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	<title>Junge Linke</title>
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	<description>gegen Kapital und Nation</description>
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		<title>Die deutsche Presse und der Fall Griechenland</title>
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		<pubDate>Sat, 03 Jul 2010 13:23:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>knecht</dc:creator>
				<category><![CDATA[German]]></category>
		<category><![CDATA[EU und Europäischer Nationalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Kapital und Lohnarbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Staatstheorie]]></category>

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		<description><![CDATA[An Krisenereignissen der relativ neuen Art hat man in den letzten drei Jahren einiges mitbekommen. Da gibt es eine Krise bei Finanzprodukten, die angeblich die Banker selber nicht verstehen. Dann gibt es eine weltweite Bankenkrise. Darauf folgt eine Krise in der Automobilwirtschaft und sowieso eine gesamtwirtschaftliche Krise. Zwischendurch sind auch schon immer wieder Staaten kurz vor dem Staatsbankrott gewesen und mussten Hilfegesuche an den IWF stellen. In jüngster Zeit war zunächst ein Mitgliedsstaat der Euro-Zone in Bedrängnis geraten - Griechenland- aber mittlerweile sind es mehr geworden, u.a. Spanien. Gegen Griechenland ist in dieser Phase eine richtige Hetzkampagne in den deutschen Medien losgetreten worden. Einen Auszug davon, der berüchtigte Brief der BILD-Zeitung an den Ministerpräsidenten Griechenlands, soll hier stellvertretend kritisiert werden.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.junge-linke.org/files/2010/07/Artikel-zum-Brief-der-BILD-Zeitung-an-den-griechischen-Ministerpräsidenten.pdf">Artikel zum Brief der BILD-Zeitung an den griechischen Ministerpr&auml;sidenten als PDF inklusive Originalbrief der BILD<br />
	</a></p>
<p>An Krisenereignissen der relativ neuen Art hat man in den letzten drei Jahren einiges mitbekommen. Da gibt es eine Krise bei Finanzprodukten, die angeblich die Banker selber nicht verstehen. Dann gibt es eine weltweite Bankenkrise. Darauf folgt eine Krise in der Automobilwirtschaft und sowieso eine gesamtwirtschaftliche Krise. Zwischendurch sind auch schon immer wieder Staaten kurz vor dem Staatsbankrott gewesen und mussten Hilfegesuche an den IWF stellen. In j&uuml;ngster Zeit war zun&auml;chst ein Mitgliedsstaat der Euro-Zone in Bedr&auml;ngnis geraten &#8211; Griechenland- aber mittlerweile sind es mehr geworden, u.a. Spanien. Gegen Griechenland ist in dieser Phase eine richtige Hetzkampagne in den deutschen Medien losgetreten worden. Einen Auszug davon, der ber&uuml;chtigte Brief der BILD-Zeitung an den Ministerpr&auml;sidenten Griechenlands, soll hier stellvertretend kritisiert werden.</p>
<p><span id="more-2092"></span>Dass die BILD-Zeitung ein St&uuml;ck schlechter Journalismus ist, in diesem Urteil sind sich vor allem Menschen mit einem h&ouml;heren Bildungshintergrund einig. Und sicherlich entstammen Aussagen, dass &bdquo;wir&quot; Griechenland den Trainer Ihrer Fu&szlig;ball-Europameister &bdquo;geschickt haben&quot;, so dass &bdquo;die&quot; Griechen uns mal so richtig dankbar sein sollten, dem nationalistischen Absurdit&auml;tenkabinett. Warum sich also mit der BILD-Zeitung ernsthaft argumentativ auseinandersetzen? Nicht nur aufgrund der Auflage und des Einflusses der Zeitung halten wir das f&uuml;r wichtig. Sondern vor allem finden sich in dem Brief Vorstellungen &uuml;ber Staatsschuld, Korruption und Wirtschaftskraft, &uuml;ber Flei&szlig; und Faulheit, &uuml;ber &bdquo;Wir&quot; und &bdquo;Die&quot;, die sich anders formuliert auch jenseits des Boulevards im Spiegel oder der FAZ finden und zum Standardrepertoire der B&uuml;rgerverstands geh&ouml;ren. Wir meinen also, es lohnt sich, diese Vorstellungen mal genauer zu betrachten und sie zu kritisieren. Zugleich soll damit der Weg etwas frei gemacht werden, f&uuml;r die Fragen anl&auml;sslich der aktuellen Krise, die es erlauben zu verstehen, was da passiert.</p>
<p><em>&bdquo;Lieber Herr Ministerpr&auml;sident, wenn Sie diese Zeilen lesen, haben Sie ein Land betreten, das ganz anders ist als das Ihre. Sie sind in Deutschland. Hier arbeiten die Menschen, bis sie 67 Jahre alt sind. Ein 14. Monatsgehalt f&uuml;r Beamte gibt es schon lange nicht mehr.&ldquo;<br />
	</em></p>
<p>Griechenland hat ein Problem mit seiner Staatsverschuldung, Deutschland nicht. Die &bdquo;Analyse&ldquo; der BILD-Zeitung zeichnet sich hier schon ab: In Griechenland w&uuml;rden die Menschen besser leben und weniger arbeiten. Der Staat g&auml;be mehr aus und die Wirtschaft bekomme wegen den geringen Arbeitsleitungen weniger hin. Kein Wunder also, dass die Finanzm&auml;rkte zu dem Resultat gekommen sind, dass der R&uuml;ckzahlung der griechischen Staatsverschuldung nicht zu trauen sei. Das gesetzliche Rentenalter in Deutschland hat die vergangene Regierung j&uuml;ngst von 65 auf 67 Jahre angehoben. In Griechenland, so will es z.B. die Financial Times Deutschland wei&szlig; machen, w&uuml;rde das Rentenalter bei 53 Jahren liegen. In anderen Artikeln steht, dass das durchschnittliche Rentenalter bei 61 Jahren liegt. Das ganze Durcheinander kommt dar&uuml;ber zustande, dass laufend gesetzliche Bestimmungen zur Rente (z.B. wann darf jemand fr&uuml;hestens Rente bekommen und welches Alter muss jemand erreichen, ohne Abz&uuml;ge in Rente zu gehen) durcheinander gebracht werden mit, nicht zuletzt der Frage, in welchen Alter denn tats&auml;chlich der Durchschnitt der Lohnarbeiter oder Staatsbeamte in Rente geht. Mit diesen Verwechslungen l&auml;sst sich nat&uuml;rlich eine erstaunliche Differenz konstruieren. Kaum jemand in Deutschland geht aber erst mit 67 Jahren in Rente. Auch vorher ist schon kaum jemand mit 65 Jahren in Rente gegangen. Selbst das statistische Bundesamt Deutschland rechnet in seinen Prognosen mit dem bisherigen &ndash; sogar noch gro&szlig;z&uuml;gig ausgelegten &ndash; tats&auml;chlichen Renteneintrittsalter von 60 Jahren im Durchschnitt in der BRD. Wenn der Durchschnitt bei 60 Jahren liegt, dann ist auch klar, dass sich auch in Deutschland Leute finden, die bereits in den 50er Jahren in Rente gehen. Wenn die Bundesregierung also vor kurzem das gesetzliche Rentenalter von 65 Jahre auf 67 Jahre angehoben hat, dann &auml;ndert das an dem tats&auml;chlichen Renteneintrittsalter nichts. Damit hat die Regierung nur die Abschl&auml;ge von der Rente erh&ouml;ht, die die Rentner hinnehmen m&uuml;ssen. Sie haben &uuml;ber diesen Umweg schlicht die Renten gek&uuml;rzt. Durch diese Verarmung von Lohnarbeitern im Alter, ist nat&uuml;rlich eine Zwangslage geschaffen, der zu Folge die Leute von sich aus l&auml;nger arbeiten wollen. Aber auch in der Vergangenheit, z.B. im Zuge der Agenda 2010, hat ein so geschaffener Zwang nicht zu einem h&ouml;heren tats&auml;chlichen Renteneintrittsalter gef&uuml;hrt. Das hat seinen Grund darin, dass die Lohnarbeiter es in der Regel gar nicht selber in der Hand haben, wie lange sie besch&auml;ftigt sind. Unternehmen tun einiges daf&uuml;r, dass alte Menschen fr&uuml;hzeitig im Betrieb aufh&ouml;ren, weil sie &ouml;fter krank werden. Einen neuen Job finden &auml;ltere Menschen, die arbeitslos geworden sind, daher in der Regel sowieso nicht. Die Unternehmen sorgen ja auch daf&uuml;r, dass die Anstrengungen bei der Arbeit laufend hoch bleiben und h&ouml;her werden, sodass &auml;ltere Menschen den Job einfach gar nicht mehr aushalten k&ouml;nnen.</p>
<p>Kurzum: Der Rentenvergleich von der BILD-Zeitung ist konstruiert. Nicht zuletzt ist die ganze Argumentation vom Zynismus her kaum zu &uuml;berbieten, wenn ausgerechnet mit der vorhandenen Armut in Deutschland gewuchert wird, um mehr Armut in Griechenland einzufordern. In dieser Hinsicht bleibt also die miese Frage: Schafft es Deutschland tats&auml;chlich besser, die f&uuml;r kapitalistische Berechnungen nutzlosen und den Reichtum der Gesellschaft einfach auffressenden Rentner effizienter zu verarmen als Griechenland? Keine Frage, Deutschland hat schon immer eine Altersarmut besessen und in letzter Zeit wurde diese ordentlich ausgebaut. Aber das griechische Renten- und Lohnniveau- sowie die Beamtengeh&auml;lter liegen alle deutlich unter dem EU-Durchschnitt. Auch ein 14. Monatsgehalt bei den Staatsdienern macht bei einem Durchschnittslohn im &ouml;ffentlichen Dienst von 1.200 &euro; und durchschnittlichen Lebenshaltungskosten, die nur leicht unter den deutschen liegen, das Leben nicht einfacher, wenn von diesem Gehalt zudem in der Regel noch mehrere Familienmitglieder unterhalten werden m&uuml;ssen wegen der hohen Arbeitslosigkeit (Der herk&ouml;mmliche Lohn jenseits des Staatssektors betr&auml;gt dagegen je nach Branche und Region zwischen 700 und 1000 &euro;). Das ist auch der Grund daf&uuml;r, warum sich die meisten Griechen darum k&uuml;mmern m&uuml;ssen, neben dem offiziellen Job hie und da noch was dazuzuverdienen, auch die &Auml;rzte. Daher ist der folgende Hinweis der BILD zwar zur H&auml;lfte vielleicht richtig, aber kein guter Beitrag zur Kl&auml;rung der Verschuldungskrise:</p>
<p><em>&bdquo;Hier muss niemand tausend Euro Schmiergeld zahlen, damit er rechtzeitig ein Bett im Krankenhaus kriegt.&ldquo; <br />
	</em></p>
<p>Die Sitte, bei jeder Gesch&auml;ftsgelegenheit neben dem offiziellen Preis noch mal ein gesondertes &bdquo;Dankesch&ouml;n&ldquo; abdr&uuml;cken zu m&uuml;ssen, ist wohl in Griechenland weiter verbreitet als in Deutschland. Der Grund daf&uuml;r liegt ja gerade darin, dass auch 14 Monatsgeh&auml;lter nicht mal zum schlichtesten Leben reichen und damit der fl&auml;chendeckende Anreiz besteht, Zusatzverdienste einzustreichen. Korruptionsskandale gibt es in der BRD auch immer wieder. Wenn sie aufgedeckt werden, zeigt sich z.B. wie ein halbwegs gut bezahlter Politiker, ein Millionenbetrag von einer Baufirma angenommen hat. Hier ist die Aussicht, von der Einkommens-Mittelklasse in die Oberklasse zu gelangen, der Grund f&uuml;r die Korruptionsbereitschaft des Politikers. Genau deswegen werden Staatsangestellte ein wenig besser gestellt als der Rest, um so besser, je mehr die Machtbefugnisse reichen. Der Staat will damit einigerma&szlig;en sicherstellen, dass sie Staatsdiener auch das tun, was das Gesetz vorsieht und nicht ihre Machtbefugnisse f&uuml;r Privatman&ouml;ver aller Art ausnutzen. Wenn in einem Land, wie Griechenland scheinbar ein Schmiergeld mehr die Regel ist, zeigt das doch nur, dass der Staat sich die Loyalit&auml;t nicht im entsprechenden Umfang erkauft, weil er es sich selber nicht leistet. Das Verh&auml;ltnis der Korruption wird von der BILD-Zeitung auf den Kopf gestellt: Sie sagt, dass die Korruption der Grund daf&uuml;r sei, dass die griechische Wirtschaft nicht entsprechend flutscht. Die Wahrheit ist, dass sich die Korruption dort um so mehr breit macht, wo die Wirtschaft nicht so flutscht.</p>
<p>Noch ein kurzer Hinweis: Korruption als Ausdruck von nicht-gesetzlich vorgesehenen Einnahmen mag es in den deutschen Krankenh&auml;usern noch nicht so umfangreich geben. Nat&uuml;rlich wei&szlig; aber heutzutage jeder Mensch, dass die normale Krankenversicherung eine ordentliche Behandlung nicht mehr gew&auml;hrleistet. Eine private Krankenversicherung ersetzt hier f&uuml;r diejenigen, die es sich leisten k&ouml;nnen, das Schmiergeld.</p>
<p><em>&bdquo;Deutschland hat zwar auch hohe Schulden &ndash; aber wir k&ouml;nnen sie auch begleichen.&ldquo; <br />
	</em></p>
<p>Dieser Satz soll die Staatsverschuldungskrise Griechenlands erkl&auml;ren und ja nicht einfach die Tatsache feststellen, dass Griechenland derzeit Probleme hat und Deutschland nicht. Deutschland hat einen absoluten Schuldenstand von ca. 1500 Mrd. Euro. Griechenland hat ca. 200 Mrd. Euro Schulden. J&auml;hrlich muss ein Teil dieser Schulden bezahlt werden. Weil es auch Staatsanleihen mit l&auml;ngeren Laufzeiten gibt, m&uuml;ssen also nicht j&auml;hrlich alle Schulden zugleich zur&uuml;ckbezahlt werden. So musste z.B. im Jahr 2009 alleine der Bundeshaushalt der BRD ca. 250 Mrd. Euro nur f&uuml;r die bisherigen Schulden bezahlen. Griechenland hat derzeit Probleme ihre j&auml;hrlich f&auml;lligen Schulden zu bezahlen. Die BILD-Zeitung tut hier aber so, als wenn Deutschland tats&auml;chlich seine Schulden begleichen k&ouml;nnte, also auszahlen k&ouml;nnte. Das ginge den ganzen Tag nicht, denn, um bei dem Vergleich mit dem Bundeshaushalt zu bleiben: Die gesamten Steuereinnahmen des Jahres 2009 f&uuml;r den Bund betrugen ca. 228 Mrd. Euro. Die Staatsschuld &bdquo;funktioniert&ldquo; nur solange, wie die Staaten f&uuml;r die f&auml;lligen Altschulden neue Investoren finden, die ihnen das Geld leihen, damit sie die bisherigen Investoren auszahlen k&ouml;nnen. Im Bundeshaushalt wird dieser Haushaltsposten so bezeichnet: &bdquo;Schuldentilgung am Kreditmarkt durch Kredite vom Kreditmarkt&rdquo;. Dass dieses Verfahren f&uuml;r fast jedes Land der Welt so gilt, kann man leicht in den zug&auml;nglichen Statistiken im Netz nachschauen.</p>
<p>Das Problem, was Griechenland derzeit hat und Deutschland eben nicht, ist, dass sich nicht gen&uuml;gend Investoren finden, die neues Geld verleihen wollen, damit die alten Schulden bezahlt werden k&ouml;nnen. Von &bdquo;Begleichen&ldquo; kann also keine Rede sein. Hier w&auml;re ein richtiger Anfangspunkt der Frage gefunden, warum Griechenland Probleme hat: Warum misstrauen die Finanzm&auml;rkte ihrer langj&auml;hrigen Praxis, die f&auml;lligen Altschulden von Griechenland durch neues verliehenes Geld fortzuf&uuml;hren? Das ist aber nicht die Frage der BILD-Zeitung, die sie dann so beantwortet:</p>
<p><em>&bdquo;Weil wir morgens ziemlich fr&uuml;h aufstehen und den ganzen Tag arbeiten. Weil wir von unserem Gehalt immer auch einen Teil f&uuml;r schlechte Zeiten sparen. Weil wir fitte Firmen haben, deren Produkte rund um den Globus gefragt sind.&ldquo; <br />
	</em></p>
<p>Wie gesagt, k&ouml;nnte Deutschland mit seinen privaten Ersparnissen und den Gewinnen der Weltmeister-Unternehmen nie und nimmer seine Schulden zahlen. Von daher ist diese Antwort absurd. Nimmt man die Frage jetzt aber anders: Warum misstrauen die Finanzm&auml;rkte Griechenland und nicht Deutschland, dann k&ouml;nnte man sich denken, dass da was dran ist. Es stimmt, Deutschland als Exportweltmeister hat fitte Firmen, Griechenland kaum. Die BILD-Zeitung legt nahe, das liege daran, dass Menschen hier in Deutschland mehr und l&auml;nger arbeiten, die Griechen dagegen einfach faul sind. In der Zusammenstellung der BILD-Zeitung ist wieder alles auf den Kopf gestellt: Erstens liegt es in der kapitalistischen Gesellschaft &uuml;berhaupt nicht im Willen der Menschen zu arbeiten oder auch intensiv oder lange zu arbeiten. In Deutschland gibt es zig Millionen Arbeitslose, die von Hartz IV sehr schlecht leben. Dass diese sich sogar um die 1-Euro-Jobs rei&szlig;en, der Staat sie dazu gar nicht sonderlich zwingen muss, zeigt, wie verzweifelt die Menschen sich nach jeden zus&auml;tzlichen Einkommen strecken wollen. Dieses Wollen der Lohnabh&auml;ngigen beruht wiederum schlicht auf der hiesigen gesellschaftlich eingerichteten Alternativlosigkeit, sich seinen Lebensunterhalt durch nichts anderes als durch Lohnarbeit bestreiten zu m&uuml;ssen. Die Frage in kapitalistischen Gesellschaften ist f&uuml;r die &uuml;bergro&szlig;e Mehrheit der Menschen nie, ob sie arbeiten wollen oder nicht, sondern ob ihnen ein Unternehmen eine Besch&auml;ftigung anbietet. In dieser Hinsicht sieht es in Griechenland abgesehen von Tourismus, ein paar Werften und dem Staatssektor einfach mau aus, sie haben keine fitten Firmen. Sind Arbeitspl&auml;tze vorhanden ist es in Griechenland wie in Deutschland dasselbe: Kein Lohnarbeiter handelt mit seinem Unternehmen aus, wie lange und wie intensiv er rangenommen wird. Das definieren die Unternehmen vorweg, bieten einen fertig eingerichteten Arbeitsplatz an und warten, wer da kommt. In der Regel haben sie dabei nie das Problem eines mangelnden Angebots an willigen Lohnarbeitern. Und ist der Vertrag erstmal unterschrieben, dann ist es wiederum das Management, das &Uuml;berstunden fordert oder die Maschine schneller stellen kann. Hier am letzten Punkt ist die Absurdit&auml;t der BILD-Zeitung perfekt: Als wenn bei VW und BMW in ihren Maschinenparks irgendetwas von der individuellen Leistung des Arbeiters abh&auml;ngig gemacht w&uuml;rde. Die Unternehmen haben sich durch die Maschinen davon unabh&auml;ngig gemacht und der Arbeiter muss sehen wie er damit zurechtkommt. Lange und intensiv arbeiten wollen, schafft keine fitten Firmen. Fitte Firmen schaffen lange und intensive Arbeitstage.</p>
<p>Fitte Firmen zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich gegen andere fitte Firmen in der Konkurrenz um die globale Nachfrage behaupten k&ouml;nnen und die nicht so fitten Firmen nieder konkurrieren. Die deutschen Exportweltmeister f&uuml;llen ja auch die griechischen Warenh&auml;user, was als Tatsache nur ausdr&uuml;ckt, dass sich in Griechenland niemand gegen diese starken Konkurrenten durchsetzen konnte. Insofern ist Griechenland ein Verlierer des europ&auml;ischen Binnenmarktes im besonderen und der weltweiten Konkurrenz im Allgemeinen. Um heute eine fitte Firma zu gr&uuml;nden, braucht es Unsummen an Geld. Nicht weil die L&ouml;hne so hoch w&auml;ren, sondern weil man vergleichsweise produktive Maschinenparks hinstellen muss. Daran entscheidet sich haupts&auml;chlich, wer Gewinner ist und wer Verlierer. Als erstes braucht ein Land oder seine Unternehmen ordentliche Geldmassen, um eine Produktionsst&auml;tte aufzustellen, in der dann die Lohnarbeiter hart, lange und intensiv arbeiten d&uuml;rfen. Erst mit dieser entscheidenden Bedingung &ndash; viel Geld f&uuml;r eine moderne Produktionsst&auml;tte &#8211; kommt es dann im zweiten Schritt darauf an, diese durch viel und intensive Arbeit zu betreiben, damit der Erfolg in der Konkurrenz gesichert wird. Nicht die Arbeitsleistung ist die entscheidende Waffe in der kapitalistischen Konkurrenz, sondern die Geld- bzw. Kapitalmassen. Wenn die gegeben sind, kommt die n&ouml;tige Arbeitsleistung fast von alleine.</p>
<p>Diese Kapitalmassen gab es in Griechenland bis zum Eintritt in die Europ&auml;ische Gemeinschaft 1981 gar nicht. Griechenland hat sich durch den Beitritt versprochen, dass es dar&uuml;ber zu einigen Kapitalmassen kommt. Ein paar Investoren sind ja auch hingegangen, ein paar Transferleistungen hat Griechenland auch bekommen. Ein wenig hat sich was entwickelt. Dies und der Beschluss 1992 in der Euro-Zone mitzumachen, hat Griechenland dann erst das Vertrauen der Investoren und damit den Kredit verschafft, der sich bis heute angesammelt hat. Die Hauptsummen wurden n&auml;mlich in den 90er Jahren aufgenommen, um eine Entwicklung in Griechenland zu f&ouml;rdern. Die hat sich nicht eingestellt und das ist recht einfach zu erkl&auml;ren:</p>
