnung, die der deutsche Staat seinen Bürgern gegenüber aufrechterhält, resultieren. Und für diese Überzeugung meinen wir, (nicht nur) in unserem Artikel zu "Du bist Deutschland" auch einige Argumente geliefert zu haben. Bei weiterem Interesse zu dem Thema können Sie uns gern noch einmal schreiben und sich auch weitere Texte auf unserer Website, speziell in der Rubrik "Staat und Nation" Rubrik "Staat und Nation"anschauen.
Mit freundlichen Grüßen,
XXX, junge linke

Ende 2006 erreichte uns u.a. folgender Leserbrief in Reaktion auf das Flugblatt zur NPD. Unsere Antwort folgt darunter.

N. schreibt: Als junge linke müsstet ihr eigentlich wissen, dass Skinheads keine Ausländer verprügeln, da ihre Wurzeln selber antirassistisch sind. Alle Nazis die behaupten Skinheads zu sein haben nämlich keine Ahnung davon und setzen die R.A.S.H oder S.H.A.R.P in ein völlig falsches Licht. Und deswegen solltet ihr lieber zur Aufklärung Nazis anstatt Skinheads in eurem Bericht schreiben.

Unsere Antwort: Hallo N., der Intention nach soll der erste Satz des Textes genau auf das Klischee anspielen, das Deutsche von ihren Neonazis haben. Das ist aber nicht gut genug gekennzeichnet, und deswegen waren wir da ungenau und haben ärgerlicherweise das Klischee reproduziert. Wir werden das im Text ändern. Natürlich sind lange nicht alle Skinheads Nazis und lange nicht alle Nazis Skinheads. Szeneintern wird da ja auch geschieden: in Skinheads und Boneheads. Wir glauben aber schon, dass es Skinheads /gibt/, die Nazis sind. Du sagst, das ginge gar nicht, weil die Wurzeln der Szene antirassistisch sind. Aber kann sich nicht ein Style von den Ideen seiner Urheber entfernen? Es gibt doch auch Nazipunks, Nationalbolschewisten, Autonome Nationalisten und was auch immer. Das spezielle Problem bei Skinheads ist natürlich, dass die immer alle über einen Kamm geschoren werden, und dass (wie bei uns dooferweise auch) einfach die Gleichung Skinhead=Nazi gemacht wird. Wenn man das aber nicht macht, muss man doch nicht andersherum behaupten, dass es gar keine Naziskins gibt, oder? Wir finden es sogar wichtig, zu wissen, dass es Nazipunks und Naziskins geben kann, weil das zeigt, dass keine sympathische antibürgerliche Bewegung per se links ist und bleibt, sondern, dass man immer aufpassen muss, was genau die Anhänger an 'antibürgerlich' jeweils interessant finden, und was sie dann draus machen. Liebe Grüße, K, von jungelinke

Im August und September 2006 entbrannte anhand der Thesen zur neuesten Runde im Nahost-Konflikt von der Bremer Gruppe "Kritik im Handgemenge" vor allem im Kommunistischen Forum eine Debatte, die man hier nachlesen kann. Hierauf antwortete die Gruppe mit folgendem Text:

Was ist eigentlich los in XXY? Na, da versucht ein Souverän halt seine Interessen durchzusetzen!