<p>Wenn Griechenland seine nationale Wirtschaft mit Staatskredit in H&ouml;he 200 Mrd. Euro versucht aufzup&auml;ppeln, muss man sich nicht wundern, dass der Exportweltmeister Deutschland mit seinem Staatskredit von 1500 Mrd. Euro, seine Wirtschaft noch besser aufp&auml;ppelt und die Konkurrenz der Standorte dann sachgerecht Verlierer und Gewinner schafft.</p>
<p>Damit ist die Griechenland-Krise aber noch nicht erkl&auml;rt. Die Hauptschuldenlast wurde in den 90er Jahren angesammelt, nicht erst im letzten Jahr. Griechenland versuchte, mit diesen Krediten die Grundlagen daf&uuml;r zu schaffen, dass eine kapitalistische Entwicklung entstehe. Das hat nicht geklappt. Der Staat ist der Hauptarbeitgeber geblieben, nicht die Privatwirtschaft. Warum sind die Investoren dann ausgerechnet jetzt erst so verunsichert ob der G&uuml;te der griechischen Staatsschuld? Dass Griechenland die Kriterien der EU nicht eingehalten hat und bei den allj&auml;hrlichen Reports sogar etwas geschummelt hat, also buchhalterisch kreativ geworden ist, ist ebenfalls lange Jahre bekannt. Weiter war Griechenland ja scheinbar erst der Anfang und weitere Euro-Staaten geraten unter Druck. K&ouml;nnte es daher nicht sein, dass nicht der Euro das Opfer von Griechenlands Staatsverschuldung ist, sondern umgekehrt Griechenland das Opfer des Euros? Dazu im einem anderen Artikel mehr. Dort w&auml;re dann zu kl&auml;ren, warum die EU-Staatschefs eine solche H&auml;rte gegen Griechenland bzw. gegen die dortige Sozialpolitik einfordern. Die Phantasie der deutschen Presse in Sachen Grausamkeiten f&uuml;r die griechisches Masse an Lohnabh&auml;ngigen unterscheidet sich dabei nicht von der der Politiker. Letztere haben nur einen ganz anderen Grund &ndash; die Rettung ihrer Euro-Konstruktion.</p>
<p>Als Fazit der Bild- aber auch der allgemeinen deutschen Pressehetze kann man festhalten:</p>
<p>Sie stellt das Verh&auml;ltnis von dem, was der Staat und die Wirtschaft den Arbeitenden abverlangt und was Letztere deswegen wollen m&uuml;ssen, auf den Kopf.</p>
<p>Sie stellt das Verh&auml;ltnis von erfolgreich Reichtum vermehren und Schulden machen auf den Kopf.</p>
<p>Sie tut so, als wenn die ganze Sache eine individuelle Fehlleistung des griechischen Staates ist, der seine B&uuml;rger nicht genug drangsaliert hat.</p>
<p>Sie agitiert ihre Leser f&uuml;r eine unerbittliche H&auml;rte gegen die griechischen Lohnabh&auml;ngigen. Dabei wuchert sie mit der Armut, den die BRD und dessen Unternehmen hier in Deutschland hergestellt haben. Sie spekuliert darauf, dass die Leserschaft stolz auf ihre Armut ist, weil sie dabei arm aber insgesamt erfolgreich sei.</p>
<p>Das geht nur, weil sie sowohl im Falle Griechenlands als auch im Falle BRD immer von einem &bdquo;Wir&ldquo; bzw. &bdquo;Die&ldquo; reden. Dabei ist es erst einmal der Staat, der Schulden hat und nicht die Lohnabh&auml;ngigen. Dabei ist es der Staat, der beschlie&szlig;t, wie stark er bei den Steuern zulangt oder nicht &ndash; und nicht die Steuerzahler. Dabei sind es die Unternehmen, die erfolgreich wachsen in der globalen Konkurrenz, w&auml;hrend die Lohnarbeiter st&auml;ndig einzusehen haben, dass ihr Lohn zu hoch ist &ndash; in der BRD wie in Griechenland.</p>
<p>Junge Linke &ndash; Gegen Kapital und Nation</p>
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		<title>Kittens #1 Erschienen</title>
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		<pubDate>Wed, 09 Jun 2010 15:29:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>knecht</dc:creator>
				<category><![CDATA[German]]></category>
		<category><![CDATA[Kittens]]></category>

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		<description><![CDATA[Die zweite Ausgabe von kittens - dem Englischsprachigen Journal von Junge Linke gegen Kapital und Nation, herausgegeben von der Wine and Cheese Appreciation Society of Greater London - is erschienen.  Es steht unter kittens-01-web zum Download bereit.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="color: #333333; font-family: arial, verdana, sans-serif; line-height: 19px;">Die zweite Ausgabe von kittens &#8211; dem englischsprachigen Journal von Junge Linke gegen Kapital und Nation, herausgegeben von der Wine and Cheese Appreciation Society of Greater London &#8211; is erschienen. &nbsp;Es steht unter <a href="http://www.junge-linke.org/files/2010/06/kittens-01-web.pdf">kittens-01-web</a> zum Download bereit.</span></p>
<h4><span id="more-1962"></span>Inhaltsverzeichnis</h4>
<ol>
<li>Why anti-national? (<a href="http://www.junge-linke.org/en/why-anti-national">online Version</a>)</li>
<li>Games, entertainment and competition between states (<a href="http://www.junge-linke.org/en/games-entertainment-and-competition-between-states">online Version</a>, <a href="http://www.junge-linke.org/de/spiel_und_spas_und_staatenkonkurrenz">deutsche Version</a>)</li>
<li>&quot;You mean they actually vote for the lizards?&quot; (<a href="http://www.junge-linke.org/en/you-mean-they-actually-vote-for-the-lizards">online Version</a>)</li>
<li>Proud to be &#8230; So what? (<a href="http://www.junge-linke.org/en/proud-to-be-so-what">online Version</a>, <a href="http://www.junge-linke.org/de/proud_to_be_so_what_uberlegungen_uber_das_verhaltnis_von_emanzipation_und_kollektiven_identitaten">deutsche Version</a>)</li>
<li>Some remarks on homosexuality und homophobia (<a href="http://www.junge-linke.org/en/some-remarks-on-homophobia-and-homosexuality">online Version</a>, deutsche Version)</li>
<li>Public debt makes the state go round (<a href="http://www.junge-linke.org/en/public-debt-makes-the-state-go-round">online Version</a>)</li>
<li>On Hans-Georg Backhaus&#39; dialectic of the value-form</li>
</ol>
<p><object classid="clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000" codebase="http://download.macromedia.com/pub/shockwave/cabs/flash/swflash.cab#version=6,0,40,0" height="344" width="425"><param name="allowFullScreen" value="true" /><param name="allowscriptaccess" value="always" /><param name="src" value="http://www.youtube.com/v/GTxW3GWZ5hI&amp;hl=en_US&amp;fs=1&amp;rel=0" /><param name="allowfullscreen" value="true" /><embed allowfullscreen="true" allowscriptaccess="always" height="344" src="http://www.youtube.com/v/GTxW3GWZ5hI&amp;hl=en_US&amp;fs=1&amp;rel=0" type="application/x-shockwave-flash" width="425"></embed></object></p>
<div>
<p>kittens #0 gibt es&nbsp;<a href="http://www.junge-linke.org/files/2010/05/kittens-00-web.pdf">hier</a>.</p>
</div>
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		</item>
		<item>
		<title>Das zwanghafte Wollen der Hirnforscher</title>
		<link>http://www.junge-linke.org/de/hirnforscher</link>
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		<pubDate>Mon, 24 May 2010 15:34:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>me</dc:creator>
				<category><![CDATA[German]]></category>
		<category><![CDATA[Biologismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Thesen zur popul&#228;ren Hirnforschung&#160;
(PDF-Fassung des Artikels)

&#34;Die Menschen sind eben so wie sie sind und daran kann man auch nichts &#228;ndern. Sie folgen nur ihrer Natur.&#8220;

Diese ach so tiefen Welteinsichten begegnen einem immer mal wieder in der politischen Arbeit. Sie sind meistens nur dem Unwillen des Redners geschuldet, selber etwas zu ver&#228;ndern. So dient diese Einsicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Thesen zur popul&auml;ren Hirnforschung&nbsp;</h3>
<p><a href="http://www.junge-linke.org/files/2010/05/Hirnforschung-Thesen-Endfassung.pdf">(PDF-Fassung des Artikels)</a></p>
<blockquote>
<p>&quot;Die Menschen sind eben so wie sie sind und daran kann man auch nichts &auml;ndern. Sie folgen nur ihrer Natur.&ldquo;</p>
</blockquote>
<p>Diese ach so tiefen Welteinsichten begegnen einem immer mal wieder in der politischen Arbeit. Sie sind meistens nur dem Unwillen des Redners geschuldet, selber etwas zu ver&auml;ndern. So dient diese Einsicht f&uuml;r gew&ouml;hnlich dem Arrangement mit dem Bestehenden. Da kommt es ganz gelegen, wenn diese Position nun auch aus der Naturwissenschaft den R&uuml;cken gest&auml;rkt bekommt. Die Naturwissenschaften sind ja schlie&szlig;lich zust&auml;ndig f&uuml;r die harten Fakten, denen sich niemand entgegenstellen kann.</p>
<p><span id="more-1852"></span>Und das stimmt ja auch zum Teil: Ein Naturgesetz kann ich nicht &auml;ndern, sondern nur gezielt nutzen. Die Auswirkungen der &sbquo;Fallgesetze&rsquo; gelten immer, lassen sich aber zum Beispiel beim Sport (einige Geschicklichkeit vorausgesetzt) auch wunderbar nutzen, um mit einem Ball zu spielen.<a href="#sdfootnote1sym" name="sdfootnote1anc">1</a> Im gro&szlig;en Stil werden Naturgesetze in der Industrie eingesetzt, die aus der Erkenntnis der zugrundeliegenden Gesetze die Technik gewinnt, mit der sie sich vom einfachen Naturzusammenhang befreit (doch dazu sp&auml;ter mehr). Auch in der Medizin hat der Mensch z. B. &uuml;ber die Chemie und Biologie so einiges &uuml;ber seinen eigenen Stoffwechsel gelernt, das er nun einsetzen kann, um z. B. den Gr&uuml;nen Star zu verhindern oder die schwarze Pest zu heilen.</p>
<div>Warum also nicht auch genaueres &uuml;ber das Gehirn erfahren? Tats&auml;chlich gelingt es der Hirnforschung immer besser, z. B. Stoffwechsel und elektrische Impulse der Neuronen des Gehirns zu verstehen. Und daraus konnten und k&ouml;nnen dann neue Verfahren zur Heilung bisher nicht heilbarer Krankheiten resultieren (z. B. Schlaganf&auml;lle).</div>
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<h4>Das Gehirn als Naturding soll den Freien Willen zum Unding machen</h4>
<div>Neben der eher medizinisch-praktischen Hirnforschung gibt es aber auch einen Zweig der Hirn-Grundlagenforschung, der erkannt haben will, dass alle unsere Entscheidungen in Wirklichkeit gar nicht unsere eigenen seien, sondern nur auf neurophysionale Prozesse zur&uuml;ckgingen, also anders gesagt: rein chemisch und physikalisch bestimmbare biologische Prozesse in unserem Gehirn sein sollen. Wie bei diesen nat&uuml;rlichen Prozessen haben diese Forscher im gesamten Hirn keine von den Naturgesetzen abweichende Steuerung durch einen wo immer auch herkommenden freien Willen feststellen k&ouml;nnen. Tats&auml;chlich gehen die entsprechenden Neurophysiologen davon aus, dass alle physischen Regungen des Menschen, zu denen sie auch ihr Denken rechnen, determiniert, also schon im Vorhinein festgelegt und nicht frei sind. Sie w&uuml;rden den Naturgesetzen folgen. Es sei falsch, zu glauben, der Mensch k&ouml;nne die Naturgesetze seinem eigenen Willen entsprechend f&uuml;r sich einsetzen. Die Vorstellung einen eigenen Willen zu haben, sei zwar n&uuml;tzlich, sie entspr&auml;che aber in keiner Weise den nat&uuml;rlichen Abl&auml;ufen. Das Gehirn folge seiner Natur, wenn es den Menschen quasi vorspiele einen freien Willen zu haben. Damit w&uuml;rden diese Hirnforscher aber dennoch nicht sagen wollen, die Gehirne &uuml;bern&auml;hmen nun die &sbquo;Macht&rsquo;, sondern nur, dass die Naturgesetze in ihnen zu einer besonderen Konstellation gef&uuml;hrt h&auml;tten, die nun wiederum zu so etwas wie Denken f&uuml;hre. Diese besondere Konstellation werde von der &sbquo;Hardware&rsquo;-Seite &uuml;ber die Gene weitergegeben. Darum br&auml;chten die Menschen die Anlage zum Denken von Natur aus mit. Dar&uuml;ber hinaus w&uuml;rden die aktuellen Verschaltungen im Gehirn (&sbquo;Software&rsquo;-Seite) aber durch unsere Umwelt geformt, also auch durch den Prozess der menschlichen kulturellen Entwicklung, der z. B. durch Erz&auml;hlungen, Verhaltensweisen und die technische Bestimmtheit der Welt weitergegeben werde. Die Forscher sprechen dabei von der biologischen und der kulturellen Evolution, die beide rein den Naturgesetzen folgen w&uuml;rden.</div>
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<div>&bdquo;Die Forscher haben sich halt gefragt, ob es im Gehirn des Menschen irgendeinen Prozess gibt, der darauf hindeutet, dass etwas nicht nach den Naturgesetzen abl&auml;uft. Und die Antwort lautet Nein. Anders gefragt: L&auml;uft das menschliche Gehirn wie alle anderen Gehirne determiniert ab, also rein nach Naturgesetzen? Die Antwort hei&szlig;t Ja. Bisher haben wir da nicht die kleinste L&uuml;cke, etwa f&uuml;r das Wollen, gefunden. Und wenn es eine g&auml;be, w&uuml;rde sie den Naturgesetzen fundamental widersprechen.&ldquo;<a href="#sdfootnote2sym" name="sdfootnote2anc">2</a></div>
</blockquote>
<div>Die Kompliziertheit dieser Prozesse im Gehirn und dass man dem eigenen Denken nicht direkt zusehen k&ouml;nne, h&auml;tten die Menschen bisher zu der falschen Vorstellung gebracht, sie bes&auml;&szlig;en einen freien Willen. Konsequent verfolgt der Hirnforscher Gerhard Roth den Determinismus des Denkens bis hin zu dem des menschlichen Handelns. Denn das freie menschliche Handeln sollte ja dem freien menschlichen Denken folgen. Wer aber nicht frei ist im Denken, handelt auch nicht frei. Weder im Privaten, noch im gesellschaftlichen Zusammenhang. Dies widerspr&auml;che zwar den W&uuml;nschen und dem Wollen der Einzelnen, scheineaber die einzig m&ouml;gliche naturwissenschaftliche Erkl&auml;rung des Denkens und Handelns. Es mag sich f&uuml;r uns vielleicht so anf&uuml;hlen, als h&auml;tten wir einen freien Willen, aber dieses Gef&uuml;hl sei naturwissenschaftlich als eine T&auml;uschung entlarvt. Denn der Wille sei, wie alles Mentale (Geistige), an das Gehirn gebunden. Ein Indiz f&uuml;r diese Behauptung ist, dass der &sbquo;freie&rsquo; Wille erlischt, wenn das Gehirn zerst&ouml;rt wird. Oder, weniger drastisch, dass wir uns bei starkem Hunger schlechter konzentrieren k&ouml;nnen. Der Mensch zerfalle also nicht in freies Denken auf der einen Seite und biologisches Gehirn auf der anderen Seite, sondern eine solche gegens&auml;tzliche Zweiteilung (Dualismus) sei einfach nur eine falsche Vorstellung, die die Hirnforscher genauer untersucht h&auml;tten und als falsch erkannt h&auml;tten.</div>
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<h4>Das menschliche Denken: mal gemessen und mal vermessen</h4>
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<div>&bdquo;Es geht um die Frage: Handelt der Mensch nach freiem Willen, oder wird sein Handeln von naturgesetzlichen Abl&auml;ufen in seinem Gehirn bestimmt? [...] Ein solcher Dualismus Mensch-Natur ist v&ouml;llig inakzeptabel, denn es gibt nicht den geringsten empirischen Beweis f&uuml;r einen solchen Dualismus.&ldquo;</div>
</blockquote>
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<div>&bdquo;Denn neuronale Impulse k&ouml;nnen nur durch andere neuronale Impulse unterdr&uuml;ckt werden.&ldquo;</div>
</blockquote>
<div>Und nicht durch metaphysische, unk&ouml;rperliche und den physikalischen und chemischen Gesetzen nicht unterworfenen Geist oder Seele oder so Zeugs.</div>
<div>Dieser Dualismus, also die Zweigeteiltheit der menschlichen Existenz in K&ouml;rper und Seele ist, so wie Roth ihn betrachtet, ein altes religi&ouml;ses Dogma. In ihm sollte sich die Trennung der Welt in Geist und K&ouml;rper fr&uuml;her einmal auch die Freiheit des Menschen gegen&uuml;ber der tierisch, k&ouml;rperlichen Welt ausdr&uuml;cken.<a href="#sdfootnote3sym" name="sdfootnote3anc">3</a> Roth f&auml;llt ganz richtig daran auf, dass sich durch diese Trennung nicht mehr erkl&auml;ren l&auml;sst, wie Geist und K&ouml;rper aufeinander einwirken. Die Trennung w&uuml;rde dann eigentlich die Unfreiheit des Menschen beweisen, der sich zwar alles denken kann, aber nichts bewirkt, weil die Natur von ihm v&ouml;llig unbeeinflussbar abl&auml;uft. Entsprechend w&auml;re seine Freiheit nicht real.</div>
<div>Roth will diese Zweigeteiltheit wegen ihrer Widerspr&uuml;che &uuml;berwinden. Er wendet sich deshalb gleich der Realit&auml;t der Welt zu und sieht entsprechend nur die Seite des K&ouml;rpers als real an. Dabei versucht er auch zu verstehen, wie die falsche Vorstellung der Zweigeteiltheit rein naturwissenschaftlich, also rein &sbquo;k&ouml;rperlich&rsquo; erkl&auml;rt werden kann. Dazu setzt er die Mittel der Naturwissenschaften ein, die ihm f&auml;lschlicherweise als einzige Quelle f&uuml;r sichere Erkenntnis gelten. Die Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten unseres Verstandes sollen sich seiner Ansicht nach durch Versuche best&auml;tigen lassen und nicht durch &sbquo;blo&szlig;e Spekulation&rsquo;.</div>
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<h4>Zwar ganz falsch gedacht, aber trotzdem richtig gemacht</h4>
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<div>&bdquo;Heute wei&szlig; man ziemlich genau, wie Handlungen in unserem Gehirn vorbereitet werden. Und wir haben, weil wir das Gehirn jetzt viel besser beim Arbeiten beobachten k&ouml;nnen, auch genauere Vorstellungen davon, wie es in uns das Gef&uuml;hl, etwas zu wollen, produziert.</div>
<div>[...]</div>
<div>Das Unbewusste hat das erste und das letzte Wort. Das erste beim Entstehen der W&uuml;nsche, das letzte bei der endg&uuml;ltigen Entscheidung &uuml;ber meine Handlung. Dazwischen k&ouml;nnen wir beliebig lange hin und her &uuml;berlegen und haben die Illusion des freien Willens. Doch was man dann letztlich tut, h&auml;ngt nur sehr bedingt ab von dem, was man lange hin und her &uuml;berlegt hat.</div>
<div>[...]</div>
<div>Wir haben einen Apparat in unserem Gehirn, das Limbische System, das v&ouml;llig unbewusst arbeitet. Es entscheidet schon im Mutterleib und das ganze Leben hindurch &uuml;ber das, was wir tun. Dies tut es auch anhand angeborener Pr&auml;ferenzen, aber &uuml;berwiegend auf Grund von Erfahrung.&ldquo;</div>
</blockquote>
<div>Also nochmal: Hirnforscher wie Roth gehen davon aus, dass es keine Trennung zwischen Denken und Natur geben k&ouml;nne, sondern alle menschlichen &Auml;u&szlig;erungen und Denkprozesse nichts als nat&uuml;rliche Abl&auml;ufe seien, die der Evolution des Menschen entspr&auml;chen.</div>
<div>Richtig daran ist, dass die Erscheinungen der Natur tats&auml;chlich nur nach Naturgesetzen bestimmt und bestimmbar sind. In sie wirkt erst einmal nichts von au&szlig;en ein, das g&auml;nzlich anders w&auml;re als sie selbst. Die Frage lautet: Wie soll unk&ouml;rperliches Denken auf k&ouml;rperliche Prozesse einwirken? Mit den naturwissenschaftlichen Messverfahren ist es v&ouml;llig unm&ouml;glich, etwas zu messen, das den erwarteten Ausgang der laufenden Naturprozesse von au&szlig;en st&ouml;rt oder ver&auml;ndert und somit z. B. als freier Wille in sie eingreift.<a href="#sdfootnote4sym" name="sdfootnote4anc">4</a> Abweichungen von den in der Forschung erwarteten Resultaten des nat&uuml;rlichen Ablaufs f&uuml;hren deswegen auch nicht zur Annahme, dass es doch so etwas wie einen Willen g&auml;be, der sich hierin ausdr&uuml;cke, sondern die Abweichungen f&uuml;hren entsprechend zu Korrekturen der sich als falsch erwiesenen bisherigen naturwissenschaftlichen Vorstellungen. Und dar&uuml;ber hinaus f&uuml;hren sie zu neuen Erkenntnissen &uuml;ber die bisher einfach nicht genau genug bekannten Naturzusammenh&auml;nge. Dass noch nicht alle Naturprozesse vorhergesagt werden k&ouml;nnen, liegt dann unter anderem an unserem noch mangelnden Wissen.<a href="#sdfootnote5sym" name="sdfootnote5anc">5</a></div>