Mit unserem Text „Thesen zur neusten Runde im Nahost-Konflikt” haben wir uns anscheinend eine Menge falsche Freunde und richtige Gegner gemacht. Als erstes scheint der Blogger neoprene unseren Text nicht zur Kenntnis genommen zu haben, als er These 5 („Israel ist kein Nationalstaat wie jeder andere…”) in seinem Blog postete. Daraufhin beschäftigte sich ein Blogger, welcher sich die Argumente vom Gegenstandpunktverlag hat einleuchten lassen, namens Mpunkt mit unserem Text und wurde im Internetforum „Kommunistischen Forum” von einem Genossen mit dem Namen pro_kommunismus – der sich ebenfalls die Argumente des Gegenstandpunktverlages hat einleuchten lassen – unterstützt. Dagegen protestierte im besagtem Forum vor allem ein Antideutscher mit dem Namen bad_brain; im wesentlichen ohne Argumente. Anderenorts sagt uns ein Blogger namens subwave nach „undogmatische StaatskritikerInnen” (mal richtige, mal falsche, Hauptsache Staatskritik) zu sein, weil wir „durchaus gsp-influenced, Staatskritik jenseits jeglicher Satzbaukästen und Sekten-Style-Nachplapperei betreiben” würden. Währenddessen – wieder im KF – festgestellt wird, dass wir durchaus „Staatskritik” können würden, wobei bei dieser Feststellung davon abstrahiert wird, ob wir denn die richtige Staatskritik auch in unserem Text leisten. Da von antideutscher Seite inhaltlich so gut wie nichts zu unserem Text kam, werden wir im Folgenden vor allem auf die Entgegnungen aus der anderen Ecke eingehen. 1. Hauptwiderspruch Beide Seiten – sowohl diejenigen, welche sich die Argumente des Gegenstandpunktverlages zu Israel haben einleuchten lassen, als auch diejenigen, welche unsere angebliche neuerliche „Israel-Solidarität” fresh finden, weil die so MGig daher kommt – machen den gleichen Fehler. „Solidarität mit Israel” steht nämlich weder im dem Text noch kann man das aus dem Text herauslesen, es sei denn, man macht den Fehler aus der Feststellung einer miesen Lage Parteilichkeit ableiten zu wollen. Im Text steht: „Israel ist kein Nationalstaat wie jeder andere auch. Im Gegensatz zu den meisten Gewaltapparaten in dieser schönen Welt konkurrierender kapitalistischer Nationalstaaten, muss er sich seit seiner Gründung 1948/49 gegen seine Wiederabschaffung wehren.” Darauf antwortet MPunkt, dass Israel seinen Nachbarn militärisch weit überlegen ist (was seit ein paar Jahrzehnten auch stimmt), die Weltmacht Nr.1 im Rücken habe und der Libanonkrieg die Überlegenheit Israels ja wieder bestätigt habe (was nicht stimmt). Fehlen tut weiterhin der Hinweis, dass zumindest die PLO die EU – auch bekannt als Weltmacht Nr.2 – im Rücken hat und der Libanonkrieg gerade gezeigt hat, dass die „Weltöffentlichkeit” (lies: die beiden imperialistischen Hauptmächte) sehr wohl in der Lage als auch Willens ist Israels Souveränitätsausdehnung auf den Libanon Grenzen zu setzen. Neben dieser Unkenntnis über die realen Verhältnisse im Nahen Osten und was das mit der imperialistischen Konkurrenz zwischen EU und USA zu tun hat – wozu in unserem Text einiges steht – macht MPunkt aber einen logischen Fehler. Er macht aus der Feststellung, dass Israel von Feinden umgeben ist, gegen die es sich verteidigen muss, eine Parteilichkeit für Israel. Und weil er so tickt, dass er nicht will, dass man mit Israel solidarisch ist, kommt er zu dem Schluss, dass es eben auch keine korrekte Darstellung der Lage sein darf. Expliziert wird dieser Fehler von MPunkt in seinem Blog, wenn er auf die Frage, ob denn Israel nun kein Nationalstaat wie jeder andere sei, antwortet: „Nein, dem stimme ich nicht zu. Selbstverständlich hat Israel neben seinen allgemeinen Eigenschaften als Staat auch noch – wie jeder andere Staat auch – seine Besonderheiten. Na und? Eine Solidarität für es ergibt sich doch daraus nicht (schon wegen seiner Eigenschaften als Staat)” Er