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<div>Andererseits arbeiten diese Hirnforscher aber auch an dem Problem, dass Denken und neurophysiologische Prozesse nicht direkt identisch sind, sondern nur in ein relationales System gebracht werden k&ouml;nnen.</div>
<div>Die Denkprozesse k&ouml;nnen trotz z.B. bildgebender Verfahren bei den Hirnuntersuchungen nicht direkt erkannt werden. Die Vorstellung eines Dreiecks l&auml;sst sich nicht direkt in den Formen oder Spannungsleitungen der Hirnzellen ablesen. Darum m&uuml;ssen Hirnforscher zuerst einmal fragen, was ein untersuchtes Menschen-Gehirn denn so denkt. Daf&uuml;r wiederum k&ouml;nnen sie nicht das Gehirn direkt befragen, sondern nur das Bewusstsein des Menschen, der sich zu diesen Experimenten zur Verf&uuml;gung stellt. Wenn dieser sagt, dass er sich ein Dreieck vorstellt, ist es m&ouml;glich die Beobachtungen, die die Hirnforscher zeitgleich in seinem Gehirn machen, dazu in Bezug zu setzen: die Vorstellung des Dreiecks und die Hirnstr&ouml;me werden in ein korrelatives System gebracht.<a href="#sdfootnote6sym" name="sdfootnote6anc">6</a> Sie werden aufeinander bezogen, weil sie zwei verschiedene Dinge sind: Vorstellung eines Dreiecks und Hirnstrommessungen beim Vorstellen eines Dreiecks. Das macht man so h&auml;ufig und bei so vielen Leuten, bis man sich relativ sicher ist, das diese Prozesse zueinander geh&ouml;ren. Also bei jedem, der den Gedanken an ein Dreieck hat, eine bestimmte, wiederholbare Beobachtung im Gehirn zu machen ist.</div>
<div>Manche Hirnforscher schie&szlig;en dabei schon einmal &uuml;bers Ziel hinaus und sagen diese Prozesse seien ein und derselbe. Doch auch wenn die so genannte Kritische Neurophysiologie diese &sbquo;vorschnelle&rsquo; Gleichsetzung der verschiedenen Prozesse f&uuml;r falsch h&auml;lt, ist sie im n&auml;chsten Moment dabei, aus diesen Regelm&auml;&szlig;igkeiten Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten zu machen und die Korrelation von Verschiedenem (Inhalt des Denkens und neuronale Signalleitungen) in dieser Hinsicht aufzul&ouml;sen. Zwar lassen sich Korrelationen erfahrungsgem&auml;&szlig; feststellen, ob und wie die zwei Sachen tats&auml;chlich zusammenh&auml;ngen, muss aber dar&uuml;ber erschlossen werden, wie die beiden Sachen unabh&auml;ngig voneinander bestimmt sind. Daraus kann ich erschlie&szlig;en, wie das eine ggf. auf das andere wirkt. Diese tats&auml;chlichen Zusammenh&auml;nge kennen die Hirnforscher aber gar nicht, sondern sie behaupten nur, dass sie sicher w&uuml;ssten, dass diese Prozesse in letzter Konsequenz identisch seien.<a href="#sdfootnote7sym" name="sdfootnote7anc">7</a> Nun hat ja niemand, der ernst zu nehmende Beitr&auml;ge zu dem Problem des Dualismus Welt &harr; Denken gebracht hat, behauptet, das Denken w&auml;re unabh&auml;ngig von der physischen Existenz des Menschen. Aber aus einer Korrelation resultiert &uuml;berhaupt nicht die Identit&auml;t dessen, was aufeinander bezogen wird. Ganz im Gegenteil: In einer Korrelation braucht es zwei unterschiedene Prozesse, die aufeinander bezogen werden. Damit ist Roth also noch keinen Schritt weiter als die von ihm zu recht kritisierten dualistischen Denker. Der Prozess eines Gedankens (und mag er noch so richtig oder falsch sein) und der neuronale Prozess sind zwei verschiedene Prozesse, die hier rein statistisch aufeinander bezogen werden.</div>
<div>Dies ist von Roth ja gerade als Argument gegen den freien Willen gemeint, wenn er sagt, inzwischen seien sich &bdquo;alle neurobiologischen und psychologischen Fachleute darin einig, dass es zwischen dem Gef&uuml;hl, etwas zu wollen, und dem eigentlichen Ausl&ouml;sen der Tat keine kausale Beziehung gibt.&ldquo; Nur dass dies bedeute, es g&auml;be keinen freien Willen, denn dieser sei den neurologischen Prozessen auch zeitlich nachgeordnet.</div>
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<div>&bdquo;Nur, dass im Gehirn so viele Faktoren miteinander verrechnet werden, dass wir das nicht mehr nachvollziehen k&ouml;nnen. Was wiederum die Illusion erzeugt, als ginge das nicht kausal zu. Wenn man so ein Netzwerk physikalisch nachbaut, wie wir Forscher es getan haben, verh&auml;lt es sich schon bei nur f&uuml;nf oder sechs Faktoren so unberechenbar, dass man ihm fast einen freien Willen zuschreiben w&uuml;rde.&ldquo;</div>
</blockquote>
<div>Da Roth diesen Gedanken durchaus ernst nimmt, kommt er zu dem (allerdings falschen) Schluss, dass die Menschen nicht nur nichts Genaues &uuml;ber den tats&auml;chlichen Bezug vom biologischen Gehirn auf dessen Gedanken herausfinden k&ouml;nnen, sondern gleich gar nichts Genaues &uuml;ber die Welt erfahren k&ouml;nnen, da sie immer nur eine vage Vorstellung von dieser h&auml;tten. Die Trennung von Naturprozessen und Denken trifft selbstverst&auml;ndlich auch die Naturforscher, deren Verdienst nur darin bestehe, die Trennung aufzuzeigen. Das Gehirn denke sich die Wirklichkeit aber falsch und darum werde es zum falschen Denken aus richtigen Antrieben, denn es wolle sich die Wirklichkeit ja erkl&auml;ren. Nur sei es sich seiner eigenen notwendig falschen Gedanken nicht bewusst, bevor die kulturelle Evolution nicht bei der Bewusstwerdung dieses Problems der &sbquo;bewussten unbewussten Wirklichkeit&lsquo; ganz nat&uuml;rlich angekommen sei. Dieser Widerspruch, den Roth sich selbst eingehandelt hat, interessiert ihn bei der weiteren Erforschung aber nur am Rande. Im Ganzen bleibt seine Untersuchung an die naturwissenschaftliche Vorgehensweise &bdquo;Theorie &rarr; Experiment &rarr; Schlussfolgerung&ldquo; gebunden. Und diese geht eben nicht davon aus, dass die Welt prinzipiell unzug&auml;nglich ist, sondern erforscht sie mit ganz handfesten Experimenten. Erst einmal findet Roth dabei weitere Korrelationen heraus und diese deutet er dann einfach zu &sbquo;Gesetzen&rsquo; um.</div>
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<h4>Naturgesetze als Beleg f&uuml;r Willensfreiheit</h4>
<div>Die Experimente, die Roth als Beleg f&uuml;r die Naturgesetzlichkeit des Denkens ansieht, setzen aber ganz im Gegenteil den freien Willen immer schon voraus. Sie k&ouml;nnen ihn gar nicht widerlegen, wenn sie ihre eigene Aussagekraft nicht ebenfalls verlieren wollen.</div>
<div>Die Aussagekraft besteht selbstverst&auml;ndlich nicht darin, Naturgesetze beweisen oder widerlegen zu k&ouml;nnen, wie es sich manche Empiriker vorstellen, sondern die Experimente zeigen (wie auch der Arbeitsprozess) die t&auml;tige Vermittlung von Denken und Welt. Die Gesetze und die Gr&uuml;nde die Naturgesetze zu beweisen oder zu widerlegen sind rein gedacht. Dennoch sind sie, wie die technische Anwendbarkeit zeigt, auch in der Welt real.</div>
<div>Naturgesetze lassen sich nicht pr&auml;parieren. Einzelne Naturprozesse zu identifizieren und das Experiment als Beleg f&uuml;r das vorweg angenommene Naturgesetz anzusehen, widerspricht sogar der Vorstellung der Hirnforscher, weil sie so den Zweck verfolgen, die Naturgesetze zu beweisen. Zwecke zu verfolgen sollte aber nicht mehr m&ouml;glich sein, wenn es keinen freien Willen gibt, der das Handeln der Forscher vorweg plant und dann entsprechend umsetzt.</div>
<div>Es hilft den Hirnforschern auch nichts, wenn sie einwenden, der Wille des Forschers sei gar nicht frei, sondern ebenfalls determiniert, denn dann w&uuml;rde sich die Natur (vermittelt durch die menschlichen Gehirne) in unserem Denken nur selbst erkennen. So wird den Menschen abgesprochen ein Subjekt ihrer Taten zu sein und andererseits dieses Subjekt in die Natur verlegt. Doch gerade die Natur sollte ja nur nach Naturgesetzen ablaufen und somit eben nicht selber (frei und bewusst) Handeln.</div>
<div>Entsprechend k&ouml;nnen die Hirnforscher nun entgegnen,dass die Natur dies auch nicht tue, sondern die Naturprozesse eben einfach gegeben seien und so abliefen, wie sie abliefen. Damit bliebe aber nur 1. die Behauptung, Naturprozesse und ihre Erkl&auml;rung w&auml;ren ein und dasselbe,<a href="#sdfootnote8sym" name="sdfootnote8anc">8</a> oder aber 2. die Feststellung, das sich das forschende Subjekt nicht wegdenken kann, ohne das Subjekt auf die Natur oder sonstwohin (z.B. Gott) zu verschieben. Dann h&auml;tte die Natur den freien Willen, der den Menschen abgesprochen wurde, weil er doch grunds&auml;tzlich unm&ouml;glich sein sollte. Es ist aber gerade das freie Denken, das die Naturprozesse vorfindet und sich zu erkl&auml;ren versucht.</div>
<div>Dass die Naturprozesse gegeben sind, soll andererseits selbstverst&auml;ndlich nicht hei&szlig;en, dassdie Natur einem bewussten Sch&ouml;pfungsakt folgt, der sie in dieser Weise &sbquo;gegeben&rsquo; h&auml;tte. Die Naturgesetze erkennt das Denken, das sich die Natur (als etwas dem Denken Entgegengesetztes) zu erkl&auml;ren versucht. Und dieses Denken, da haben wiederum die Hirnforscher ganz recht, ist nicht einfach unabh&auml;ngig von der Physis der Menschen<a href="#sdfootnote9sym" name="sdfootnote9anc">9</a>. Die menschliche Freiheit ist nicht absolute Freiheit oder unbegrenzte Macht des Menschen der Natur gegen&uuml;ber. Diese eigentlich ja magisch zu nennende Vorstellung eines freien Willens ist falsch. Dann w&auml;re es nicht nur m&ouml;glich Gegenst&auml;nde gegen die ihnen eigenen Naturgesetze zu bewegen, also z.B. H&auml;user nur qua Willen fliegen zu lassen, sondern auch gar nicht so schlimm, Hunger zu haben, weil ich mir die gew&uuml;nschte Mahlzeit nur herbeidenken m&uuml;sste.</div>
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<h4>Die &Uuml;berwindung des einfachen Naturzusammenhangs</h4>
<div>Der t&auml;tige Mensch unterscheidet sich vom einfachen Naturzusammenhang durch seinen Zwecke setzenden und umsetzenden Willen. Das der Mensch z.B. K&auml;lte durch ein Feuer ertr&auml;glich machen kann, stellt den Menschen nicht au&szlig;erhalb dieses Naturzusammenhangs. Aber er kann ihn bewusst nutzen. Durch Einsatz der eigenen Natur auf die Natur zu wirken und diese gezielt einzurichten, ist eine Voraussetzung der menschlichen Kultur. Dar&uuml;ber hinaus l&auml;sst die arbeitsteilige Erweiterung der M&ouml;glichkeiten des Einzelnen den einfachen Naturzusammenhang f&uuml;r den in der Gesellschaft lebenden Menschen weit hinter sich. Die zunehmende Losl&ouml;sung vom einfachen Naturzusammenhang k&ouml;nnte dem Menschen zugute kommen. Aber in der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft wird daraus die Einordnung und Unterordnung<a href="#sdfootnote10sym" name="sdfootnote10anc">10</a> unter Staat und Kapital. Wobei nicht die Arbeitsteilung oder die Naturbeherrschung das Problem sind, sondern der Zweck, unter den diese gesellschaftliche Arbeitsteilung und Naturbeherrschung gestellt ist.</div>
<div>In der kapitalistischen Produktionsweise ist nicht das Wohl der Menschen der Zweck, sondern die Produktion von Mehrwert um des Mehrwerts Willen. Den Mehrwert wiederum m&uuml;ssen die Lohnabh&auml;ngigen f&uuml;r das Kapital erarbeiten, weil sie sich nur auf diese Weise auch selbst erhalten k&ouml;nnen. Die daraus resultierenden Zw&auml;nge scheinen den Einzelnen dann wieder genauso unab&auml;nderlich wie die Naturgesetze. Die Arbeiter produzieren und reproduzieren aber eigentlich ihre eigene Abh&auml;ngigkeit vom kapitalistischen Produktionsprozess. Der ist zwar naturwissenschaftlich, technisch vern&uuml;nftig bestimmt, aber sein Zweck ist nicht vern&uuml;nftig<a href="#sdfootnote11sym" name="sdfootnote11anc">11</a>. Au&szlig;erdem trennt diese unvern&uuml;nftige Produktionsweise die Menschen von ihren Reproduktionsmitteln und sorgt f&uuml;r die Abh&auml;ngigkeit der Menschen vom kapitalistischen Reproduktionsprozess.<a href="#sdfootnote12sym" name="sdfootnote12anc">12</a> Obwohl die Produktivkraft der Arbeit und die Einsichten in die Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten der Natur als Teil der kapitalistischen Produktionsweise permanent fortschreiten (m&uuml;ssen), scheint der Produktionsprozess mit seinen H&auml;rten und Abh&auml;ngigkeiten vom Kapital ganz und gar Sachzwang zu sein, also wiederum einfacher Naturzusammenhang zu sein.</div>
<div>Auch der Wissenschaftsbetrieb ist dem Kapital und seinen Interessen untergeordnet und tr&auml;gt die falschen Vorstellungen von dessen &sbquo;Naturw&uuml;chsigkeit&lsquo;<a href="#sdfootnote13sym" name="sdfootnote13anc">13</a> in sich. Damit sind aber nicht alle Erkenntnisse desselben falsch. Sich z.B. mit Hirnforschung zu besch&auml;ftigen ist sinnvoll, aber auch unsinnig, wenn sie als Teil der Ideologieproduktion in der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft betrieben wird.</div>
<div>Ein Teil der Hirnforscher beteiligt sich dennoch an der Ideologieproduktion und meint dabei (besonders innovativ) interdisziplin&auml;r zu arbeiten, denn ihm erscheinen die anderen Disziplinen b&uuml;rgerlichen Denkens und Miteinanders nun in einem neuen Licht (z.B. Soziologie, Psychologie, etc.). Damit sind diese Hirnforscher endg&uuml;ltig auch bei den aktuellen gesellschaftlichen Fragen angekommen. Forschungsgelder flie&szlig;en nicht nur, weil sie gute Grundlagenforschung betreiben, sondern auch, weil die Ergebnisse dem Herrschaftspersonal sinnvoll erscheinen. Deren Ergebnisse decken sich mit den Erfahrungen von Subjekten beim kapitalistischen Wirtschaften und im b&uuml;rgerlichen Staat mit seinem Gewaltmonopol.</div>
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<h4>Inwieweit sind die &sbquo;Erkenntnisse&rsquo; der Hirnforschung ideologisch?</h4>
<ul>
<li>Gesellschaftliche Sachverhalte werden f&auml;lschlicherweise als biologische bzw. sozio-biologische Gegenst&auml;nde gefasst und scheinen so naturgegeben und nicht kritisierbar oder willentlich ver&auml;nderbar. &#8211; Hierbei gelten die Naturwissenschaften f&auml;lschlicherweise als weniger anf&auml;llig f&uuml;r ideologische Interpretationen.</li>
</ul>
<ul>
<li>Die Erkl&auml;rung von gesellschaftlichen Sachverhalten als naturgegeben verschleiert das Kapitalverh&auml;ltnis, welches aber auf Gesetzen beruht, die teilweise als Naturgesetze erscheinen. So werden die jetzigen gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse zur &sbquo;zweiten Natur&rsquo;, die sich f&uuml;r den Einzelnen genauso wie die einfachen Naturprozesse darstellt [Flut&harr;Fl&uuml;chtlingsflut; Erdbeben&harr; Beben der Finanzm&auml;rkte, etc.].Doch geht das noch weiter: &Uuml;ber den Einzelnen hinaus bestimmen sogenannte Sachzw&auml;nge nicht nur als rhetorischer Politikertrick die Gesellschaft.</li>
<li>Angesichts &ouml;konomischer und gesellschaftlicher (Sach-) Zw&auml;nge, denen die Menschen ausgesetzt sind, wird manchen ihre Willensfreiheit zum blo&szlig;en Schein. &sbquo;Wir&lsquo; m&uuml;ssen uns st&auml;ndig anpassen, damit es &sbquo;der Wirtschaft&rsquo; gut geht und nicht umgekehrt. Dieser Zwang wird zum eigenen Anliegen, weil das eigene &Uuml;berleben (Lohn, Rente, etc.) von der kapitalistischen Produktion abh&auml;ngt.Darum ist f&uuml;r viele Menschen der naturgesetzliche Determinismus plausibel. Diese Vorstellung liefert ein vermeintliches Erkennen sowohl der Zw&auml;nge, als auch die Erkl&auml;rung der pers&ouml;nlichen Erfahrung und befreit dar&uuml;ber hinaus vom (freien) Willen, die Prozesse oder Verh&auml;ltnisse zu &auml;ndern.<a href="#sdfootnote14sym" name="sdfootnote14anc">14</a> Ein solcher Versuch wird hingegen als veraltet und dumm angesehen. So wird die Ohnmacht des Einzelnen im gesellschaftlichen Gef&uuml;ge zum Argument gegen deren &Uuml;berwindung verdreht.</li>
<li>Weil alles nat&uuml;rlich determiniert sei, k&ouml;nne es keine Revolution geben. Umgekehrt aber werden den popul&auml;ren Hirnforschern und ihren Anh&auml;ngern politische Positionen und Handlungen zu Teilen der Evolution, die allein das Handeln der Menschen bestimme und damit auch rechtfertigt.</li>
<li>W&auml;hrend so die bewusste und politische Befreiung der Menschen f&uuml;r unm&ouml;glich erkl&auml;rt wird, dient die popul&auml;re Hirnforschung im politischen Alltagsgesch&auml;ft der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft dann dazu, die Positionen und Interessen von Politikern und Wirtschaftsvertretern (gerne auch konservative bis reaktion&auml;re) als nat&uuml;rlich legitimiert darzustellen. Dass aber auch jede Abweichung vom herrschenden Denken als nat&uuml;rlicher Prozess gesehen werden kann, ist eine weitere Frage, die die Hirnforscher bewegt.</li>
</ul>
<h4>&nbsp;</h4>
<h4>Vom &sbquo;naturgegebenen&rsquo; und darum f&uuml;r Hirnforscher einzig richtigen Gewaltapparat</h4>
<div>Bei der Betrachtung von Recht und Ordnung kommen Hirnforscher deshalb schon einmal zu nicht ganz so neuen Vorstellungen betreffs der Rechtsordnung:</div>
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<div>&bdquo;Ich behaupte: Straft&auml;ter k&ouml;nnen im moralischen Sinne nichts f&uuml;r das, was sie tun, sondern sie tun das, was das Resultat des komplizierten und h&ouml;chst individuell verlaufenden Abw&auml;gungsprozesses in ihrem Gehirn ist &#8211; so abartig dieser Prozess auch ablaufen mag! Das hei&szlig;t aber nicht, dass sie nicht bestraft werden d&uuml;rfen. Sie d&uuml;rfen nur nicht bestraft werden auf Grund der Annahme, dass sie auch anders h&auml;tten handeln k&ouml;nnen, sondern weil die Gesellschaft ihr Verhalten nicht duldet &#8211; und damit sie sich eventuell bessern.&ldquo;</div>
</blockquote>
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<div>&bdquo;Tats&auml;chlich hat man bei Soziopathen oder Impulsgewaltt&auml;tern hirnorganische Faktoren feststellen k&ouml;nnen, die ihr abweichendes Verhalten bedingen. Das hei&szlig;t: Die mit am h&auml;rtesten bestraft werden, k&ouml;nnen wohl am wenigsten daf&uuml;r.</div>
<div>Sie sind unschuldig im moralischen Sinne, nicht im Sinne der Normabweichung und sozialen Sch&auml;dlichkeit. Und da kommen wir zum Kern der ganzen aktuellen Diskussion: Strafen m&uuml;ssen einen anderen Sinn bekommen. Im angels&auml;chsischen Recht zum Beispiel wird der Sinn des Strafrechts mehr in der Besserung oder der Pr&auml;vention gesehen als in der moralischen Abstrafung. Die Angelsachsen sind Erziehungsoptimisten.&ldquo;</div>
</blockquote>
<div>Das l&auml;uft auf folgendes heraus: Wenn das Strafen und die Drohung mit Strafe Besserung oder Pr&auml;vention bedeutet, dann nur, weil die jeweiligen Straftaten biologisch begr&uuml;ndet sein sollen und entsprechend geduldet bzw. behandelt werden sollen. Und das geht noch weiter, denn dann ist nicht an den Willen des T&auml;ters zu appellieren, sondern nur das nat&uuml;rliche Strafma&szlig; zu ermitteln, vermittels dessen sich die Gesellschaft selbst erh&auml;lt. Strafe und Strafma&szlig; sind f&uuml;r Roth also nat&uuml;rliche Ma&szlig;nahmen und so ebenfalls nicht mehr kritisierbar. Dabei wird die b&uuml;rgerliche Gesellschaft als nat&uuml;rlicher Zusammenhang angenommen. Die Zw&auml;nge in ihr werden nicht analysiert, sondern biologisiert. Der Kriminelle ist biologisch ein Krimineller geworden, und nicht etwa, weil er seinen Mangel an Geld als Bankr&auml;uber beheben will.<a href="#sdfootnote15sym" name="sdfootnote15anc">15</a> Aber hier kommt Roth dann doch ins Straucheln, ganz so ernst will er dass beim Straft&auml;ter mit dem Determinismus als wissenschaftlich aufschl&uuml;sselbaren n&auml;mlich nicht nehmen:</div>
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<div>&bdquo;Es gibt einen genetischen Sockel bei Straft&auml;tern, der liegt bei rund 20 Prozent. Aber der gr&ouml;&szlig;te Teil liegt wohl in fr&uuml;hkindlichen Erfahrungen. Und hier wird es kompliziert. Wenn man bei schweren Straftaten in die Vergangenheit des Angeklagten guckt, findet man immer etwas. Aber man kann nicht umgekehrt von einem auff&auml;lligen Verhalten auf einen sp&auml;teren Mord schlie&szlig;en. Ob jemand M&ouml;rder wird, h&auml;ngt ja auch vom weiteren Lebensverlauf und auch von der Situation ab. Also kann man ihn nicht pr&auml;ventiv einsperren. Nur r&uuml;ckwirkend ist ein Determinismus erkennbar, aber nicht vorab.&ldquo;</div>
</blockquote>
<div>Damit wird aus dem sogenannten wissenschaftlich bewiesenen Determinismus die einfache Aussage, dass es so gekommen ist, wie es kommen musste. Von wissenschaftlicher Erkenntnis bleibt hier nur die richtige Feststellung, dass Handlungen Gr&uuml;nde haben. Von den tats&auml;chlichen Gr&uuml;nden wird aber abstrahiert. Tats&auml;chliche gesellschaftliche wie pers&ouml;nliche Gr&uuml;nde bleiben au&szlig;en vor. Gleichzeitig wird Roth die p&auml;dagogische und andere staatliche Gewalt zur Notwendigkeit, da sich mit ihr die Gesellschaft erh&auml;lt. Die Gesellschaft selbst aber bleibt unbegriffen. Sie ist f&uuml;r Roth allemal richtig wie sie ist, denn sonst w&auml;re sie anders, wof&uuml;r der nat&uuml;rliche Prozess der kulturellen Evolution sorgen soll. In dieser Evolution stelle sich immer das &sbquo;Beste&rsquo; her, also eigentlich das &sbquo;nat&uuml;rlich Notwendige.&rsquo;</div>
<div>Am Rande sei hier noch bemerkt, dass dieser 20%-ige &bdquo;genetische Sockel&ldquo; &bdquo;wohl&ldquo; der &bdquo;fr&uuml;hkindlichen Erfahrungen&ldquo; v&ouml;llig haltlose Behauptungen Roths sind, die den Menschen aber wiederum rein naturwissenschaftlich statistisch erfassen wollen, indem sie seine Handlungen oder Grunddispositionen in genetische und erfahrungsbezogene Teile zerlegen.</div>
<blockquote>
<div>&bdquo;Selbstverst&auml;ndlich braucht man nicht an einen freien Willen zu glauben, um von der Erziehbarkeit des Menschen auszugehen. (&#8230;) Bisher haben wir es uns bequem gemacht und uns mit dieser Frage nicht wirklich besch&auml;ftigt, weil es ja um moralische Schuld und nicht um Besserung ging. Der bisherige Strafvollzug hat die Frage einer wirksamen Therapie nicht ernst genommen, wie auch Experten sagen.&ldquo;</div>
</blockquote>
<div>Die Therapie setzt f&uuml;r diese Hirnforscher aber nicht erst im Nachhinein ein, sondern die Menschen k&ouml;nnen und m&uuml;ssen auch im Vorhinein gesellschaftskonform gemacht werden. Eben &uuml;ber P&auml;dagogik, Psychologie und den ganzen herk&ouml;mmlichen Gewaltapparat, der die &sbquo;Einsicht&rsquo; des Einzelnen in die nat&uuml;rliche Notwendigkeit eines konformen Verhaltens zu best&auml;rken hilft.</div>
<blockquote>
<div>&bdquo;Man muss tats&auml;chlich tolerant sein in dem Sinne, dass jeder Straft&auml;ter die Chance der Umerziehung erh&auml;lt. Der einzelne Mensch ist nicht im moralischen Sinne verantwortlich f&uuml;r sein Tun, aber die Gesellschaft ist sozial verantwortlich f&uuml;r das, was ihre Mitglieder tun.&ldquo;</div>
</blockquote>
<div>Hier trifft Roth wieder durchaus Richtiges: Tats&auml;chlich ist die moralische Schuld, die den T&auml;tern in der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft zumindest in der &Ouml;ffentlichkeit noch immer angelastet wird, ziemlicher Mumpitz. Nur ist das mit der b&uuml;rgerlichen Moral ja eh die falsche Erkl&auml;rung.<a href="#sdfootnote16sym" name="sdfootnote16anc">16</a> Die dient nicht dazu, die tats&auml;chlichen Verh&auml;ltnisse zu erkl&auml;ren, sondern sie verkl&auml;rt den ganzen b&uuml;rgerlichen Gewaltapparat, indem sie von Gerechtigkeit redet, wo der Staat bedingungslose Akzeptanz gegen&uuml;ber seinen Grunds&auml;tzen meint.</div>
<div>&nbsp;</div>
<h4>Revolution oder Evolution</h4>
<div>Die eigene Unfreiheit nicht nur zu sp&uuml;ren, sondern an sie zu glauben als etwas, das naturgegeben ist, bedeutet, jeden gesellschaftlichen Zustand der Unfreiheit zu akzeptieren. Wenn es keinen freien Willen g&auml;be, w&auml;ren gesellschaftliche Ver&auml;nderungen blindes Resultat der Evolution. Eine revolution&auml;re Ver&auml;nderung gesellschaftlicher Verh&auml;ltnisse als Resultat einer Kritik der herrschenden Zust&auml;nde w&auml;re undenkbar. Die These vom unfreien Willen setzt den Einzelnen gegen&uuml;ber der gesellschaftlichen Entwicklung in die Passivit&auml;t und enthebt ihn so nicht nur der Verantwortung f&uuml;r sein Handeln, sondern auch der M&ouml;glichkeit, sich f&uuml;r bessere Lebensbedingungen aller Menschen einzusetzen. Die Annahme, der Mensch sei unfrei, ist reaktion&auml;r indem sie die herrschenden Bedingungen als die nat&uuml;rlichen, einzig m&ouml;glichen und zudem richtigen verfestigt. Diese Vorstellungen sehen die gesellschaftliche Realit&auml;t des Kapitalismus als nat&uuml;rlich an. Die Durchschlagskraft solcher Vorstellungen liegt auch in ihrer scheinbaren Best&auml;tigung durch die realen Erfahrungen der lohnabh&auml;ngigen Staatsb&uuml;rger. Darum sind popul&auml;re Hirnforscher wie Gerhard Roth und Wolf Singer, die die Feuilletons von FAZ und ZEIT f&uuml;llen, kein blo&szlig;es Kuriosum, sondern politische Gegner, die man ernst nehmen sollte.</div>
<div>&nbsp;</div>
<div><em>Ein Papier der Assoziation gegen Kapital und Nation Hannover.</em></div>
<div>&nbsp;</div>
<div>Zur vertiefenden Lekt&uuml;re empfehlen wir das Buch</div>
<div><cite><a href="http://www.akademie-verlag.de/olb/de/1.c.1495227.de">Christine Zunke, Kritik der Hirnforschung. Neurophysiologie und Willensfreiheit. Akademie Verlag, Berlin 2008. </a></cite></div>
<div>&nbsp;</div>
<div id="sdfootnote1">
<div><a href="#sdfootnote1anc" name="sdfootnote1sym">1</a> Nat&uuml;rlich m&uuml;ssen die Spieler die Naturgesetze nicht kennen.</div>
</div>
<div id="sdfootnote2">
<div><a href="#sdfootnote2anc" name="sdfootnote2sym">2</a>Hier und im Folgenden aus: &bdquo;Sagen Sie mal: Sind wir wirklich Sklaven unseres Gehirns?&ldquo; Ein Gespr&auml;ch zwischen Gerhard Roth (Hirnforscher aus Bremen) und Andreas Seche (Reporter). In: P.M. 4/2004, S. 92ff.</div>
<div>Roth zitieren wir nicht deshalb, weil er besonders dumm ist und sich so leicht widerlegen l&auml;sst, sondern weil er besonders konsequent ist in seinem Denken und seinen Darstellungen. P.M. zitieren wir nicht deshalb, weil das der einzige Text w&auml;re, der allgemein verst&auml;ndlich ist, sondern weil er besonders knapp ist und dem Inhalt der entsprechenden wissenschaftlichen Texte entspricht.</div>
</div>
<div id="sdfootnote3">
<div><a href="#sdfootnote3anc" name="sdfootnote3sym">3</a> Mit dem Dualismus von Leib und Seele wurde aber zugleich der Wille der Untertanen in die Pflicht genommen. Die Menschen sollten sich einem rein geistigen, h&ouml;heren Wesen unterordnen, dessen Wollen auf wunderbare Weise mit dem seiner jeweiligen Vertreter auf Erden &uuml;bereinstimmte. Hinzukommt die herrschaftliche Unterdr&uuml;ckung aller Sinnesfreuden zumindest der untergeordneten Anh&auml;nger.</div>
</div>
<div id="sdfootnote4">
<div><a href="#sdfootnote4anc" name="sdfootnote4sym">4</a> Roth will den freien Willen wie folgt bestimmt sehen:</div>
<blockquote>
<div>&bdquo;Freier Wille ist das Gef&uuml;hl oder die Einbildung: Autor meiner Handlungen, Gedanken und W&uuml;nsche ist mein bewusstes Ich &#8211; und nicht das Unbewusste. Freier Wille bedeutet also, dass wir bei unseren Handlungen nicht vollst&auml;ndig determiniert, also festgelegt, sind. Dass wir, was die Zukunft angeht, einen Handlungsspielraum haben und dass wir in der Vergangenheit auch anders h&auml;tten handeln k&ouml;nnen, wenn wir gewollt h&auml;tten&ldquo;</div>
</blockquote>
</div>
<div id="sdfootnote5">
<div><a href="#sdfootnote5anc" name="sdfootnote5sym">5</a> Die geforderte Erweiterung dieses Wissens durch die Hirnforscher korreliert mit dem Wunsch der Hirnforscher nach mehr Forschungsgeldern f&uuml;r ihre Einrichtungen.</div>
</div>
<div id="sdfootnote6">
<div><a href="#sdfootnote6anc" name="sdfootnote6sym">6</a> Das ist eine normale Vorgehensweise der Menschen, bei ihren Versuchen sich die Zusammenh&auml;nge der Welt zu erkl&auml;ren. So kann ich auch im Alltag feststellen, immer wenn es regnet ist die Stra&szlig;e nass. Dieser Zusammenhang von Regen und nasser Stra&szlig;e ist eine Korrelation, die wir schon als Kinder feststellen. Das hei&szlig;t jedoch nicht im Umkehrschluss, dass es immer regnet, wenn die Stra&szlig;e nass ist. Und daraus folgt noch lange kein Gesetz oder die Erkenntnis des eigentlichen Zusammenhangs, auch wenn es sich immer wieder beobachten l&auml;sst. Dieser statistische Zusammenhang ist eben niemals mehr als eine Korrelation.</div>
</div>
<div id="sdfootnote7">
<div><a href="#sdfootnote7anc" name="sdfootnote7sym">7</a> Auch wenn dieses Denken und die Prozesse im Hirn zusammenh&auml;ngen, ja zusammengeh&ouml;ren, so sind sie doch nie inhaltlich identisch.</div>
</div>
<div id="sdfootnote8">
<div><a href="#sdfootnote8anc" name="sdfootnote8sym">8</a> Dann br&auml;uchte es keine Forschung oder sie w&auml;re nur eine falsche Vorstellung der eigentlichen Evolution. Wobei dann ja auch alle falschen Vorstellungen immer richtig w&auml;ren, da sie nat&uuml;rlich sind und nicht anders seien k&ouml;nnen. Somit ginge die M&ouml;glichkeit der Unterscheidung zwischen falscher und richtiger Erkenntnis verloren.</div>
</div>
<div id="sdfootnote9">
<div><a href="#sdfootnote9anc" name="sdfootnote9sym">9</a> Es gibt aber keinen empirischen Beweis der Freiheit und es kann ihn auch nicht geben, denn Freiheit ist ein Reflexionsbegriff. Freiheit ist ein ideeller Begriff und nicht eine materielle Bestimmung des Menschen. Freiheit ist darum ein Gegenstand, der der Naturwissenschaft prinzipiell unzug&auml;nglich ist und doch ist sie ihr notwendig vorausgesetzt.</div>
</div>
<div id="sdfootnote10">
<div><a href="#sdfootnote10anc" name="sdfootnote10sym">10</a> Herrschaft setzt Freiheit immer schon voraus. Der Wille des Beherrschten soll sich dem des Herrschenden unterordnen. Das deterministische Denken kennt aber entsprechend keine Herrschaftskritik mehr an, weil es keinen Unterschied im Willen gelten l&auml;sst. Herrscher wie Beherrschter sind nur Teil eines einzigen gleichg&uuml;ltigen Naturprozesses. So wird noch die &uuml;belste Unterwerfung von Menschen als nat&uuml;rlich notwendig und somit unkritisierbar verkl&auml;rt. Sich bewusst gegen Herrschaft zu stellen, verkommt f&uuml;r den Deterministen zur blo&szlig;en Illusion naiver politischer Auseinandersetzungen.</div>
</div>
<div id="sdfootnote11">
<div><a href="#sdfootnote11anc" name="sdfootnote11sym">11</a> Die Menschheit hat sich soweit vorgearbeitet, dass vieles was fr&uuml;her als nat&uuml;rliche Gegebenheit galt, heute als gestaltbar erkannt ist. Das Wissen &uuml;ber die Natur und die technische Anwendung dieses Wissens ist ungeheuer. Dadurch kann mensch mehr Zwecke realisieren und sich ggf. Arbeit sparen. Im Kapitalismus dagegen gelten pl&ouml;tzlich wiederum viele Sachen als &bdquo;nat&uuml;rlich&quot;, in dem Sinne, dass sie unhintergehbar sind, wie etwa Armut, Konkurrenz, Konjunktur Mehrarbeit und der Mensch als prinzipiell faules Schwein, dass man immer hintenrum anpeitschen m&uuml;sse. Dies aber ist ein Resultat einer Gesellschaft, in der erstmal jeder durch die staatliche Eigentumsgarantie und die Garantie der Freiheitsrechte auf sich gestellt wird und von der Entscheidung &uuml;ber den &ouml;konomischen Zusammenhang getrennt wird, von dem er abh&auml;ngt. Dann fragt sich jeder, was kann ich f&uuml;r mich dabei herausholen und in diesem selbstbewussten und selbstbestimmten Akt begegnen dann tats&auml;chlich jedem Notwendigkeiten, denen er gen&uuml;gen muss, auf die er aber gar keinen Einfluss hat. Relativ dazu scheint die &bdquo;Naturw&uuml;chsigkeit&quot; einiger Ph&auml;nomene plausibel. F&uuml;r die Lohnabh&auml;ngigen f&uuml;hrt das kapitalistische Prinzip dazu, dass sie von der Gestaltbarkeit von Zwecken relativ wenig sehen und die f&uuml;r ihren Lebensunterhalt notwendige Arbeit gar nicht deutlich weniger wird, weil diese nur dann stattfindet, wenn sie Profit abwirft. Dabei bleibt man immer vom Erfolg des Unternehmens abh&auml;ngig. Nur partiell ist man als Lohnabh&auml;ngiger Nutznie&szlig;er dieses Prozesses, indem man Waren nutzen kann, die zum gesellschaftlich durchschnittlichen Warenkorb geh&ouml;ren. Auch der Kapitalist h&auml;ngt von bestimmten gesellschaftlichen Prozessen ab, die auch er nicht bewusst mitbestimmen kann (z. B. Krise) , die er in seinem Tun aber mitbewirkt.</div>
</div>
<div id="sdfootnote12">
<div><a href="#sdfootnote12anc" name="sdfootnote12sym">12</a>Der Zwang zur Mehrwertproduktion trifft dann noch die scheinbar ganz freien Kapitaleigner.</div>
</div>
<div id="sdfootnote13">
<div><a href="#sdfootnote13anc" name="sdfootnote13sym">13</a>&sbquo;Naturw&uuml;chsig&rsquo; hei&szlig;t ein gesellschaftlich bestimmter Zusammenhang, der wie ein Naturzusammenhang wirkt. So als ob er Naturgesetzen folge und nicht von Menschen gemacht w&auml;re. Er scheint von ihren Handlungen unabh&auml;ngig zu sein. Die Gesetze der gesellschaftlichen Reproduktion werden zur &sbquo;zweiten Natur&rsquo;, wenn sie wie im Kapitalverh&auml;ltnis den Menschen zum blo&szlig;en Mittel machen. Das Kapitalverh&auml;ltnis selbst verschleiert sich als ewigen Naturgesetzen entsprechend, es ist &sbquo;naturw&uuml;chsig&rsquo;.</div>
<blockquote>
<div>&bdquo;Es kann nicht anders sein in einer Produktionsweise, worin der Arbeiter f&uuml;r die Verwertungsbed&uuml;rfnisse vorhandener Werte, statt umgekehrt der gegenst&auml;ndliche Reichtum f&uuml;r die Entwicklungsbed&uuml;rfnisse des Arbeiters da ist. Wie der Mensch in der Religion vom Machwerk seines eigenen Kopfes, so wird er in der kapitalistischen Produktionsweise vom Machwerk seiner eigenen Hand beherrscht.&ldquo;</div>
</blockquote>
<div><cite>Marx: Das Kapital, 1. Band, MEW 23, S. 649. <br />
		</cite></div>
<div>Zur &sbquo;Naturw&uuml;chsigkeit&rsquo; der kapitalistischen Produktionsweise vgl. auch</div>
<div><cite>Marx: Das Kapital, 3.Band, 48. Kapitel.</cite></div>
</div>
<div id="sdfootnote14">
<div><a href="#sdfootnote14anc" name="sdfootnote14sym">14</a> Was wir nicht so verstanden wissen wollen, dass alle eigentlich erkannt haben, dass die Produktionsweise ver&auml;ndert werden m&uuml;sste und nur gerade mal keine Lust dazu haben. Aber sie wissen schon, dass Ver&auml;nderungen auch eigenen Einsatz n&ouml;tig machen w&uuml;rden.</div>
</div>
<div id="sdfootnote15">
<div><a href="#sdfootnote15anc" name="sdfootnote15sym">15</a> Es geht Roth um die Einhaltung der Regeln der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft, damit sich diese wie andere &sbquo;Wesen&rsquo; im biologischen &Uuml;berlebenskampf erhalten kann.</div>
</div>
<div id="sdfootnote16">
<div><a href="#sdfootnote16anc" name="sdfootnote16sym">16</a> Eigentlich ist seine Kritik gar keine an der Moral und seine Kritik &bdquo;das wirkt doch gar nicht&ldquo; ist falsch, weil es beim Strafen gar nicht um Besserung oder so Zeug geht.</div>
</div>
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		<title>Unsere Website &#8212; nach vielen Jahren mal wieder renoviert</title>
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		<pubDate>Sun, 28 Mar 2010 14:07:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>me</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die letzte Renovierung unserer Website ist tats&#228;chlich acht Jahre her &#8212; einige Aufr&#228;umarbeiten und Erweiterungen waren daher &#252;berf&#228;llig:
&#160;

Die vielleicht wichtigste Neuigkeit: Die englischen Texte unserer Londonder GenossInnen sind hier ab sofort unter http://www.junge-linke.org/en zu finden.
Unter http://www.junge-linke.org/de/termine sind jetzt, stets aktuell, alle anstehenden Seminar- und Veranstaltungsank&#252;ndigungen zu finden. Ggf. kann man sich direkt unter dem Ank&#252;ndigungstext [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die letzte Renovierung unserer Website ist tats&auml;chlich <a href="http://www.junge-linke.org/de/vorsicht-frisch-gestrichen">acht Jahre</a> her &#8212; einige Aufr&auml;umarbeiten und Erweiterungen waren daher &uuml;berf&auml;llig:</p>
<p>&nbsp;</p>
<ul>
<li>Die vielleicht wichtigste Neuigkeit: Die englischen Texte unserer Londonder GenossInnen sind hier ab sofort unter <a href="http://www.junge-linke.org/en">http://www.junge-linke.org/en</a> zu finden.</li>
<li>Unter <a href="http://www.junge-linke.org/de/termine">http://www.junge-linke.org/de/termine</a> sind jetzt, stets aktuell, alle anstehenden Seminar- und Veranstaltungsank&uuml;ndigungen zu finden. Ggf. kann man sich direkt unter dem Ank&uuml;ndigungstext per Formular anmelden.</li>
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<p>Wir hoffen, da&szlig; es uns gelungen ist, die Website trotz all der neuen Inhalte und Funktionen &uuml;bersichtlich und angenehm lesbar zu halten.<br />
	Vielleicht funktioniert noch nicht alles wie erwartet &#8212; umso mehr freuen wir uns &uuml;ber euer Feedback!</p>
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		<title>Es gibt kein Recht auf Faulheit?</title>
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		<pubDate>Sun, 28 Mar 2010 14:06:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>me</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Kapital und Lohnarbeit]]></category>

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		<description><![CDATA[Anlässlich der neuen Debatte über den &#8220;anstrengungslosen Wohlstand&#8221; (Westerwelle) namens Hartz IV, wollen wir hier nochmal auf eine ähnliche Debatte im Jahr 2001 hinweisen. Eine Kritik der aktuellen Debatte kommt demnächst. Auf dem Tagesseminar zum Sozialstaat in Bremen (19.06.2010) und Berlin (10.07.2010) wird das u.a. Thema sein.