macht also einen Gegenstandswechsel von der Bestimmung der Sache hin zu der Frage der Solidarität mit einer Sache. Wir machen den Wechsel nicht, das glaubt er aber. Daher kommt vermutlich auch der Verweis darauf, was wir angeblich wollen, anstatt das zu kritisieren, was da steht. MPunkt schreibt: „Und da [beim Antisemitismus, KiH] kann man ja nun, zumal als Deutscher(?), nun wirklich nicht abseits stehen, oder?”; er schiebt uns also eine Nationalmoral unter, wofür es keinen Anhaltspunkt im Text gibt. Ganz im Gegenteil, wir kritisieren Deutschlands imperialistische Interessen im Libanonkonflikt. Es scheint sich hier also um eine Kritik, die dem Analphabetismus verwandt ist, zu handeln. Im übrigen ist es durchaus so, dass niemandem, der Kapital und Nation abschaffen will, ein massenhaft verbreitetes falsches Bewußtsein, das auf Vernichtung hinausläuft, egal sein kann. Wenn man einen Konflikt analysieren will, dann muss man sich ansehen, was die Interessen der Beteiligten so sind. Israels Interesse, nicht im permanenten Kriegszustand mit seinen Nachbarn zu sein, ist halt genau das: Israels Interesse. Das Referieren dieses Interesses heißt nicht, dass man sich damit gleich macht, das passiert alleine in MPunkts Kopf und den anderen beteiligten Köpfen, die sich die Argumente des Gegenstandpunktverlages haben einleuchten lassen. Um schließlich darauf beharren zu können, dass Israels Besonderheiten sich eben in Kleinkram erschöpfen, muss MPunkt schließlich die Hisbollah zum Staat erklären, weil deren Zerschlagung ganz offensichtlich Israels Ziel ist. Mal abgesehen davon, dass es Quatsch ist die Hisbollah zum Staat zu machen, ist es eben keine Besonderheit für eine bewaffnete Gruppe, dass ihre Gegner sie – die bewaffnete Gruppe – zerstören wollen. Der Satz „Die Hisbollah ist keine Gurerilla wie jeder andere auch, denn im Gegensatz zu den anderen, muss sie sich seit ihrer Gründung gegen ihre Wiederabschaffung wehren” haut nicht hin. Ein anderer Genosse von MPunkt mit dem Namen The_Red_Sparrow sollte sich die Sachen mit den „Vorurteilen” nochmal einleuchten lassen. Da uns – seiner Meinung nach – nur die genaue Kenntnis des Gegenstandes (weil wir ein Urteil vor der Zurkenntnisnahme des Gegenstandes haben sollen) abgeht, währen wir an der unglaublich langen Liste von Staaten, die durch ihren Nachbarn vollständig ausgelöscht werden sollen, durchaus interessiert. Im Iran muss sich übrigens das Mullah-Regime gegen seine Abschaffung wehren und nicht der iranische Staat. Doch wir haben mehr geschrieben: Wir haben festgestellt, dass die Bekämpfung und Vernichtung einer gegnerischen Militärmacht, nicht notwendig bedeuten muss, dass man alles Menschenmaterial dieser Militärmacht gleich mit vernichtet. Aktuelle imperialistische Kriegspropaganda läuft ja sogar so, dass man die Bevölkerung mit Bomben beschmeißt, um ihnen zu helfen (Jugoslawien, Irak, Iran, Afghanistan, Libanon). Das ist nicht bloß Propaganda, sondern liegt in dem Zweck begründet, die anti-amerikanischen Regierung zu beseitigen, damit die Bevölkerung – mit Demokratie gesegnet – alle Härten des Weltmarkt zu spüren bekommt. Im Falle des antiisraelischen Krieges im Nahen Osten stimmt MPunkts „die bedrohte Existenz ist kein Argument für irgend etwas – dann geht eben ein Nationalstaat hopps, dass von denen nicht viel zu halten ist, sagen die Jungen Linken doch sogar selbst” nicht ganz. Zwar ist die bedrohte Existenz tatsächlich kein Argument für irgendwas, aber wenn die Gegenseite im Krieg gegen Israel gewinnt und der Staat „hopps” geht, dann wird wahrscheinlich eben nicht nur eine Herrschaft durch eine andere ersetzt. Die jüdische Bevölkerung Israels wird durch die Feinde Israels mit Vernichtung bedroht. Die militärische Macht, die diese Vernichtung im Moment verunmöglicht, ist der Staat