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Anlässlich der neuen Debatte über den &#8220;anstrengungslosen Wohlstand&#8221; (Westerwelle) namens Hartz IV, wollen wir hier nochmal auf <a href="http://www.junge-linke.org/de/es_gibt_kein_recht_auf_faulheit">eine ähnliche Debatte im Jahr 2001</a> hinweisen. Eine Kritik der aktuellen Debatte kommt demnächst. Auf dem Tagesseminar zum Sozialstaat in <a href="http://www.junge-linke.org/de/sozialstaat-ein-tagesseminar-in-bremen">Bremen (19.06.2010)</a> und <a href="http://www.junge-linke.org/de/sozialstaat-tagesseminar-in-berlin">Berlin (10.07.2010)</a> wird das u.a. Thema sein.</p>
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		<title>Gespensterjagd &#8212; Zur Ideengeschichte des Antikommunismus</title>
		<link>http://www.junge-linke.org/de/gespensterjagd-zur-ideengeschichte-des-antikommunismus</link>
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		<pubDate>Sun, 28 Mar 2010 14:05:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lotek</dc:creator>
				<category><![CDATA[German]]></category>
		<category><![CDATA[Faschismus]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg und Frieden]]></category>
		<category><![CDATA[Realsozialismus]]></category>

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		<description><![CDATA[„Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kommunismus. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen diese Gespenst verbündet“, schrieben Marx und Engels im Kommunistischen Manifest — und das ist im Gegensatz zu anderen Behauptungen in dieser Schrift eine ziemlich wahre Aussage. Hass auf und Furcht vor radikaler Veränderung der bürgerlichen Gesellschaft sind so alt, wie ihre revolutionäre Durchsetzung selbst.
Spätestens mit der Französischen Revolution, die nicht in religiöser Verkleidung agierte, wie die niederländische und englische Revolution, und die in ihrer theoretischen Begründung wesentlich radikaler war, als etwa die amerikanische, entstand die Furcht vor dem „roten Terror“ (übrigens bevor „La Grande Terreur“ 1793 wirklich losging). Im Folgenden geht es um eine Rekonstruktion von Bildern und Vorstellungen und um eine Darstellung der Veränderung des Antikommunismus.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Ein Gespenst geht um in Europa &#8211; das Gespenst des Kommunismus. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen diese Gespenst verbündet“, schrieben Marx und Engels im Kommunistischen Manifest — und das ist im Gegensatz zu anderen Behauptungen in dieser Schrift eine ziemlich wahre Aussage. Hass auf und Furcht vor radikaler Veränderung der bürgerlichen Gesellschaft sind so alt, wie ihre revolutionäre Durchsetzung selbst.<br />
<span id="more-1508"></span><br />
Spätestens mit der Französischen Revolution, die nicht in religiöser Verkleidung agierte, wie die niederländische und englische Revolution, und die in ihrer theoretischen Begründung wesentlich radikaler war, als etwa die amerikanische, entstand die Furcht vor dem „roten Terror“ (übrigens bevor „La Grande Terreur“ 1793 wirklich losging). Im Folgenden geht es um eine Rekonstruktion von Bildern und Vorstellungen und um eine Darstellung der Veränderung des Antikommunismus.</p>
<p>Antikommunismus heißt hier erstmal die Ablehnung und Feindschaft gegenüber der grundlegenden Veränderung der modernen Welt &#8211; sei es durch Aufhebung von Herrschaft oder durch Veränderung der Herrschaftszwecke.<br />
Dass diese Ablehnung keine wissenschaftliche Kritik ist sondern Ressentiment, das sich permanent Widersprüche und Doppelstandards leistet, wollen wir im Folgenden zeigen.<br />
Dass AntikommunistInnen gegenüber linken Bewegungen oder Theorien feindlich eingestellt waren, heißt aber nicht unbedingt, dass diese Bewegungen tatsächlich auf Kommunismus abzielten oder hinausgelaufen wären. Bewegungen mit solch grundlegenden Forderungen hat es nur wenige gegeben – denn jene Bewegungen, denen eine solche Absicht unterstellt wurde, teilten viele Ressentiments ihrer Gegner: Die Kritik an sagen wir der UdSSR oder der deutschen Sozialdemokratie, sie seien antinational, kosmopolitisch, wollten Familie und Moral zugunsten der freien Liebe zerstören und eine Gesellschaft mit möglichst wenig Arbeit einführen, wurden von den Protagonisten der ArbeiterInnenbewegung mit Empörung zurückgewiesen.<br />
Der Antikommunismus verrät uns also viel über die AntikommunistInnen, aber wenig über die wirklichen sozialistischen, sozialdemokratischen, linkssozialistischen, kommunistischen, anarchistischen usw. Bewegungen, Parteien und Organisationen, gegen die er sich richtete. Antikommunismus ist fester Bestandteil des nationalen Bewusstseins und Immunisierungsstrategie gegen die Kritik an der bestehenden Gesellschaft. Er wird hin und wieder zum beherrschenden Thema in der nationalen Öffentlichkeit (1) und ist als Abwehr radikaler Kritik immer unterstellt. „Der Mensch ist nicht so“ mag der immer gleiche Leitsatz sein, mit dem jedwede Kritik zurückgewiesen wird. Das Folgende soll eine Skizze des geschichtlichen Wandels dieses Gedankens sein.</p>
<p><strong>Wandel der Kommunismus-Bilder</strong><br />
Die qualitativen Sprünge dieses Bildes ergeben sich zumeist aus Veränderungen der politischen Situation. Dennoch sind diese Sprünge Teil einer Entwicklung, und die verschiedenen, hier beschriebenen Etappen bauen aufeinander auf und überlagern einander. Dem Antikommunismus kommt es nicht auf Kohärenz an; ein Denken, dass sich auf die Verteidigung des Bestehenden versteift hat, ist wahllos bei den Argumenten, weil es sich durch die Existenz der Gesellschaft, die es verteidigt, auf jeden Fall ins Recht gesetzt sieht. Die Antikommunismen früherer Etappen existieren munter neben den neueren her, Argumentationsweisen werden übernommen und neu eingepasst für die nunmehr geltenden Verteidigungsformen des Bestehenden.<br />
In der ersten Phase des Antikommunismus wird im Zuge der bürgerlichen Revolutionen von 1789, 1830 und 1848 „Communismus“ zu einem relativ unbestimmten Synonym für Umsturz, Rebellion, Zerstörung der gottgewollten Ordnung. Die Jakobinermütze und die brennende Kirche werden zu Symbolen für die Umwertung aller Werte, die Zerstörung jener Tradition, die allein dem Menschen den Halt gäbe. &#8220;Communismus&#8221;, soweit das Wort schon im Gebrauch ist, wird als verrückte Wahnidee des Verteilens aller Güter und der Ermordung der Reichen gehandelt; im Kommunismus ist der Mensch, der sich gegen Gott erhebt, am Werk. Zugleich wird über ‘Socialismus’ als Heilmittel gegen die sozialen Übel jenes Gemischs aus kapitalistischer Entwicklung und vorbürgerlicher Herrschaft, das damals in Europa vorherrschte, in bürgerlichen und anderen Kreisen diskutiert. Antikommunismus ist in dieser Epoche eine Denunziation demokratischer Bewegungen, hier tritt er also in Erscheinung als Verteidigungsideologie des Adels.<br />
Mit der Pariser Commune und dem Erstarken der sozialistischen ArbeiterInnenbewegung wird der Kommunismus als Bewegung der primitiven, unaufgeklärten Massen, die von böswilligen Agitatoren aufgehetzt sind (s. erster Punkt), dargestellt. Da Kultur und Zivilisation auf Privateigentum beruhen würden, würden die „gefährlichen Klassen“ diese zerstören, wenn sie mit ihren verrückten Vorstellungen sich durchsetzen würden. Die unteren Klassen seien die Verlierer jenes ‘Lebenskampfes’, der allein jene Anstrengungen erzwingen würde, auf denen alle großen Kulturleistungen und alle Zivilisation beruhen würde. Die ‘gesichtslose Masse’ sei niemals in der Lage, die Gesellschaft zu führen, sie müsse notfalls mit Gewalt niedergehalten werden; ihre Minderwertigkeit zeige sich an ihrer gesellschaftlichen Stellung. Dabei verfuhren die Ideologen tautologisch: Die Leute seien „minderwertig“, weil sie „unten“ seien – und „unten“ seien sie, weil sie „minderwertig“ seien. Diese rassistische Herleitung des Wesens eines Menschen oder einer Menschengruppe fungiert als Verteidigungsideologie des Bürgertums.<br />
Mit dem Übergang in die kolonial-imperialistische Ära wird die Idee vom Kommunismus als internationale Bewegung, die die eigene Nation schwäche und zerstöre betont. Zugleich wird der Sozialismus als Teil der Degenerationserscheinungen der westlichen Welt, als krankhaftes Symptom der modernen städtischen Entwicklung verstanden. Zum Einen der Sozialismus als pazifistische Bewegung, der dem eigenen Volk die Waffe aus der Hand schlage, in einer Welt von Feinden, eben weil er die Wahrheit des ewigen Kampfes um Lebensraum und Macht nicht anerkenne. Zum Anderen die Befürchtung, Sozialismus als Aufhebung der Konkurrenz bewirke den Zerfall der Zivilisation, die Förderung der ‘Minderwertigen’ gegenüber den ‘Gesunden’. Zum Dritten, die Vorstellung, die sozialistische ArbeiterInnenbewegung predige den Klassenhass und entzweie damit das Volk und mache es handlungsunfähig. Nicht nur in Deutschland verbindet sich dieser Antikommunismus mit dem Antisemitismus: Feindliche Mächte, die im Geheimen wirken, wollen dem Vaterland ans Leder, hier wirkt der Antikommunismus als nationale Integrationsideologie.<br />
Mit der Oktoberrevolution und der Errichtung der UdSSR wird Kommunismus zum Bild für brutalen Terror, der asiatischen Bedrohung (ob es nun die Hunnen, Mongolen oder die gelbe Gefahr ist) Europas durch Bestialität, Umwertung aller Werte. Der Kommunismus wird zu einer mörderischen bedrohlichen Macht, die im Dienste des Bösen, des Weltjudentums steht oder schlicht selbst das Böseste ist. Von Moskau gelenkt, grabe und wühle der Weltkommunismus überall und versuche durch die Weltrevolution eine Welt des Terrors herbeizuführen. Der faschistische Antikommunismus ist nicht bloß ein Instrument „der Herrschenden“ um eine sozialistische Revolution zu verhindern, wiewohl das für manchen Kapitalisten oder Großgrundbesitzer Grund für die finanzielle Unterstützung gewesen sein mag, er ist Teil einer Ideologie eines Weltkreuzzugs, die einen Weltkrieg für die eigene Macht legitimiert, d.h. hier funktioniert er als Rechtfertigung des Imperialismus. (Für die deutschen Nazis hingegen war der Kampf gegen den ‘Bolschewismus’ nur ein Teil ihres Kampfes gegen das ‘Weltjudentum’.)<br />
Nach dem Zweiten Weltkrieg wird der Kommunismus zum Synonym für sowjetisches Weltmachtstreben — im Regelfall ohne jüdische Weltverschwörung. Als Teil der „totalitären Bedrohung“ der westlichen Demokratie wird der Kommunismus dem Faschismus gleichgesetzt, wobei er natürlich zugleich der gefährlichere, weil noch existierende und weltweit agierende sei. Ehemalige Faschisten und die C-Parteien haben dabei noch in 50er Jahren durchaus die Betonung auf die Bedrohung des Abendlandes gelegt. Hier fungiert Antikommunismus als Integrationsideologie für Faschisten und als Rechtfertigung des Kalten Kriegs.</p>
<p>Mit der Entspannungspolitik und der 68er-Bewegung wird der Kommunismus zu einem „gescheiterten Projekt“, in das sich nur „totalitäre Träumer“ verlieben können. Die Renaissance des Marxismus(-Leninismus) wird als Ausdruck des jugendlichen Idealismus zugelassen, zugleich aber als irrationale Protesthaltung den Jugendsekten und Drogen gleichgesetzt, wo auch wohlmeinende Naivlinge für finstere Zwecke eingespannt werden. Gleichzeitig werden aber die Sozialliberalen, die diesen neuen, etwas gelasseneren Antikommunismus predigen, des schleichenden Übergangs zum Sozialismus bezichtigt; Demokratisierung, Emanzipation und sexuelle Revolution werden als Taktik der KommunistInnen bei der Zerstörung der westlichen Welt denunziert. Anfang der 70er Jahre fuhr der bürgerliche Staat einen ambivalenten Kurs: Einerseits wurden Projekte, die durchaus ein gesellschaftskritisches Selbstverständnis aufwiesen, gefördert – andererseits hagelte es Berufsverbote für linksradikale StaatsdienerInnen, und das nicht nur für LehrerInnen. Schluss mit der Toleranz ist spätestens seit Mitte der 70er Jahre, als der angelinkste Reformidealismus nicht mehr gefragt war, und als 1977 die letzte „Offensive“ (2) der RAF scheitert.<br />
1986-89 verkleidete sich der Antikommunismus in die besorgte Betrachtung, ob die Reformen Gorbatschows gelingen, greifen etc. Das Echo auf die Selbstkritik (Perestroika) des Führers des Warschauer Pakts war durchweg positiv, und nicht zu verwechseln mit dem blöden Reformidealismus von Linken, die hofften, mit einer verwandelten Sowjetunion nunmehr auch im Westen voran zum Sozialismus schreiten zu können.<br />
Nach 1989 gibt es kaum mehr KommunistInnen, denn viele von denen, die sich zuvor noch so nannten, nahmen die praktische Selbstaufgabe des Realsozialismus sowjetischer Prägung zum Anlass, ihre theoretische Kritik am Kapitalismus gleich mit zu beerdigen. Dass Antikommunismus trotz dieses Siegeszugs der Marktwirtschaft auch heute noch Konjunktur hat, äußert sich einerseits in den politischen Kampagnen der Rechten und der politischen Selbsthygiene der Linken, welche stets darum bemüht sind, etwaige kommunistische Töne in den eigenen Reihen möglichst schon im Keim zu ersticken. Andererseits zeigt sich die Aktualität des Antikommunismus in dem Engagement der Federführenden der politischen Medienöffentlichkeit, welche sich in aller Regelmäßigkeit aufs Neue gefordert sehen, den ideologischen Kampf gegen Kommunismus zu führen – gegen einen Kommunismus, der ihnen wohl niemals tot genug sein wird.</p>
<p><strong>Ambivalenz des Arbeiters</strong><br />
Aus heutiger Sicht mag die Lektüre früherer antikommunistischer Werke erstaunlich sein: Die Gleichsetzung von ArbeiterInnen und Kommunismus war in früherer Zeit keineswegs bloß eine versponnene Theorie von Linken, die sich über die Wirklichkeit hinwegtäuschen wollten, sondern auch von den Gegnern akzeptierte Wirklichkeit. Auch wenn sie so absolut nie hingehauen hat — aus einer Lage erwächst nun mal kein Bewusstsein, sondern immer nur aus der Interpretation einer Lage — ist doch zu beobachten, dass die Verteidiger der bürgerlichen Gesellschaft in den unteren Klassen Feinde erblickten. Geschult an dieser Erfahrung, schien KommunistInnen und SozialistInnen das Lob des deutschen Arbeiters durch die Nazis nur als ein Fall sozialer Demagogie, das heißt, als einer neuen, besonders hinterlistige Taktik ihres alten Gegners, des Kapitals.<br />
Die Linke legte sich die Gleichsetzung von „Volk“ und „Links“ schon deswegen zurecht, weil sie sich für die Rechte des Volkes stark machte. Ihre Idee war: Wir sind für das Volk, also muss das Volk für die Linke sein. Diese Gleichsetzung wurde mit dem aufkommen konterrevolutionärer Massenbewegungen brüchig, in der Menschen gegen die eigene Emanzipation auf die Straße gingen. Ohne einen Geschichtsoptimismus á la „Der Sozialismus wird siegen“ ist die eigenartige Blindheit der Linken, die NationalistInnen, RassistInnen und AntisemitInnen nicht als solche erkennen, nicht zu verstehen. Wer, wie viele Leute in den 20ern und 30ern, den Faschismus nur als einen temporären Aufstand der Zurückgebliebenen gegen die Zukunft begreift, nimmt den Faschismus nicht erst und kann ihn daher auch nicht richtig bekämpfen.<br />
Die Neubewertung des Volkes durch die politische Rechte hätte bei den Linken alle Alarmglocken schrillen lassen müssen. Mit dem Bild des sozialistischen Agitators und noch mehr des jüdischen Hintermannes, der die eigentlich guten ArbeiterInnen aufhetzt, beginnt die Aufspaltung des Bildes des Arbeiters in das des guten produktiven Arbeiters und das des bösen streikenden Proleten.<br />
Diese ambivalente Sicht auf die Arbeiterklasse hat durchaus ihren tieferen Sinn: ArbeiterInnen sind im Produktionsprozess Notwendigkeit und Problem zugleich. Sie sind jene Klasse, die den Reichtum schafft, der auch ihre Armut produziert, und das lieben die Faschisten an ihnen: Das selbstlose Opfer, den Dienst am Volke in der Produktionsschlacht, der genügsame Stolz auf die Produkte der eigenen Anstrengungen, ohne dass mensch selbst etwas von ihnen hätte. Eben jene „geheime“ Qualität der Ware Arbeitskraft, mehr Wert zu schaffen; die notwendige Bereitschaft der Arbeitskraftbesitzer sich zum Mittel zu machen, ohne allzu viel davon zu haben; und schließlich jene psychischen Leistungen, die dem eigenen unerfreulichen Leben seinen höheren Sinn geben: Der Stolz, arm, aber ehrlich zu sein, der Hass auf den Luxus, die quasi-militärische Disziplin der damaligen Fabrikarbeit. Die andere Seite des Arbeiters aber ist die aus seiner Rolle erwachsende Macht — „Mann der Arbeit aufgewacht, und erkenne Deine Macht. Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“, dichtete damals die ArbeiterInnenbewegung. Dazu kam die damals durchaus verbreitete Verachtung für die feindliche bürgerliche Welt, ihre Moral und ihre Kultur; der Hass auf jene Verhältnisse, die alles wirklich Interessante einem/r vorenthalten. Die ArbeiterInnen sind im Kapitalismus an ein entgegengesetztes Interesse gefesselt, und die Aufspaltung des ArbeiterInnenbildes reflektiert genau dies: Die Angewiesenheit auf die Verhältnisse als das affirmative Bild des blonden, muskelstrotzenden Arbeiters der Faust, den Gegensatz zum kapitalistischen Interesse als die hassverzerrte Karikatur des verkommenen, roten Proleten.<br />
Der Antikommunismus ist die Ehrenrettung der deutschen ArbeiterInnen, der es erlaubt, dieser Klasse ihre sozialistische Bewegungsform zu verzeihen. Fast genauso formuliert es Hitler auch, wenn er den Grund für den Erfolg der sozialistischen ArbeiterInnenbewegung in der Ausnutzung des Elends der ArbeiterInnen durch jüdische AgitatorInnen sieht. Dies macht die Schlagkraft des Nationalsozialismus und Faschismus im Gegensatz zu den damaligen Konservativen, Jungkonservativen und Volkskonservativen aus: Die FaschistInnen halten das Volk nicht per se für minderwertig, ihrem Konzept eines Herrenvolks von Untertänigen liegt ein ganz ernst gemeintes Lob des Volkes zugrunde. Die Feindschaft gegenüber dem Volk ist dem Misstrauen in seine Fähigkeit, die roten VerführerInnen zu durchschauen, gewichen. Die bürgerliche Gesellschaft kann auf Dauer nicht darauf beruhen, dass die eine Klasse die andere unterdrückt. Sie braucht die nationale Integration aller, weil bürgerliche Verhältnisse auf der Herrschaft des Volkes über das Volk beruhen, auf der Unterwerfung der Menschen unter die von ihnen selbst geschaffenen Verhältnisse. Eine demokratische Gesellschaft und ihre erfolgreiche Verknüpfung von Kapital und Arbeit ist politisch stabiler und ökonomisch effektiver als die offene Klassenherrschaft des 19. Jahrhunderts. Sie erteilt allen gleichermaßen die Freiheit zur die Teilnahme an der Konkurrenz und unterwirft sie so deren Ergebnissen.<br />
Dieser historische Schritt, die Modernisierung der Antikommunismus, ist der eigentlich qualitative Sprung: Die Entdeckung des Volks durch die politische Rechte und seine Einbindung in das nationale Projekt.</p>
<p><strong>Zerstörung der Welt</strong><br />