Israel (was die Unvereinbarkeit des israelischen und des palästinensischen Nationalismus zu dieser Feindschaft beiträgt, dazu stehen ein paar Argumente in unserem Text). Das ist wieder eine Beschreibung einer Situation, Parteilichkeit lässt sich daraus nicht entnehmen. Weder ist damit erklärt, dass es eine tolle Sache ist, dass der israelische Staat ein Interesse an der Benutzung seiner Bürger hat, noch ist damit gesagt, dass so ein Schutz nicht auch ohne Staat und Kapital zu machen sei. Auch ist damit übrigens nicht gesagt, dass die Feinde Israels ihren Antisemitismus nicht auch bleiben lassen könnten. 2. Antisemitismus in der arabischen Welt MPunkt und Freunde glauben nicht, dass Antisemitismus in der arabischen Welt weit verbreitet ist und verlangen von uns Belege dafür. Unser Text will aber gar nicht – und tut es deswegen auch nicht – beweisen, dass die arabischen Öffentlichkeiten antisemitisch verhetzt sind. Dazu kann man sich bei diversen antideutschen Autoren, „Honestly Concerned”, Meinungsforschungsinsituten, (englischsprachigen) arabischen Medien und MEMRI informieren. Das muss nicht umständlich bewiesen werden, lest einfach mal ein Buch dazu. Wir beweisen nicht, was sie nach eigenen Angaben bereits wissen: MPunkt: „Es mag ja schon sein, dass auch von den regionalen Gegnern Israels welche in ihrer Feindbildpflege den Übergang zum Antisemitismus machen.”, The_Red_Sparrow: „Es ist ja durchaus so, dass die Feindschaft zum Judenstaat den Übergang zum Judenhass durchaus aufmacht und von Leuten mitgemacht wird.”, pro_kommunismus: „Wird auf der ideologischen Ebene schon so sein, dass ordentlich gegen die Juden gehetzt wird”. Trotzdem suchen sie nach Beweisen in unserem Text und stellen fest, dass es keine sind: ”Die Selbstmordattentate sollen als Beleg für den Antisemitismus der Palästinenser gelten, ausgeführt wird das nicht.” (MPunkt) Diese Feststellung bezieht sich wohl auf den Satz: „Die gründliche antisemitische Verhetzung nicht nur der arabischen Öffentlichkeiten, samt der Ankündigung ‚Die Juden ins Meer’ treiben zu wollen, ist todernst zu nehmen: Einmal weil sie sich in Selbstmordattentaten bereits austobt…”. in dem Satz steht nirgends, dass damit der Antisemitismus der Palästinenser bewiesen werden soll. Wenn der sich nämlich austobt, dann setzt man ihn ja gerade voraus: „Der kleine Klaus tobte sich im Kinderland so richtig aus” setzt den kleinen Klaus voraus. Was damit gezeigt wird ist, dass sie auch die Konsequenz ziehen, zum Judenmord überzugehen. Das muss ein Antisemit nämlich nicht tun, weil das falsche Denken logische Konsequenzen nicht ziehen muss, was wir auch in der Fußnote 8 angemerkt hatten, die aber nicht gelesen wurde, weil schon das zweite Wort „Shoah” viel zu moralisch erschien. Die alte Leier vom „letzten Mittel” Selbstmordattentat darf in den Repliken freilich auch nicht fehlen, wobei der einfache Gedanke, dass das letztes Mittel eben genau das sein muss, nämlich ein Mittel für einen Zweck, unseren Kritikern völlig abgeht. MPunkt: „Als Motivation für sie reicht jedenfalls schon aus, dem Feind wenigstens symbolisch zu schaden und so darauf aufmerksam zu machen, dass der Staatsgründungswille noch nicht gebrochen ist.” Dabei muss den Attentätern aber zumindest das Leben der israelischen Bürger so egal sein, dass sie es zumindest billigend in Kauf nehmen, dass diese beim „symbolisch schaden” draufgehen. Dieser Übergang steckt im Nationalismus drin, aber nicht jeder Nationalist macht ihn, auch nicht jeder militante. Die Frage stellt sich aber so gar nicht, weil man bei den Leuten ja nachlesen kann, was sie von Juden halten und wie sie dazu stehen, sie umzubringen. Wir schrieben: ”Mit diesem Ziel stehen Fatah, Hamas, PFLP etc. nicht gerade alleine dar. Alle Nachbarstaaten Israels — mit Ausnahme des Libanon, dessen