Die sozialdarwinistische Vorstellung des Konkurrenzkampfes von Individuen, Völkern, Rassen als naturnotwendige Selektion, als Voraussetzung für Entwicklung wichtiger Tugenden, als Verhinderung von Entartung und Degeneration, war eine pseudowissenschaftliche Gegenhaltung zum evolutionären Sozialismusbegriff der ArbeiterInnenbewegung. Populär sind solche Vorstellungen z.B. durch Ideen wie „Dann arbeitet doch keiner mehr, wenn allen alles gehört“, „dann strengt sich doch keiner mehr an“, „wenn alle nur nach Genuss streben, wird doch alles verjuxt“. Diese Vorstellungen projizieren die gesellschaftliche Realität des Kapitalismus in das „Wesen des Menschen“. Die Durchschlagskraft solcher Vorstellungen sollte mensch nicht unterschätzen, schon weil sie auf reale Erfahrungen zurückgreift, die sie zu bestätigen scheinen. Tatsächlich bemühen sich SchülerInnen möglichst wenig zu arbeiten, mit öffentlichem Eigentum wird rabiat umgegangen, Menschen verhalten sich unvernünftig. Oft mag es sogar so erscheinen, als ob allein die Rationalität des Marktes und die harte Drohung von Armut und Untergang allein den eigentlich ziemlich unvernünftigen Menschen zur Vernunft zwingt. Freilich ist es eine eigentümliche Verarbeitung gesellschaftlicher Realität die da geschieht, weil weder der demolierten Telefonzelle, dem Krankmachen auf der Arbeit oder dem durchgeknallten Liebhaber das Wesen des Menschen anzusehen ist, sondern nur der Umgang bürgerlicher Konkurrenzsubjekte mit eben jener Welt, in der sie leben. Gegen die schlichte Frage, warum Menschen nicht in der Lage sein sollten, ihre Gesellschaft vernünftig einzurichten, ihre Bedürfnisse nach einem gemeinsamen Plan zu befriedigen, und mit den unterschiedlichen, vielleicht hin und wieder sogar tatsächlich entgegengesetzten Interessen umzugehen, wird eben nur der bürgerliche Blödsinn von der Natur des Menschen präsentiert (siehe Zitate weiter unten).<br />
Zusätzlich kommt noch das Argument, dass es die ewige Knappheit an Gütern sei, die das Gegeneinander der Menschen erzwingt &#8211; bzw. avancierter: weil der endlichen Menge an Gütern die angeblich unendlichen Bedürfnisse des Menschen gegenüber stünden. Außerdem folgt noch die Warnung, dass im Überfluss alles versinkt. Über diesen Glaubenssatz darf mensch nicht lange nachdenken, um ihn zu glauben. Also: Der Mensch ist nicht so, die Welt sowieso nicht, und das ist auch ganz gut so, weil sonst die Welt unterginge. Auch wenn die folgende kleine Zitatenauswahl etwas altbacken wirkt &#8211; sie ist es nicht :</p>
<p><strong>monarchistisch-konservativ</strong><br />
„der ewige Friede ist ein Traum, und nicht einmal ein schöner, und der Krieg ist ein Glied in Gottes Weltordnung. In ihm entfalten sich die edelsten Tugenden des Menschen, Mut und Entsagung, Pflichttreue und Opferwilligkeit mit Einsetzung des Lebens. Ohne Krieg würde die Welt in Materialismus versumpfen“<br />
(Helmuth Graf von Moltke: Brief an Bluntschli. In: Pross, Harry (Hrsg): Die Zerstörung der deutschen Politik. Dokumente 1871-1933. FaM: Fischer 1959, S.29)</p>
<p><strong>liberal</strong><br />
„Es gibt keinen Frieden auch im wirtschaftlichen Kampf um das Dasein: Nur wer jenen Schein des Friedens für die Wahrheit nimmt, kann glauben, daß aus dem Schoße der Zukunft für unsere Nachfahren Frieden und Lebensgenuß erstehen werde. Wir wissen es ja: die Volkswirtschaftspolitik ist der vulgären Auffassung ein Sinnen über Rezepte für die Beglückung der Welt — die Besserung der ‘Lustbilanz’ des Menschendaseins ist für sie das einzig verständliche Ziel unserer Arbeit. Allein: Schon der dunkle Ernst des Bevölkerungsproblems hindert uns, Eudämonisten zu sein, Frieden und Menschenglück im Schoße der Zukunft verborgen zu wähnen , und zu glauben, daß anders als im harten Kampf des Menschen mit dem Menschen der Ellenbogenraum im irdischen Dasein werde gewonnen werden. &#8230; für den Traum von Frieden und Menschenglück steht über der Pforte der unbekannten Zukunft der Menschengeschichte: Lasciate ogni speranza . &#8230; Nicht das Wohlbefinden der Menschen, sondern diejenigen Eigenschaften möchten wir in ihnen [den Nachfahren] emporzüchten, mit welchen wir die Empfindung verbinden, daß sie menschliche Größe und den Adel unserer Natur ausmachen&#8230;. Nicht Frieden und Menschenglück haben wir unseren Nachfahren mit auf den Weg zu geben, sondern den ewigen Kampf um die Erhaltung und Emporzüchtung unserer nationalen Art“<br />
(Weber, Max: Nationalstaat und Volkswirtschaftspolitik. Akademische Antrittsrede (1895.) In: Gesammelte politische Schriften. Tübingen: J.C.B. Mohr 1958)</p>
<p><strong>faschistisch</strong><br />
„Daß aber diese Welt dereinst noch den schwersten Kämpfen um das Dasein der Menschheit ausgesetzt sein wird, kann niemand bezweifeln. Am Ende siegt ewig nur die Sucht der Selbsterhaltung. Unter ihr schmilzt die sogenannte Humanität als Ausdruck einer Mischung von Dummheit, Feigheit und eingebildetem Besserwissen, wie Schnee in der Märzensonne. Im ewigen Kampfe ist die Menschheit groß geworden — im ewigen Frieden geht sie zugrunde.“<br />
(Adolf Hitler: Mein Kampf. Bd. I. München: Franz Eher Nachf. 1933, S.148/149)</p>
<p><strong>sozialistisch</strong><br />
„&#8230; Eigenschaften wie Loyalität, Großmut etc., wären in einer Welt, in der nichts schief ginge, nicht nur bedeutungslos, sondern wahrscheinlich unvorstellbar. In Wahrheit können viele Eigenschaften, die wir an Menschen bewundern, nur im Widerstreit mir irgendeiner Art von Unglück, Schmerz oder Schwierigkeiten überhaupt wirklich sein; die Tendenz technischen Fortschritts besteht darin, Unglück, Schmerz und Schwierigkeiten auszuschalten. &#8230; Indem man sich an das Ideal der technischen Effizienz bindet, bindet man sich an das Ideal der Weichlichkeit. Aber Weichlichkeit ist abstoßend, und so wird der ganze Fortschritt als ein wahnsinniger Kampf auf ein Ziel hin gesehen, das, wie man hofft und betet, nie erreicht werden wird.“<br />
(George Orwell: Der Weg nach Wigan Pier. Zürich: Diogenes 1982, S.188-190)</p>
<p>Was die hier angeführten Standpunkte unterstellen ist die biologistische Ideologie einer „wölfischen“ Menschennatur und damit der Schluss auf kooperative Gesellschaftsformen als gemeingefährliche Vorschläge zu einer Degenerierung der Menschenwelt. Durch die Aufhebung der Konkurrenz und des Kampfes werde die Welt unnatürlich, schwächlich und degeneriert. Auf diesen kleinsten gemeinsamen Nenner hätten sich Moltke, Weber, Hitler und Orwell wohl einigen können. Dies ist der sachliche Zusammenhang zwischen Biologismus auf der einen, und dem Antikommunismus auf der anderen Seite. Des Weiteren ist diese damals von vielen ZeitgenossInnen geteilte Befürchtung der erste Schritt zu der antisemitisch-paranoiden Verlängerung, Bemühungen hin zu einer kommunistischen Gesellschaft als eine besonders Strategie zur Weltmachtergreifung des Judentums zu sehen. Die staatliche Propaganda vom &#8220;jüdischen Verführers&#8221;, der aus untertänigen, arbeitenden Massen revoltierende Massen mache, war eine besondere Erfindung des Faschismus.</p>
<p>Wer sich nun zurück lehnt und diese verstaubt wirkende Ideologie müde belächelt, mag sich an Folgendes erinnern: Die „Kritik“, in einer „Konsum-“, „Wohlstands-“ oder „Raffgesellschaft“ zu leben, dass &#8216;wir&#8217; alle Opfer zu bringen haben und „die fetten Jahre vorbei sind“, hat nicht erst Helmut Kohl in die nationale Politik eingebracht. Jene Vorstellung, im Kommunismus verfräße der natürlich kurzsichtige, egoistische Mensch schnell den Reichtum ist als angstvolle Warnung im Kapitalismus dauernd präsent. Es ginge ‘uns’ zu gut, ‘wir’ hätten über ‘unsere’ Verhältnisse gelebt, könnten ‘uns’ dies oder jenes nicht mehr ‘leisten’ — die Welt sei nun mal kein Ponyhof. Mangel und Entbehrung seien gut für den Menschen. Das nicht nur weil der Mensch nun mal dem Menschen ein Wolf sei — und darum etwa Futterneid der Natur des Menschen entspräche — von allzu praktischen Konsequenzen hielte ihn allein derjenige Wolf im lustigerweise dann doch irgendwie wirksamen, demokratisch-parlamentarischen Schafspelz ab. Oder: „Wenn’s dem Esel zu gut geht, dann wagt er sich aufs Eis.“ „Überfluss erzeugt Maßlosigkeit, Trägheit, Verfall, und alle großen Genies hatten Hunger.“</p>
<p>In all diesen Vorstellungen lügen sich die Menschen das erfahrene Leid als unveränderlich zurecht. Sie verklären es, indem sie es auf eine Natur des Menschen überhaupt zurückführen – statt es durch die kapitalistische Einteilung der Welt zu erklären. Wird das Leid als &#8220;natürlich&#8221; verstanden, hat mensch nebenbei auch prima vor sich gerechtfertigt, warum es ja doch nichts bringt, für eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung einzutreten. Antikommunismus erweist sich so als nützlicher Bestandteil des bürgerlichen Alltagsbewusstseins.</p>
<p><strong>Gruppe „Kritik im Handgemenge“ Bremen</strong></p>
<p>Fußnoten<br />
1 In Deutschland: etwa die &#8220;Hottentottenwahl&#8221; 1907, die Niederschlagung des Januaraufstandes 1917, der Machteintritt der NSDAP 1933 &#8211; in den USA: bspw. „Red Scare“ 1917, McCarthy -Ära 1947.</p>
<p>2 Das recht defensive Ziel war das Freipressen der Gefangenen.</p>
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		<title>Neulich beim Frühstück mal wieder was gelernt: Wie Arbeit und Leistung bestimmt nicht zusammenhängen</title>
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		<pubDate>Sun, 28 Mar 2010 13:59:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>me</dc:creator>
				<category><![CDATA[German]]></category>
		<category><![CDATA[Kapital und Lohnarbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Schule und Bildung]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Wissensseite der Süddeutschen Zeitung ist berühmt-berüchtigt für die absurdesten Meldungen aus der Welt der Wissenschaft. Neben dem Hypen biologistischer Erklärungen für menschliches Handeln, finden sich auch immer wieder „Ergebnisse“ aus Versuchsanordnungen der Psychologen, die einen in Erstaunen versetzen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Wissensseite der Süddeutschen Zeitung ist berühmt-berüchtigt für die absurdesten Meldungen aus der Welt der Wissenschaft. Neben dem Hypen biologistischer Erklärungen für menschliches Handeln, finden sich auch immer wieder „Ergebnisse“ aus Versuchsanordnungen der Psychologen, die einen in Erstaunen versetzen.<br />
<span id="more-1509"></span><br />
Die neueste Erkenntnis lautet „Geld macht faul“ (SZ vom 01.09.2009). Nun weiß ja der Volksmund so gut wie niemand sonst, dass Geld das eigentliche Schmiermittel der Marktwirtschaft ist. Ohne Geld oder finanzielle Anreize würde doch niemand arbeiten! Wohin mangelnde materielle Entlohnung führen würde, habe man in der DDR und der Sowjetunion ja schon gesehen.</p>
<p>Nun haben aber pikanterweise Harvard-Psychologen herausgefunden, dass Gehaltserhöhungen Motivation und Leistung senken können.</p>
<p>Die Versuchsanordnung, die die SZ zitierte, war die folgende: Vor 20 Monate alten Babys lassen die Versuchsleiter wie zufällig Bleistifte fallen und warten, wie die Babys darauf reagieren. Heben sie die Stifte auf oder lassen sie sie liegen? Die Psychologen teilten die Babys in zwei Gruppen auf. Die erste bekam fürs Aufheben einen Bauklotz geschenkt, die zweite Gruppe bekam nichts. Und nun die Überraschung: Die Hilfsbereitschaft der Kinder in der Bauklotzgruppe sank und zwar, so der Versuchsleiter, weil die Belohnung den natürlichen Altruismus der Kinder zerstören würde.<br />
Nun stellen sich zunächst drei Fragen. Was haben Gehaltserhöhungen mit Hilfsbereitschaft zu tun, was Bleistift aufheben mit Altruismus und 20 Monate alte Babys mit Menschen, die soeben eine Gehaltserhöhung bekommen haben? Nun, nichts. Das aber ficht weder die SZ noch die Psychologen an, die es gleichermaßen beherrschen, noch die unterschiedlichsten Phänomene in einen Topf zu werfen. Also machen sie erstmal munter weiter mit noch anderen faszinierenden Forschungen und ihren Ergebnissen: Kinder, die Süßigkeiten fürs Puzzlen bekamen, verloren schneller die Lust am Puzzlen als jene, die leer ausgingen und ein Psychologe aus Stanford hat sogar noch herausgefunden, „dass sich die Fähigkeit von Kindern, Denksportaufgaben zu lösen, auf eine ganz einfache Weise zerstören lässt: indem man ihnen eine Belohnung verspricht.“ (SZ) Die einfache Erklärung, dass man Kinder mit Süßigkeiten oder anderen Spielzeugen von der ursprünglichen Aufgabe schlicht ablenkt, ist offensichtlich für die Psychologen keine. Auch die Verwechslung von Hilfsbereitschaft und Leistungsbereitschaft bereitet der Wissenschaft kein Kopfzerbrechen, sondern die Resultate, die sie glauben daran ablesen zu können, machen ihnen Sorge: Aus dem Verhalten der Kinder folgern sie messerscharf, dass Geld, Urlaub oder Sonderzahlungen die Leistungsbereitschaft nicht steigern. „Wer für seine Arbeit bezahlt wird, der folgert unwillkürlich, dass er nicht um der Sache selbst willen arbeitet, sondern nur fürs Geld – und das sei eine fatale Umdeutung. Ein profaner äußerer Anreiz schiebe sich dann über das ursprüngliche hehre innere Handlungsmotiv. Plötzlich beginnt der Mensch, den Wert seiner Arbeit zu messen und mit anderen zu vergleichen.“ (SZ)</p>
<p>Ja, wo kommen wir denn dahin? Leute arbeiten gar nicht mehr als Bäckereifachverkäuferinnen ab morgens um vier Uhr, weil es ihnen Spaß macht, sondern nur weil sie damit ihre eigenen Brötchen verdienen wollen. Wo bleibt da der Aufopferungswille als Burgerbrater im Schichtdienst, wenn er die Narben an seinen Unterarmen nicht mehr gerne aus freien Stücken, sondern nur noch wegen des Geldes in Kauf nimmt?</p>
<p>Die Herren und Damen Psychologen pflegen eine Auffassung von Arbeit, die einiges über ihre privilegierte Stellung in der Wissenschaftselite verrät, aber wenig mit den praktischen Arbeitserfahrungen lohnabhängiger Menschen oder gar einer vernünftigen Analyse von deren Misere zu tun hat. Lohnabhängige tragen in erster Linie ihre Arbeitskraft nicht deswegen zu Markte, weil sie sich nichts anderes wünschen würden, sondern weil sie schlicht keine andere Wahl haben. Gelderwerb in dieser Gesellschaft geht nur über Arbeit, und Geld braucht man in dieser Gesellschaft für nahezu alles. Also brauchen und wollen alle Arbeit und ob das dann Spaß macht oder nicht, ist eher zweitrangig und wenig mehr als eine glückliche Fügung, wenn es denn mal klappt. Löhne sind eher niedriger als hoch und ein netter Arbeitsplatz, der die Gesundheit des Arbeitnehmers schont, lohnt sich für den Arbeitgeber nur bedingt oder gar nicht. Arbeit, also der Verkauf von Dienstbarkeit an andere, kostet die Arbeitgeber Geld, und entsprechend beschissen sieht die Arbeit dann halt aus. Wenn also die Psychologen herausfinden, dass es idiotisch sei, „einen Menschen für das zu belohnen, was er ohnehin gerne macht“ (SZ), dann können sie an Lohnarbeit allen Ernstes eigentlich genauso wenig denken wie an Bleistifte aufheben. In der Tat ist es unsinnig, Menschen für Dinge zu belohnen, die sie gerne machen ; aber vermutlich müssten sogar die Harvardpsychologen bei einer Selbstbefragung auf die Idee kommen, dass selbst ihr Job nach acht Stunden täglich für 40 Jahre nicht mehr so richtig uneigennützig und überzeugt vonstatten geht, auch wenn sie sich das jahrelang eingebildet haben.</p>
<p>Der Idiotien auf der SZ-Wissensseite sind aber immer noch nicht genug. Denn nun stellt sich ja sofort die „politisch inkorrekte Frage“ (SZ), ob die Leute nicht viel mehr leisten würden, wenn sie (noch) weniger Geld verdienten? Das Beispiel Wikipedia habe ja bewiesen, dass Leute hochmotiviert ihr Bestes gäben, ohne dafür auch nur einen Pfennig Honorar zu sehen. Dass sie das nur tun, weil sie woanders bereits ihre Brötchen verdient haben und ihnen ihr Job noch genug Raum lässt für die Sachen, die ihnen wirklich Spaß machen, ist keiner Erwähnung wert. Bei der Frage also, ob die Menschen nicht viel mehr leisten würden, wenn man ihnen weniger Geld bezahlte, werden SZ und auch die Psychologen sehr geständig: Sie gehen da nicht mehr vom vermeintlich arbeitswütigen Subjekt aus, sondern von einem Standpunkt, der erstmal nur der Standpunkt desjenigen ist, der hofft, ein arbeitswütiges Subjekt eingestellt zu haben. Dass sie dabei die Anforderungen an einen Job verwechseln mit dem, was der Arbeitnehmer selbst schon immer wollte, ist nur einer von vielen Fehlern, die Wissenschaftler und Bürger Tag für Tag so drauf haben. Die zentrale Stellung, die Arbeit in dieser Ökonomie und Gesellschaft einnimmt, legt diesen Fehlschluss nahe. Wer 13 Jahre seines Lebens für die Arbeit ausgebildet wird, um dann 40 Jahre seines Lebens an die Arbeit zu verlieren, um dann zu hoffen, noch mal 15 Jahre ohne Arbeit zu leben, dem mag es plausibel erscheinen, sich alles mögliche Gute auf die Arbeit einzubilden – nämlich dass er sie eh nur für sich selber macht. Komisch nur, dass vermutlich noch jedem von Lohnarbeit Betroffenen (also fast allen) als Letztes einfällt, eine Lohnsenkung zu fordern, damit er mehr leistet.</p>
<p>Weshalb die Psychologen also nicht Arbeitnehmer als Arbeitnehmer untersuchen, sondern 20 Monate alte Kinder, um dann die wildesten Schlussfolgerungen über Leistungsbereitschaft am Arbeitsplatz zu konstruieren, ist kein Geheimnis. Wie viele ihrer Kollegen interessiert sie vor allem das Funktionieren von Menschen in der und für die Gesellschaft und sie sind deswegen erst mal ganz abstrakt für mehr Leistung. Die Erforschung des menschlichen Seelenhaushaltes soll für die kapitalistische Gesellschaft Effizienzgewinne bringen. Dass die Prinzipien der Gesellschaft wie etwa Lohnarbeit und Profit auf Kosten von Bedürfnisbefriedigung und Gesundheit vieler Menschen gehen, ist nicht ihre Sorge. Dass die Leistung, die den Lohnarbeitern abverlangt wird, ihnen wenig einbringt, kommt als Überlegung in der ganzen Forschung nicht vor. Dieses Interesse am Funktionieren des Menschen in egal welcher Gesellschaft führt dann dazu, dass man sich für Versuchsanordnungen mit Kleinkindern entscheidet, um über Leistungsbereitschaft des Menschen überhaupt was herauszufinden. So kommt die Lehre vom Seelenleben des Menschen ganz ohne die konkreten gesellschaftlichen Umstände aus.</p>
<p>Dies war ein Beitrag zur Serie: „Wozu begriffsloses Forschen bei bürgerlichen Wissenschaftlern so führt.“ Näheres auch in Zukunft in Ihrer SZ.</p>
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		<title>Seminare und Veranstaltungen</title>
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		<pubDate>Wed, 30 Dec 2009 21:00:30 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[11. September 2010: Vollkommen verrückt?.  ... (mehr dazu)11. September 2010: Wie hängen Nationalismus und Kapitalismus zusammen?.  ... (mehr dazu)11. September 2010: Nation und Geschlecht.  ... (mehr dazu)
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		<title>Meine Freunde ess ich nicht &#8211; Kritik am (v.a. tierrechtlichen) Veganismus</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Aug 2009 23:59:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Junge Linke</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Kritik der Linken]]></category>

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		<description><![CDATA[Bis Sommer 2009 stand auf dieser Seite der Artikel "Meine Freunde ess ich nicht - Kritik am (v.a. tierrechtlichen) Veganismus", der erstmals in der junge-linke-Zeitung "Fortlaufenden Nummer" 6, Frühjahr 2000, erschienen war.

Derzeit ist ein neuer Text zu diesem Thema in Arbeit. Die Veganismus-Kritik des alten Artikels halten wir nicht mehr für richtig bzw. hinreichend.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bis Sommer 2009 stand auf dieser Seite der Artikel &#8220;Meine Freunde ess ich nicht &#8211; Kritik am (v.a. tierrechtlichen) Veganismus&#8221;, der erstmals in der junge-linke-Zeitung &#8220;Fortlaufenden Nummer&#8221; 6, Frühjahr 2000, erschienen war.</p>
<p><a name="more"></a> Derzeit ist ein neuer Text zu diesem Thema in Arbeit. Die Veganismus-Kritik des alten Artikels halten wir nicht mehr für richtig bzw. hinreichend. Da er einige Diskussionen ausgelöst hatte (<a href="http://www.junge-linke.org/leser_innenbriefe">vgl. die Leserbriefdebatte aus dem Januar und Juni 2008</a>)<strong> </strong>sei hier auf die archivierte Version des alten Artikels <a href="http://web.archive.org/web/20080213135929/http://www.junge-linke.de/vermischtes/meine_freunde_ess_ich_nicht_kr.html">bei archive.org</a> verwiesen.<strong><br />
</strong></p>
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		<title>Was ist hier eigentlich los? Finanzkrise 2008ff</title>
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		<pubDate>Sun, 09 Aug 2009 08:48:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>knecht</dc:creator>
				<category><![CDATA[German]]></category>
		<category><![CDATA[Kapital und Lohnarbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Staatstheorie]]></category>

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		<description><![CDATA[(Dieser Artikel als Brosch&#252;re zum Ausdrucken) (PDF-Datei, 4.8 MB)
Ein faktenm&#228;&#223;iger R&#252;ckblick 
	2007 bricht weltweit der Handel mit einer besonderen Art von Wertpapieren zusammen (verbriefte Kredite). Nach und nach stellt sich raus, dass so ziemlich alle wichtigen Finanzinstitute weltweit in der einen oder anderen Weise in diesem Handel engagiert waren und Probleme bekommen. An den B&#246;rsen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.junge-linke.org/files/2010/08/Finanzkrise-Druckversion1.pdf">(Dieser Artikel als Brosch&uuml;re zum Ausdrucken)</a> (PDF-Datei, 4.8 MB)</p>
<p><strong>Ein faktenm&auml;&szlig;iger R&uuml;ckblick </strong><br />
	2007 bricht weltweit der Handel mit einer besonderen Art von Wertpapieren zusammen (verbriefte Kredite). Nach und nach stellt sich raus, dass so ziemlich alle wichtigen Finanzinstitute weltweit in der einen oder anderen Weise in diesem Handel engagiert waren und Probleme bekommen. An den B&ouml;rsen geraten daraufhin zun&auml;chst Bankenaktien unter Druck. Anfang 2008 weitet sich der Wertverfall bei Wertpapieren auf die Aktienm&auml;rkte insgesamt aus. Schon 2007/Anfang 2008 geraten einzelne Institute ins Straucheln und die Staaten beginnen den Finanzsektor mit umfangreichen Finanzspritzen zu unterst&uuml;tzen. Mit den staatlichen Geldern wird der Abw&auml;rtsstrudel nicht behoben. Im Sommer/Herbst 2008 droht eine renommierte Bank nach der anderen zusammenzuklappen und die umfangreichste Finanzkrise seit 80 Jahren ist unterwegs. Innerhalb der Staaten und untereinander wird darum gestritten, wie dem Finanzsektor unter die Arme gegriffen werden soll und mit Island und Ungarn hatte man die ersten &Uuml;berg&auml;nge in einen Staatsbankrott. Eine allgemeine Wirtschaftskrise, vor allem im Automobilsektor, gesellt sich hinzu. Das Krisenmanagement der Staaten bestimmt die Nachrichten und &ouml;fters h&ouml;rt man, dass das eine Rettungsprogramm auf Kosten der anderen Nation geht, was sowohl neuen Stoff f&uuml;r Streitigkeiten als auch abgestimmte Programme bringt.</p>
<p>
	<strong>Die Erkl&auml;rungsangebote in der &Ouml;ffentlichkeit und der Anspruch dieses Textes </strong><br />
	Eine fast lustig anmutende Erkl&auml;rung der Krise geht ungef&auml;hr so: In den USA wurden viele Kredite an arme Menschen vergeben, die sich damit ein Haus gebaut haben. Weil die armen Menschen aus verschiedensten Gr&uuml;nden die Zinsen nicht mehr zahlen konnten, gibt es eine weltweite Finanzkrise. Es mag ja sein, dass die geplatzten Konsumentenkredite in den USA ein gro&szlig;er Tropfen f&uuml;r das &uuml;berlaufende Fass waren, aber die Frage, wie das Fass eigentlich selber funktioniert, ist damit nat&uuml;rlich &uuml;berhaupt nicht beantwortet. Das versucht der folgende Text. Dabei wird nicht versucht, die sogenannte Subprime oder Hypothekenkrise zu erkl&auml;ren. Diese ist ja selber nur eine Krise an einem bestimmten Ende des Finanzsektors gewesen und erkl&auml;rt auch nicht, warum deshalb so viele Finanzinstitute vor der Pleite stehen. Daher steigt dieser Text einfach in der Mitte der Krise ein und versucht von dort aus &uuml;ber einige Prinzipien des Finanzgewerbes aufzukl&auml;ren, welche die Wucht der Krise erhellen.<br />
	Vergeblich wird man in diesem Text den Vorwurf des Missmanagements suchen, der die gro&szlig;e Linie der Krisenaufkl&auml;rung in der &Ouml;ffentlichkeit bestimmt. Nach dieser Lesart haben: a) alle Bankmanager versagt b) alle Rating-Agenturen beim Bewerten der Bankaktivit&auml;ten versagt und c) die Politiker beim Aufpassen &uuml;ber Geldmenge, Bankmanager und Rating-Agenturen versagt. Auff&auml;llig an diesen Vorw&uuml;rfen ist n&auml;mlich, dass sie immer dann erhoben werden, wenn eine Bank mal wieder ihre negativen Bilanzen eingestehen muss. Andere Banken werden dann dagegen lobend hervorgehoben. Allerdings nur solange, bis auch sie eingestehen m&uuml;ssen, dass sie Probleme haben. Sofort ist klar: Dort war auch Versagen am Werk. An diesen spontanen &Auml;nderungen des Tadels und des Lobs wird deutlich, dass die Ankl&auml;ger sowieso nur ein Kriterium f&uuml;r die Beurteilung haben: L&auml;uft alles gut, machen alle Verantwortlichen es richtig, l&auml;uft es schlecht, dann versagt jemand bzw. hat jemand versagt. Sie wollen erkl&auml;ren, warum die Krise da ist und haben gar kein anderes Kriterium als Krise selbst, um dies zu begr&uuml;nden. So erkl&auml;ren sie nichts, erhalten sich und den Zuh&ouml;rern/Lesern daf&uuml;r die Illusion, dass der Kapitalismus ohne Krisen auskommen k&ouml;nne. (1) Dieser Text zeigt dagegen, dass sich die Krise den normalen Gesch&auml;ftsprinzipien verdankt, und gerade deshalb der Laden seine Probleme hat, weil alle alles dem kapitalistischen System gem&auml;&szlig; &bdquo;richtig&ldquo; gemacht haben.<br />
	Klar, in der Wirtschaftskrise geht es vielen Menschen noch mal extra-dreckig. F&uuml;r einen Kurzschluss halten wir aber den Impuls, deswegen sich den alten funktionierenden Zustand zur&uuml;ck, bzw. wieder her zu w&uuml;nschen. Und dies nicht, weil, wie einige Linke meinen, der Kapitalismus eh nicht funktionieren k&ouml;nne, was man an der Krise sehen w&uuml;rde. Dieser Text zeigt, dass der Grund f&uuml;r die Krise im funktionierenden Kapitalismus liegt und dessen Prinzipien bed&uuml;rfnisfeindlich sind &#8211; in guten wie in schlechten Zeiten. Daher haben wir auch anderes in Sinne, als Vorschl&auml;ge zu machen, wie &bdquo;wir&ldquo; (wer ist denn das eigentlich?) den Kapitalismus wieder zum Laufen bringen.</p>
<p>
	<strong>1. Ein normales Bankgesch&auml;ft: Kredite vergeben mit Geld, dass sich Banken selber leihen &ndash; dargestellt am Beispiel Lehman Brothers</strong><br />
	Der Ausl&ouml;ser der Insolvenz von Lehman Brothers war der Umstand, dass die Bank offensichtlich auf kurzfristige Kredite von anderen Banken angewiesen war, die ihnen immer weniger oder nur mit immer h&ouml;heren Zinsen gew&auml;hrt wurden. Lehman Brothers hat mit dem geliehenen Geld eigene Gesch&auml;fte an den Finanzm&auml;rkten gemacht. Zu lesen war, dass sie z. B. langfristige Kredite vergeben hat, etwa zur Finanzierung von Immobilien. F&uuml;r langfristige Kredite gibt&acute;s h&ouml;here Zinsen als sie f&uuml;r die kurzfristigen zahlen musste &ndash; wenn alles &bdquo;normal&ldquo; l&auml;uft. Aus der Zinsdifferenz l&auml;sst sich ein Gewinn schlagen. Die kurzfristigen Kredite m&uuml;ssen nat&uuml;rlich zur&uuml;ckgezahlt werden, bevor der langfristige Kredit wieder vollst&auml;ndig zur&uuml;ckkommt. Dies nennt man &bdquo;Refinanzieren&ldquo;: Ein auf Schulden gegr&uuml;ndetes Gesch&auml;ft will erhalten (oder eingeleitet) werden durch weitere Schulden. Sie haben die f&auml;lligen kurzfristigen Kredite mit anderen kurzfristigen Krediten (evtl. sogar von derselben Bank) bezahlt. Klar, wenn die kurzfristigen Kredite aber nicht mehr gew&auml;hrt werden, hat die Investmentbank ein Problem. (2) Zur Insolvenz, also der Zahlungsunf&auml;higkeit, gibt&acute;s dann verschiedene Verlaufsformen: Der Endpunkt ist der, dass kurzfristige Kredite zur&uuml;ckbezahlt werden m&uuml;ssen, aber kein fl&uuml;ssiges Geld daf&uuml;r vorhanden ist. Ein m&ouml;glicher Verlauf: Steigen die Zinsen bei den kurzfristigen Krediten &ndash; aus welchen Gr&uuml;nden auch immer &ndash; dann wird die Gewinnspanne, welche aus der Differenz der genommenen und vergebenen Kredite schmaler. Das Vertrauen in die F&auml;higkeit der Bank dauerhaft weiter Gewinne zu generieren schwindet bei einigen Kreditgebern, was zu noch h&ouml;heren Zinsen und schlie&szlig;lich zu keiner Kreditw&uuml;rdigkeit f&uuml;hrt.<br />
	Die Investmentbanken waren in besonderem Ma&szlig;e auf immer neue Kredite von anderen Banken angewiesen. Diese Kredite aus dem &bdquo;Interbankenhandel&ldquo; gab es zu diesem Zeitpunkt kaum oder wenn, dann nur mit sehr hohen Zinss&auml;tzen. Warum das so ist, dazu gleich im Punkt 3 mehr. Relativ zu den Investmentbanken stehen die herk&ouml;mmlichen Gesch&auml;ftsbanken, welche der breiten Masse Spar- und Girokonten anbieten, derzeit besser da. Sie verf&uuml;gen &uuml;ber eine Geldquelle, die unabh&auml;ngig vom Interbankenhandel ist. Daran kann man erkennen, wie noch jede Bank arbeitet: Sie verschuldet sich. Genau dar&uuml;ber organisiert sie sich &uuml;berwiegend jene Geldmittel, mit denen sie selber Investitionen t&auml;tigen kann. Sparkassen oder die Deutsche Bank nehmen Gelder von ihren Kontoinhabern laufend an, versprechen teilweise selber einen Zins und &bdquo;arbeiten&ldquo; dann mit dem fremden Geld, indem sie es weiter verleihen oder anderweitig im Finanzmarkt investieren. Was f&uuml;r die reinen Investmentbanken das Ende ihres Gesch&auml;fts bedeutet &ndash; wenn sie keinen Kredit mehr von anderen Banken bekommen &ndash; ist f&uuml;r die Gesch&auml;ftsbanken dann der Fall, wenn die Kontoinhaber massenhaft ihr Geld abziehen. Dann stellt sich raus, dass sie nicht alle Kontoinhaber auszahlen k&ouml;nnen. (3) Alle Banken und sonstigen Finanzinstitutionen refinanzieren sich (Gesch&auml;fte stiften mit Hilfe von fremden Geldern) und sind davon abh&auml;ngig, dass diese Refinanzierung in der Masse nie aufh&ouml;rt. Die F&auml;higkeit &uuml;ber das Verleihen von Geldern einen Zinsgewinn einzustreichen, h&auml;ngt davon ab, dass andere Akteure selber Geld verleihen wollen, um dar&uuml;ber einen Zins einzustreichen.</p>
<p>
	<strong>2. Der Dominoeffekt von Kreditketten </strong><br />
	Ein Prinzip, um zu kapieren, wie Probleme bei einer Bank zu Problemen bei immer weiteren Banken f&uuml;hren, soll im Folgenden an einem vereinfachten Beispiel dargestellt werden: Wenn eine Bank einen Kredit an ein Unternehmen vergibt, hat das Unternehmen das Geld und die Bank erh&auml;lt einen Schuldschein. Geht das Unternehmen pleite, dann hat auch die Bank ein Problem und kann den Schuldschein ggf. in den M&uuml;lleimer werfen. Hat die Bank aber diesen Schuldschein zwischenzeitlich z. B. an eine andere Bank weiterverkauft, dann ist sie im Falle der Insolvenz des Unternehmens erstmal aus dem Schneider. Nicht sie, sondern die zweite Bank hat dann das Problem. So ist das Ph&auml;nomen der immer weiter um sich greifenden Finanzkrise nicht zu erkl&auml;ren. Anders aber im folgenden Fall: Die Bank A vergibt einen Kredit an ein Unternehmen und hat jetzt einen Schuldschein. Die Bank B gibt der Bank A einen anderen Kredit, weil sie meint, dass die Bank A mit dem Schuldschein vom Unternehmen ja sowas wie eine Sicherheit hat. Die Bank A hat jetzt neues Geld und verleiht dieses an ein weiteres Unternehmen oder an eine andere Bank. Eine Bank C gibt jetzt der Bank B einen Kredit, weil sie davon ausgeht, dass die Bank B mit ihrem Schuldschein gegen die Bank A ebenfalls sowas wie eine gute Sicherheit besitzt. Das kann ewig so weitergehen mit einer Bank D, E, F usw. Kann jetzt das Unternehmen im Ausgangspunkt nicht zahlen, kann die Bank A den Kredit von der Bank B nicht begleichen. Bank B kann dann die Bank C nicht auszahlen usw. Solche Kreditketten, in denen der eine Kredit den n&auml;chsten begr&uuml;ndet, sind die Finanzinstitute weltweit miteinander eingegangen, vermittelt &uuml;ber ganz einfache Kredite bis hin zu den kompliziertesten Finanzprodukten. Nur auf Grundlage dieser Ketten hat der Wertverfall von besonderen Kreditprodukten an einem Ende der Spekulation so weitreichende Wirkungen. <br />
	Wenn man das Bankgewerbe und die Finanzkrise verstehen will, sollte man nicht kopfsch&uuml;ttelnd dabei stehen bleiben, dass das &bdquo;alles ganz sch&ouml;n wild und unsolide&ldquo; anmutet, sondern sich die Frage stellen, warum Banken das &uuml;berhaupt k&ouml;nnen. Diese Frage soll sp&auml;ter im Punkt 5 verfolgt werden. Zun&auml;chst zur&uuml;ck zum Ausgangspunkt, der Krise bei den Investmentbanken und ihrem Leid mit dem Interbankenhandel.</p>
<p>
	<strong>3. Aus welchen Gr&uuml;nden steigen die Zinsen beim Interbankenhandel und wie f&uuml;hrt das zum Erliegen desselben?</strong><br />
	Ein entscheidender Punkt ist der, dass diejenigen Institute, welche kurzfristige Kredite anderen Banken anbieten, selber ihr Gesch&auml;ft auf Basis von Schulden betreiben, also ebenfalls bei F&auml;lligkeit ihrer Schulden zahlungsf&auml;hig sein m&uuml;ssen. K&ouml;nnen sie sich sicher sein, dass sie &ndash; genau wie ihre Schuldner &ndash; die alte Schuld durch eine neue Schuld begleichen k&ouml;nnen, dann k&ouml;nnen sie ihre zur&uuml;ckflie&szlig;enden Gelder einfach wieder neu investieren. Fehlt allerdings diese Sicherheit, dann m&uuml;ssen sie die zur&uuml;ckflie&szlig;enden Gelder behalten, als Reserve daf&uuml;r, jederzeit die alten Schulden zu begleichen. Sie m&uuml;ssen ihr Geld als Geld behalten, schlicht um Schulden abbezahlen zu k&ouml;nnen. Sie k&ouml;nnen es nicht mehr als Kapital einsetzen, also das Geld verleihen, damit es sich durch den Zins vermehrt. Das Geld wechselt so insgesamt seine Zweckbestimmung im Finanzgewerbe: Es ist nicht Geldkapital, sondern Zahlungsmittel. Es reicht hier aus, wenn eine Bank selber keine Probleme hat, sie aber bei anderen Banken vermutet und deshalb daran zweifelt, dass ihr kurzfristiger Kredit gegebenenfalls durch kurzfristige Kredite von anderen Banken ersetzt werden k&ouml;nnte. Die Banken misstrauen ihrem eigenen Schuldenkreislauf und best&auml;tigen ihr Misstrauen durch eine restriktivere Vergabepraxis. Ein Zirkel, der schlie&szlig;lich zum Erliegen des Interbankenhandels bei kurzfristigen Krediten f&uuml;hrte. Solange also die Banken den Zweck verfolgen, alles Geld, das sie in die H&auml;nde bekommen, zu vermehren, geben sie sich untereinander Kredit. Dadurch k&ouml;nnen alle Banken immer mehr Projekte finanzieren, von denen sie sich eine Vermehrung des Geldes versprechen. Dies erkl&auml;rt auch, warum die Aufbl&auml;hung des Kredits so schnell so ungeheure Summen erreicht, dass man nicht mehr wei&szlig;, wie viele Nullen eigentlich vor dem Komma stehen. M&uuml;ssen die Banken aber ihr Geld f&uuml;r Zahlungsverpflichtungen reservieren, k&ouml;nnen sie sich immer weniger wechselseitig kreditieren und sorgen daf&uuml;r, dass schlie&szlig;lich alle ihr Geld f&uuml;r Zahlungsverpflichtungen horten. Der Ausl&ouml;ser einer Bankenkrise des Formats in den Jahren 2007-2009 ist das Misstrauen in einen besonderen Gesch&auml;ftszweig des Finanzgewerbes gewesen (die sogenannte Hypothekenkrise aus dem Jahr 2007). Dies bewirkte einen teilweisen Funktionswechsel des Geldes: Einige Banken brauchten jetzt ihre Gewinne und sonstige eingehende Gelder f&uuml;r diejenigen Schuldforderungen, die gegen sie bestanden und konnten so das Geld, was sie selbst als Kredit erhielten, nicht bei anderen Banken in Form von Krediten oder sonstwie &bdquo;investieren&ldquo;. Das n&auml;hrte das Misstrauen in den gesamten Schuldenkreislauf und best&auml;tigte das Misstrauen durch die eigene restriktivere Kreditvergabepraxis: ein selbstverst&auml;rkendes Prinzip.</p>
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	<strong>4. Ein Prinzip des Finanzgewerbes: Schulden ersetzen Geld, umgekehrt geht es nicht </strong><br />
	Dieser Zirkel dr&uuml;ckt eine Grundlage des Finanzgesch&auml;fts aus: Schulden und Kredit ersetzen wirkliches Geld, umso mehr je besser es funktioniert. Zugleich dr&uuml;ckt sich eine komplement&auml;re Wahrheit &uuml;ber dieses Gesch&auml;ft aus: Geld kann Schulden und Kredit nicht ersetzen. Dies ist eine elementare Einsicht zur Erkl&auml;rung der aktuellen Krise.<br />
	Wirkliches Geld war und ist nach wie vor vorhanden. In Wirtschaftszeitungen konnte man die Verwunderung dar&uuml;ber nachlesen, dass die Banken sich wechselseitig keinen Kredit geben, obwohl hohe Zinsen in Aussicht stehen und gleichzeitig ziemlich viel Geld von den Banken &bdquo;&uuml;ber Nacht&ldquo; gegen sehr niedrige Zinsen bei der Zentralbank gelagert wurden. Der Witz am funktionierenden Bankgesch&auml;ft ist aber, dass es den Banken gemeinsam gelingt, wirklichen Geldbesitz zu einer relativ unbedeutenden Sache zu machen, indem sie Schuldversprechen wie wirkliches Geld behandeln. Schuldverh&auml;ltnisse werden im Aufschwung angeh&auml;uft in einem Ma&szlig;e, dass im Falle der folgenden Krise das vorhandene Geld tats&auml;chlich diese angeh&auml;uften Anspr&uuml;che aneinander nicht begleichen kann. Dieses Prinzip zeigt sich auch an anderen Ecken und Zirkeln des Finanzgesch&auml;fts, eine bedeutsame soll hier vorgestellt werden:<br />
	Um bei dem Lehman Brothers Beispiel zu bleiben. Zum Zeitpunkt der Insolvenz soll die Bank laut Insolvenzverwalter ca. 600 Mrd. Dollar Verm&ouml;genswerte gehabt haben. Was sind diese Verm&ouml;genswerte? Sie bestehen aus Aktien, Schuldscheinen, Staatsanleihen und anderen Wertpapieren, in die Lehman investiert hat. Offensichtlich hat die Bank diese Wertpapiere nicht mit eigenen Geldmitteln gekauft, sondern &uuml;berwiegend auf Pump. (4) Diese Verm&ouml;genswerte, die Lehman Brothers besa&szlig;, waren aber selbst nichts anderes als Schulden, die andere Banken und Unternehmen bei dieser Bank hatten. (5) Nicht nur diese Bank versuchte m&ouml;glichst viel Geld an sich zu ziehen, indem sie anderen Geldbesitzern Zinsen verspricht, um dann das Geld zu investieren, um noch h&ouml;here Zinsen, Dividenden oder Kursgewinne zu erzielen. Das ist die Normalit&auml;t. Die Aktien, Staatspapiere, Schuldverschreibungen oder sonstiges, was dann bei der Bank liegt, wird als Verm&ouml;gen hochgerechnet. Das Verm&ouml;gen existiert dann praktisch doppelt, einmal bei dem neuen Schuldner, der mit dem geliehenen Geld vielleicht den Bau eines B&uuml;rokomplexes finanziert und einmal bei der Bank als Gl&auml;ubiger, die das Schuldversprechen als Verm&ouml;gen hochrechnet. Das geht, weil andere Banken und Investoren das genauso sehen und die Rechtstitel auf zuk&uuml;nftige Zahlungsstr&ouml;me jederzeit kaufen und verkaufen, diesen Rechtstiteln also praktisch einen Preis zusprechen. Der an B&ouml;rsen und im Interbankenhandel ermittelte Preis solcher Schuldforderungen wird nicht nur in den Gewinnbilanzen aufgenommen, sondern dient zugleich als Sicherheit f&uuml;r Zahlungsf&auml;higkeit. Auch hier schafft Kredit neuen Kredit, indem er bares Geld als Liquidit&auml;tsreserve ersetzt. Sinken die Bewertungen solcher Wertpapiere, weil weniger Investoren sie kaufen als andere sie verkaufen wollen, dann sinkt damit die Sicherheit der Bank, jederzeit zahlungsf&auml;hig zu sein. Dann m&uuml;ssen die Banken Vorsorge treffen, Wertpapiere verkaufen, um ihre Bilanz vor Verlusten zu sch&uuml;tzen und ggf. mehr bares Geld halten f&uuml;r ihre eigene Kreditw&uuml;rdigkeit. Sie verkaufen also die Wertpapiere und sorgen damit f&uuml;r weiteren Kursverfall, was den Verkauf der Wertpapiere weiter anheizt.<br />