Staatlichkeit dafür auf zu wackligen Füßen steht — und darüber hinaus ein Großteil der arabischen und islamischen Staaten haben mehr oder weniger offen dem „zionistischen Regime“ den Kampf angesagt. (Dieses Programm erfreut sich auch weltweit der offenen bis blinden Unterstützung: Von Faschisten unterschiedlicher Couleur, sich links fühlenden Globalisierungsgegnern, rebellischen südamerikanischen Linksnationalisten an der Macht und überhaupt allen, die der eigenen Nation gegen den US-Imperialismus die Treue schwören). In den palästinensischen Autonomiegebieten, Syrien, Ägypten, Jordanien, Iran und den nordafrikanischen Staaten ist Kritik am jeweiligen Regime streng verboten — aber den Vorwurf, gegen den jüdischen Staat nicht hart genug vorzugehen, lassen sich die dortigen Regierungen gerne gefallen. Israel bzw. „der Jude“ ist in diesen Ländern zur Chiffre alles Bösen geworden, zum Inbegriff westlicher Arroganz, kapitalistischer Gier, zur angeblichen Quelle von Demütigung, Sittenverfall, Verarmung und Krieg.” MPunkt: „Obiges Zitat verdeutlicht auch noch einmal, wie beliebig die Junge Linke hier vorgeht: Weil es Israelgegnerschaft aus antisemitischen Gründen gibt, welche daher auch jeden Gegner Israels anfeuert, kann jeder Gegner Israels ja auch nur aus antisemitischen Gründen handeln. Logik???” Obiges Zitat verdeutlicht auch noch einmal wie beliebig MPunkt hier vorgeht: Statt zur Kenntnis zu nehmen, was in der zitierten Stelle steht, versucht er sie mit Logeleien zu umschiffen. Er unterstellt, wir würden jede Gegnerschaft zu Israel antisemitisch nennen, was wir nicht getan haben. Trotzdem sind die viele Gegner Israels Antisemiten, er soll doch bitte mal zeigen, dass das nicht stimmt, statt irgendwelche falschen logischen Schlüssel zurechzubasteln, die in unserem Text nicht stehen. Jenseits dessen, dass unser Text nicht zur Kenntnis genommen wurde, liegt hier auch noch ein weiterer theoretischer Fehler vor, der kritisiert gehört. Für Leute, die sich die Argumente des Gegenstandpunktverlages haben einleuchten lassen, ist Antisemitismus immer Folge der Feindschaft zu Israel und niemals Grund und, das steckt wohl dahinter, gilt die Volksmeinung nichts, weswegen sich die Beschäftigung damit nicht lohnt. Auch wenn es gute Gründe gibt das Staatsprogramm nicht aus der Volksmeinung zu erklären, ist es ein Fehler einer massenergreifenden Idee materielle Gewalt abzusprechen. Dieser Fehler zieht sich durch die Publikationen des Gegenstandpunktverlages. Die falsche Vorstellung vom Verhältnis von Volk und Staat beim Gegenstandpunktverlag planen wir in einer noch folgenden detailierten Kritik seiner Israelposition einer Kritik zu unterziehen. 3. Antiarabischer Rassismus aus der alleruntersten Schublade oder „macht’s doch mal inhaltlich” Putzig, wie moralisch Leute werden können, die sich die Argumente des Gegenstandpunktes haben einleuchten lassen. So wird allen ernstes vorgebracht, man sollte einen Schluss „als KOMMUNIST” (pro_kommunismus) ziehen und nicht etwa, weil der Schluss richtig ist. MPunkt unterstellt deutsche bzw. linke Komplexe und wieder pro_kommunismus empfiehlt eine journalistische Karriere: „In Sachen antiarabischer Feindbildpflege kann die BILD-Zeitung für ihre Anti-Islam-Hetze bei JL echt was abschreiben: Die Araber sind im Text von JL alle ‚hasserfüllt’, die Juden erscheinen hingegen – wenn überhaupt- eher nüchtern rational gewalttätig und einem nützlichen Frieden nicht abgeneigt. Das ist allerunterste Schublade”. Die Araber sind in unserem Text keineswegs alle hasserfüllt, weil die Kategorie Araber in unserem Text gar nicht vorkommt, außer in einer Kritik der rassistischen Vorstellungen mancher Freunde Israels. Hasserfüllt sind bei uns einmal deutsche Antizionisten sowie Regimes in ihrem Realismus, deren Hass also gerade als rational beschrieben wird. Der aufgemachte Gegensatz ist also Quatsch. Wir wollen gar nicht bestreiten, dass Antisemiten hasserfüllt sind, aber dann sind sie es als Antisemiten und nicht als Araber. Die Feststellung der Ideologie, die innerhalb eines Landes vorherrscht, ist nicht rassistisch, denn den Übergang, das in das Wesen der Leute da zu verlegen, machen schließlich nicht wir, sondern pro_kommunismus. Es wäre also zu klären, ob die Aussagen über die Mehrheiten in diesen Ländern richtig oder falsch sind: Entweder die meisten Leute in den palästinensischen Autonomiegebieten sind Antisemiten oder nicht. Diese Aussage ist richtig oder falsch, genauso wie die Aussage, dass die Deutschen mehrheitlich knallharte Nationalisten sind. Beides sind keine Wesensaussagen, sondern Aussagen darüber, welche Ideologien in den jeweiligen Nationen dominant sind. Und genau wie in der BRD muss man halt in den palästinensischen Autonomiegebieten gegen deren falsche Vorstellungen agitieren. Wir haben in unserem Text sogar der kreuzmoralischen Vorstellung von pro_kommunismus entsprochen: Wenn man was „böses” über die Palästinenser sagt, darf man nicht verschweigen, dass es auch in Israel Faschisten gibt. Nachzulesen in Fussnote 9, gleich unter der Fussnote 8 mit dem Wort „Shoah”. Selbst wenn wir nix zum israelischen Rassismus sagen würden: Unsere Argumente gegen das palästinensische Staatsgründungsprogramm und seine Freunde würden dadurch auch nicht verkehrt werden. Das ist bloß so eine blöde moralische Vorschrift von pro_kommunismus, dass wer was zu Palästina sagen will, auch gleich noch was zum israelischem Rassismus (amerikanischen Imperialismus, dem Welthunger, …) sagen muss. Das sind aber schlicht und einfach andere Themen. Mhh, wo haben wir das Argument wohl her? MPunkt meint weiterhin „Noch deutlicher wird der Rassismus von Junge Linke beim Thema Libanon: ‚Die Schiiten – ob religiös oder nicht – müssen sich wiederum Gedanken machen, wie es ihnen im libanesischen Machtgeflecht ergehen wird, wenn Israel sein Programm der Liquidierung von Hisbollah und Amal – die Gruppierungen die schiitische Interessen im Parlament und auf der Straße vertreten – erfüllt.’ Nun ist der Schiismus doch gerade eine Strömung des Islams, also einer Religion. Von nicht-religiösen Schiiten zu reden, ist daher völliger Blödsinn, außer eben, man interessiert sich für die ohnehin nur als geborene Gegner Israels” und nimmt gerade nicht zur Kenntnis, dass der Absatz sagt, dass im Libanon nun mal die Macht durch diese Gruppen aufgeteilt ist und die Leute, die als Schiiten sortiert werden, auf „ihre” Vertretung angewiesen sind. Das ist nicht unsere Sortierung, aber eine die in der Wirklichkeit wirkt. Diesen Punkt zumindest hat MPunkt auf seinem Blog später eingesehen, trotzdem ist es irritierend wie moralisch Leute werden können, die sich die Argumente des Gegenstandpunktverlages haben einleuchten lassen, weil man ein schmutziges Wort benutzt hat, wo deren Texte doch von „Negern” und „Weibern” bevölkert werden.

Gruppe „Kritik im Handgemenge”, Bremen

PS: Der Text „Thesen zur neusten Runde im Nahost-Konflikt” ist der Feder der Gruppe „Kritik im Handgemenge”, Bremen, entsprungen, lasst bitte unsere Genossen vom bundesweiten Zusammenschluss Junge Linke da raus.

An jungelinke im Juli 2006
Vielen Dank, ich bin zufällig auf Eurer Seite gelandet. Es war sehr interessant zu lesen, wie Ihr über Arbeit und Sozialleistungen denkt. Teilweise bin ich Eurer Meinung. Ich bin auch gegen Nation. Deshalb gehe ich ins Ausland. Mein Kapital habe ich mir hart erarbeitet. Deshalb hänge ich daran. In den meisten Ländern wird es gewürdigt, wenn ich Arbeitsplätze schaffe. Diejenigen die hier verloren gehen? Nicht mein Bier – ich bin kein Nationalist. Den Arbeitnehmern viel Spass in der sozialen Hängematte.
HG

Hallo Herr G.
schön, dass unsere Seite Sie interessieren konnte. Wir hoffen, dass unsere Haltung zum Kapital Sie nicht zu Missverständnissen angeregt hat.
Dass wir gegen das Kapital sind, soll nämlich keineswegs heißen, dass wir gegen Kapitalisten wären. Wir haben ein großes Interesse daran, die gesamte Weise, in der die gesellschaftliche Reproduktion gegenwärtig geregelt ist, umzumodellieren; und zwar so, dass das Wohlergehen der Menschen Zweck der Gesellschaft ist, nicht mehr die Akkumulation des Kapitals, die sich unserer Meinung nach immer wieder gerade gegen das Wohl der meisten stellen muss. Wir wollen also nicht Kapitalisten bekämpfen, sondern das Kapital als Produktionsprinzip. Wir befürchten nämlich, dass die wohlgemeinten Bemühungen, die Kapitalisten in gegenwärtigen Gesellschaften anstreben mögen, und die Sie ganz offensichtlich anstreben, nämlich das Leben von Menschen zu verbessern, immer wieder recht früh an Grenzen stoßen, so lange es Kapital und Konkurrenz gibt. An diesen Grenzen werden, mit Verlaub, Ihre subjektiven Vorstellungen davon, wie Sie als Kapitaleigner ihren Angestellten gegenüber handeln möchten, im Zweifelsfall ziemlich schnell zusammenklappen.
Dass Sie nicht darauf bedacht sind, ausgerechnet in Deutschland Arbeitsplätze zu schaffen, freut uns. In der Tat ist es gleich gut oder schlecht, die Arbeitskraft von US-Amerikanerinnen oder Togolesen einzukaufen. Dass Sie überhaupt Arbeitsplätze schaffen wollen, klingt zunächst wie ein nettes Anliegen. Jedoch ist ja Arbeit gar nicht das, was Menschen tatsächlich brauchen, sondern nur das Mittel zur Erlangung dessen. Ob nun diejenigen, die da arbeiten, damit auch eine angenehme Fülle von Lebensmitteln erlangen, ist im Begriff vom Arbeitsplatz gar nicht enthalten. Ihr Anliegen, diese Arbeitsplätze zu schaffen, realtiviert sich nämlich weiter an den oben genannten Grenzen, die die Konkurrenz der Kapitale (und die der Arbeiter/innen) definiert. Auch Sie werden sich im Zweifelsfall dafür entscheiden müssen, zu rationalisieren. Außerdem wird es auch in Ihrem Betrieb in jedem Falle so sein, dass die Arbeiter viel mehr arbeiten müssen, als bei einem vernünftigen, gesellschaftlich geplanten Umgang mit Produktionsmitteln notwendig wäre, und genauso werden Sie Sich das Mehrprodukt dieser Arbeit aneignen müssen, denn sonst haben Sie bald kein Unternehmen mehr. Es sei denn, Sie wollen Ihren Betrieb kollektivieren, aber das hieße auch nichts weiter, als sich selbst den gleichen Bedingungen zu unterwerfen, die für die Arbeiter gelten. Und ob Sie andernfalls Ihren Arbeitern Löhne zahlen können, von denen sie ein angenehmes Leben führen können, bestimmen eben auch nicht Sie alleine, sondern der Markt. Sie sehen, es ist ein Kreuz mit dem guten Leben und der Wohltäterei, ob man nun Arbeiter ist oder Kapitaleigner. Die Form des Wirtschaftens bindet einen an lauter Dinge, die man, wenn es einem um die Menschen zu tun ist, gar nicht möchte.
Vielleicht können sie ja weiterhin unsere Veröffentlichungen verfolgen, gleichzeitig Kapitalist bleiben (denn Lohnarbeiter oder arbeitslos sein ist auf keinen Fall angenehmer; von einer Hängematte kann gar keine Rede sein!) und für den Fall, dass die Abschaffung des Kapitals einmal anstünde, trotzdem auf unserer Seite sein.
(Und damit das nicht ewig auf sich warten lässt, teilen wir Ihnen gerne auch vorher schon unser Konto für absetzbare Spenden mit.)
Mit freundlichen Grüßen
Liam S. Chesterfield
junge linke hannover

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