	Mit lauter Zirkeln w&auml;chst das Finanzkapital und wegen der Zirkel geht&acute;s bergab. Bergauf geht es, wenn die Banken darauf vertrauen, dass es allgemein so gesehen wird, dass blo&szlig;e Rechtstitel auf zuk&uuml;nftiges Geld schon so gut wie vermehrtes Geld sind. Bergab geht es, wenn dies nicht mehr allgemein so gesehen wird und jeder bares Geld vorweisen soll. Im Aufschwung und in der Krise des Bankgesch&auml;fts zeigt sich, wie die Bank auf ihre Konkurrenten verwiesen ist.</p>
<p>
	<strong>5. Woher kommt die besondere F&auml;higkeit der Banken aus Schulden Gold zu machen? </strong><br />
	Die Selbstverst&auml;ndlichkeit, mit der das Finanzkapital unterstellt, dass verliehenes Geld schon so gut wie gegenw&auml;rtiger und schon vermehrter abstrakter Reichtum ist, ist erkl&auml;rungsbed&uuml;rftig. (6) In normalen Zeiten macht sich dar&uuml;ber niemand einen Kopf. Heute ist die Klage &uuml;berall zu h&ouml;ren, dass die gierigen Manager mal wieder &uuml;bertrieben h&auml;tten. So wird ein rein quantitatives Problem als Kern der Krise gesehen. (7) &Uuml;ber die Qualit&auml;t des Stoffes, mit dem das Finanzgewerbe zu tun hat, macht sich auch heute in Krisenzeiten keiner einen Kopf. Ein vergebener Kredit legt von vornherein fest, um welchen Betrag sich das Geld relativ zur verliehenen Summe vermehren muss &ndash; die Zinsh&ouml;he. Darin ist die Gleichg&uuml;ltigkeit gegen&uuml;ber dem Wie der Vermehrung enthalten. Bei der Aktie scheint das zun&auml;chst anders zu sein, weil die Dividende ja variabel ist. Aber: Indem Aktien, also Rechtstitel auf zuk&uuml;nftige Einnahmen, an den B&ouml;rsen und in den Bankbilanzen gegenw&auml;rtig einen Preis bekommen, unterstellen alle Beteiligten, dass die Vermehrung des Geldes auf lange Sicht schon klappt. Nur die Frage &bdquo;wie hoch?&ldquo; ist dann das Material f&uuml;r die Spekulation auf die k&uuml;nftigen Gewinne der einzelnen Unternehmen, die dann zu den allseits bekannten Kursschwankungen an der B&ouml;rse f&uuml;hrt. Sicherlich bemerken auch Banker, dass Geld investieren und eine gewinnbringende Produktion plus Verkauf der Waren zwei verschiedene Sachen sein k&ouml;nnen. Das verarbeiten sie aber wiederum als Zinsh&ouml;he oder in der Form, dass sie Sicherheiten fordern. Dass die Schuldscheine Vermehrung garantieren w&uuml;rden, das ist in der Bewertung derselben immer unterstellt.<br />
	Bei der Vermehrung von Geld durch das Verleihen gegen Zins oder Handel von Schuldtiteln ist bereits unterstellt, dass die gelungene Geldvermehrung einfach eine Frage von Geldbesitzen ist. Diese allgemein vorausgesetzte Selbstverst&auml;ndlichkeit, dass eine Geldsumme die F&auml;higkeit zu ihrer Vermehrung in sich tr&auml;gt, verweist auf die Sph&auml;re, in der der kapitalistische Reichtum tats&auml;chlich geschaffen wird und das ist einen kleinen Exkurs wert:<br />
	Daran haben sich mittlerweile nicht nur die Banken, sondern alle gew&ouml;hnt: In dieser &Ouml;konomie wird im Prinzip nicht gearbeitet, keine Technik entwickelt und kein Boden bearbeitet, wenn sich damit kein Geld verdienen l&auml;sst. Wer &uuml;ber gen&uuml;gend Geld verf&uuml;gt, kann eine Produktion anschieben und sich die Arbeitskr&auml;fte kaufen, mit deren Leistung dann ein Warenberg hergestellt wird, der bei erfolgreichem Verkauf den Gewinn einf&auml;hrt. Auf der anderen Seite stehen die abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten, deren Name schon sagt, dass sie absolut darauf angewiesen sind, dass sie jemand einkauft und erfolgreich vernutzt. In der Differenz dessen, was die Arbeiter als Lohn erhalten und was sie st&auml;ndig an vermehrten Waren und daher an abstraktem Reichtum herstellen, hat das in Geld bemessene Wirtschaftswachstum seinen Grund. (8) Das wei&szlig; so gut wie niemand, aber in den folgenden politischen Aussagen der &Ouml;ffentlichkeit schimmert eine Ahnung dar&uuml;ber schon recht deutlich durch: Arbeiter sollten in der Krise keine Lohnerh&ouml;hungen fordern, denn jetzt m&uuml;ssen die Betriebe erstmal wieder wachsen. Wenn der Aufschwung kommt, sollten sie auch keine Lohnerh&ouml;hung fordern, sonst w&uuml;rgen sie ihn ab. Ist der Aufschwung auf der Spitze, droht er schon wieder zu kippen und deswegen sollten keine Lohnerh&ouml;hungen stattfinden. Und dann ist schon wieder Rezession. Zu jeder Zeit sollen die Arbeiter die Vernunft aufbringen, ja nicht mehr Lohn zu fordern, um damit am Wirtschaftswachstum teil zu haben, denn sonst st&ouml;ren sie das Wirtschaftswachstum und dann haben sie bald gar keinen Lohn mehr. Die Arbeiter h&auml;ngen absolut vom Kapital ab. Geht&acute;s dem gut, hei&szlig;t das zwar noch lange nichts f&uuml;r den Lohn und die Leistung, die aus den Arbeitern rausgepresst wird. Schmiert das Kapital aber ab, wei&szlig; jeder, dass es jetzt noch schlechter wird. Die Unterordnung der Produktion unter den Profit und die Trennung der Arbeitsresultate von denjenigen, die sie herstellen, ist der Grund f&uuml;r die Armut in den verschiedensten Auspr&auml;gungen: Hunger alleine ist im Kapitalismus f&uuml;r Unternehmen kein Grund, irgendwo einen Finger zu r&uuml;hren, geschweige eine Maschine anzustellen. Es muss schon zahlungsf&auml;higer Hunger sein. (9) Das Interesse, &uuml;ber Lohnarbeit sein Leben zu bestreiten, findet nur relativ zum Gewinn seine Erf&uuml;llung oder auch nicht. F&uuml;r sein Leben und seine Bed&uuml;rfnisse arbeiten zu wollen ist in dieser &Ouml;konomie nachrangig, davor steht die Frage, ob die Arbeit f&uuml;r den Gewinnzweck gebraucht wird. Und je weniger Lohn und je mehr Leistung aus dem Arbeiter rausgeholt wird, desto besser f&uuml;r den Gewinn. Daher auch die elendige Form, in der die Masse der Lohnarbeiter &uuml;berhaupt in den Genuss kommen, f&uuml;r andere und relativ dazu f&uuml;r sich zu arbeiten: geringe Lohnh&ouml;he und damit beschr&auml;nkte Bed&uuml;rfnisbefriedigung, Ruinierung der Gesundheit, Arbeitsstress, Existenzangst, wenig Urlaub und eine Arbeitsl&auml;nge, welche f&uuml;r den Freizeitteil keine Energie mehr &uuml;brig l&auml;sst. F&uuml;r uns lauter Gr&uuml;nde die Prinzipien dieser kapitalistischen &Ouml;konomie abzulehnen. F&uuml;r das Bankgesch&auml;ft hingegen, das heute so eindrucksvoll zusammenbricht, die selbstverst&auml;ndliche Grundlage.<br />
	Wenn alles nur &uuml;ber&acute;s Geld zu haben ist, dann sind die Mittel und Wege, das Geld &uuml;ber den Umweg der Produktion von Waren zu vermehren, selber eine Frage von Geldbesitz. Geld in bestimmter H&ouml;he ist dann schon gleichbedeutend mit kapitalistischer Verf&uuml;gungsgewalt &uuml;ber Land, Produktionsmittel, Wissen und Leute. Das ist unterstellt, wenn der Zins in einer Gesellschaft allgegenw&auml;rtig ist. Die Gr&ouml;&szlig;e eines Kapitals wird zu einer Waffe in der Konkurrenz der Kapitalien untereinander. Je mehr ein Kapital an Geld aufbringen kann, desto rentabler kann es die Produktion und den Vertrieb einrichten, desto besser kann es sich gegen Seinesgleichen in der Konkurrenz durchsetzen. Die Unternehmen haben von sich aus ein Interesse an Geld zu kommen, dass sie noch gar nicht verdient haben. Sie wollen ihr Gesch&auml;ft mit geliehenem Geld um ein Ma&szlig; erweitern, das die bisher realisierten Gewinne nicht hergeben. Dieses Bed&uuml;rfnis der Unternehmen nach mehr Geld zum Zwecke der Gewinnsteigerung n&uuml;tzen wiederum Geldbesitzer aus, indem sie das Geld warenf&ouml;rmig machen. Sie verleihen Geld und sichern sich mit dem Zins vorweg einen Teil der Gewinnvermehrung, welche woanders als bei ihnen geschaffen wird. Das Vertrauen in den gesellschaftlichen Produktionsprozess, der alles auf den Gewinn ausrichtet, ist dann die eine halbe Miete, um zu erkl&auml;ren, warum Schulden bzw. Schuldforderungen selber schon als Verm&ouml;gen hochgerechnet werden und als Geldersatz fungieren. Weil die Zinszahlung so selbstverst&auml;ndlich klappt, zumindest im Gro&szlig;en und Ganzen, spricht das Finanzgewerbe den blo&szlig;en Rechtstiteln auf den zuk&uuml;nftig noch zu produzierenden abstrakten Reichtum einen Preis zu.<br />
	In der Linken gibt es die These, dass der Finanzmarkt deshalb so stark gewachsen sei, weil das produktive Kapital in der Krise stecke. (10) Die Profitraten sinken im sogenannten Realkapital und eine Investition werde daher immer unattraktiver. Daher, so die linken Krisentheoretiker, wandert das Geld in den Finanzmarkt. &Uuml;berspitzt zusammengefasst hei&szlig;t die These: Gerade weil das herk&ouml;mmliche Kapital nicht mehr gut funktioniert, w&auml;chst das Finanzkapital. In einem gesonderten Papier soll diese These zu einem sp&auml;teren Zeitpunkt kritisiert werden. Hier soll nur auf den Unterschied zur vorliegenden Krisenerkl&auml;rung hingewiesen werden, die sich so zusammenfassen l&auml;sst: Nicht weil das produktive Kapital so schlecht funktioniert, w&auml;chst der Finanz&uuml;berbau, sondern weil das Wachstum von Konjunktureinbr&uuml;chen abgesehen, an die sich jeder gew&ouml;hnt hat, so stabil und gut funktioniert. Weil Arbeiter in den Industriezentren so gut erzogen sind und kaum kapitalsch&auml;dliche Streiks anzetteln. Weil auf der ganzen Welt kaum noch Flecken existieren, die sich dem Zugriff von ausl&auml;ndischem Kapital widersetzen. Die letzten beiden Sachen hat der &bdquo;Westen&ldquo; in den letzten Jahrzehnten hervorragend mit Gewalt und darauf basierender wirtschaftlicher Erpressung herbeiregiert. Das hat die Finanzm&auml;rkte befl&uuml;gelt.</p>
<p>
	<strong>6. Ein &ouml;konomisches Zwischenfazit </strong><br />
	Unter der Hand ist im vorherigen Punkt zur Erkl&auml;rung der F&auml;higkeit des Finanzgewerbes, aus Schulden ein Verm&ouml;gen zu errechnen, die Kritik am Finanzgewerbe mitgeliefert worden. Zum besseren Verst&auml;ndnis soll letztere noch mal deutlich gemacht werden: An der kapitalistischen Produktion und am kapitalistischen Handel kritisieren wir den bed&uuml;rfnisfeindlichen Zweck. Nicht erst die Verteilung des Reichtums, sondern die Gr&uuml;nde, warum und ob eine Produktion angeschoben wird, st&ouml;ren uns. Weiter die daraus folgenden Leiden der Lohnabh&auml;ngigen, die den abstrakten Reichtum schaffen m&uuml;ssen oder aber ganz ohne Geld dastehen, weil sie f&uuml;r die Geldvermehrung nicht gebraucht werden. Am Finanzgewerbe kritisieren wir daher auch nicht, dass es gerade seiner angeblichen eigentlichen Aufgabe nicht nachkomme, die Unternehmen mit Kredit auszustatten. Vielmehr kritisieren wir das Finanzgewerbe daf&uuml;r, dass es selber mit der Kreditvergabe den bed&uuml;rfnisfeindlichen Zweck der kapitalistischen Produktion unterst&uuml;tzt und selber als Auftraggeber der Geldvermehrung mitwirkt, wenn es den Zins verlangt. An den h&ouml;heren Sph&auml;ren des Finanzgewerbes, in dem es dann Schulden, kurz Rechtstitel auf zuk&uuml;nftige Zahlungen und Gewinne, als Werte hochrechnet und handelt, ist auch nicht die besondere Instabilit&auml;t dieses Gewerbes unsere Sorge. Vielmehr st&ouml;rt uns die Vorwegnahme zuk&uuml;nftiger Reichtumsproduktion, die da gehandelt wird und deren sch&auml;dliche Wirkung auf diejenigen, die diesen Reichtum schaffen sollen. Und damit sind nicht die Unternehmen, sondern eben die Lohnabh&auml;ngigen gemeint. Das Finanzkapital rechnet sich Schuldtitel als Verm&ouml;gen an, auf dessen Grundlage neuer Kredit geschaffen wird, welcher sich wieder als Verm&ouml;gen anrechnen l&auml;sst. Die Zinszahlungen der Schuldner haben jetzt die Aufgabe durch p&uuml;nktliches Bedienen der Schuld und entsprechende Ertr&auml;ge, dem Finanzkapital ihre Kapitalisierung glaubw&uuml;rdig zu machen, d.h. die Gleichung von Schuld und Verm&ouml;gen zu best&auml;tigen. Das Verfahren, sich von wirklich verdientem Geld unabh&auml;ngig zu machen, h&auml;ngt so vermittelt durch Kapitalakkumulation von den Unternehmen ab. Die F&auml;higkeit des Finanzkapitals, sich von in der Gesellschaft verdientem Geld unabh&auml;ngig zu machen, f&uuml;hrt also keineswegs dazu, dass sie beim Eintreiben des Zinses &bdquo;lockerer&ldquo; werden. Umgekehrt: Gerade weil es immer neue Werttitel sch&ouml;pft, deren Glaubw&uuml;rdigkeit an dauerhaften Zinsstr&ouml;men h&auml;ngt, erh&ouml;ht sich der Anspruch an das Basisgesch&auml;ft der Unternehmen. Wenn alles von diesen Prinzipien abh&auml;ngt, dann gibt es das bekannte Ergebnis im funktionierenden Kapitalismus, dass die Potenzen, alle materiellen Bed&uuml;rfnisse zu befriedigen und gleichzeitig die Arbeitszeit zu senken, fortlaufend gesteigert werden. Weil diese Potenzen aber nur f&uuml;r den Profit eingesetzt werden, kann man eben eine Verarmung der Lohnabh&auml;ngigen beobachten und eine Hetze am Arbeitsplatz, die sich gewaschen hat. In der Krise geht es allen noch mal schlechter. Der Grund ist einfach: Dass alles dem Profit untergeordnet ist und nur stattfindet, wenn der Profit es gebietet, gilt eben auch in Krisenzeiten. Weil der Profit aber schrumpft, kommen alle Wirkungen des gut laufenden Kapitalismus noch mal extra hart zum Vorschein: In dem Moment, wo die Potenzen, n&uuml;tzliche Sachen herzustellen, am weitesten entwickelt sind, stehen pl&ouml;tzlich ganze Fabriken still, weil es sich nicht lohnt. Daher werden auch massenhafter Leute auf die Stra&szlig;e geworfen und einer besonderen Armut ausgeliefert. Diejenigen, die noch gebraucht werden, werden mit extra harten Lohnk&uuml;rzungen, einer besonderen Arbeitshetze und mit neuen &Uuml;berstunden konfrontiert. Die Forderung an den Staat, er m&ouml;ge doch die Finanzm&auml;rkte so regulieren, dass diese nicht destabilisierend wirken, lehnen wir deshalb nicht ab, weil wir meinen, dass dies tendenziell gar nicht geht, sondern weil wir an funktionierenden Finanzm&auml;rkten und funktionierender kapitalistischer Produktion nichts Positives entdecken.</p>
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	<strong>7. Der Blick der Politik auf die Leistung des Finanzgewerbes</strong><br />
	Das Finanzkapital ist ein wesentlicher Motor f&uuml;r das Wirtschaftswachstum, indem produktive und kommerzielle (Handels-) Kapitale bei ihren Investitionen nicht mehr nur auf ihre eigenen Gewinne angewiesen sind. Mit Krediten, Anleihen und Aktien k&ouml;nnen Unternehmen ihre Investitionen ausweiten, ohne dabei auf bisher erwirtschaftete Gewinne beschr&auml;nkt zu bleiben. Weiter k&ouml;nnen Waren auch dann verkauft werden, wenn die K&auml;ufer noch gar nicht zahlungsf&auml;hig sind. Der Handelskredit macht es m&ouml;glich. Diese Leistungen des Finanzkapitals werden von Seiten der Politik gew&uuml;nscht und daher auch gef&ouml;rdert. Alle Unternehmen nehmen Kredit in Anspruch, die Verschuldung ist bei ihnen die Normalit&auml;t. Daher gibt es dann auch in der Finanzkrise den R&uuml;ckschlag auf&acute;s gesellschaftliche Kapital. Aber auch die einfache Geldzirkulation vom Lohn bis zum Ersparnis l&auml;uft &uuml;ber die Banken und wird von diesen in die h&ouml;heren Ebenen der Finanzgesch&auml;fte verwickelt. (11) Daher machen sich r&uuml;ckwirkend die Probleme der Banken bis zu den elementaren Grundlagen der Geldzirkulation, wie etwa eine Lohn&uuml;berweisung geltend, so dass mancher &uuml;berlegt, sein Geld von der Bank abzuziehen. Was heute in der &Ouml;ffentlichkeit nochmal extra bemerkt wird, ist, dass das Finanzkapital Techniken entwickelt hat, die rein selbstbez&uuml;glich sind und ausgerechnet hier was auffliegt, was dann eine R&uuml;ckwirkung auf die Gesellschaft hat. Das bl&ouml;de Ideal, das verfolgt wird und an dem das Finanzkapital kritisiert wird: Frei machen von wirklichem Geld bitte gerne, aber nur f&uuml;r die &bdquo;Realwirtschaft&ldquo; und nicht einfach so die Banken untereinander. In manchen Staaten hat das Finanzgewerbe einen solchen Bilanzumfang angenommen, dass es einen eigenen beachtenswerten Bestandteil der nationalen Wirtschaft darstellt. In diesen Staaten ist der Blickwinkel anders: Die Krise des Finanzgewerbes bringt nicht die &bdquo;andere eigentliche Wirtschaft&ldquo; in Gefahr, sondern ist selber die nationale Wirtschaftskrise.</p>
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	<strong>8. Die Staaten greifen ein &ndash; als w&auml;re die Finanzkrise ein Liquidit&auml;tsproblem </strong><br />
	Die Staaten reagieren auf die Krise in einer Weise, dass sie einfach den Banken umfangreicher und einfacher als bisher Geld &uuml;ber die Notenbanken zur Verf&uuml;gung stellen. Sie bemerken gleichzeitig, dass die vergangenen Finanzspritzen die Krise nicht aufgehalten haben. Der Grund daf&uuml;r liegt darin, dass die Banken das Geld horten, um zahlungsf&auml;hig zu sein, weil die Refinanzierung untereinander nicht gew&auml;hrt wird. Das Geld wird derzeit nicht als Kapital gebraucht, sondern als Zahlungsmittel. Der Staat setzt also neue &ouml;konomische Rahmenbedingungen, wie die sich aber auswirken, hat er nicht in der Hand. Man beachte in diesem Zusammenhang das bunte Durcheinanderw&uuml;rfeln der Begriffe &bdquo;Geld&ldquo; und &bdquo;Kapital&ldquo;, wenn in den Zeitungen &uuml;ber die staatlichen Spritzen geredet wird. Objektiv geben die Staaten den Banken kein Kapital, sondern blo&szlig; Geld. Ob aus dem Geld dann bei den Banken Kapital wird (= ein Kredit wird vergeben) oder aber Geld bleibt (= damit werden nur alte Schulden bezahlt), h&auml;ngt von den Banken ab, und deren Entscheidungen h&auml;ngen von den oben beschriebenen Zirkeln ab.</p>
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	9. Sicherheiten geben &ndash; in Konkurrenz und gemeinsam</strong><br />
	Mittlerweile haben sich die Unterst&uuml;tzungsaktionen verfeinert. Zus&auml;tzlich zu den Geldern, welche die europ&auml;ische und die amerikanische Notenbank den Banken mit niedrigen Zinsen zur Verf&uuml;gung stellen, haben die Staaten Hilfsprogramme aufgestellt, welche den Banken B&uuml;rgschaften geben oder neues Eigenkapital, indem die Staaten sich selber als Eigent&uuml;mer in die Banken einbringen. Auch Bilanzregeln werden ver&auml;ndert, indem das, was gestern noch Schummelei gewesen w&auml;re, heute legal ist. Der Staat bringt sich als oberste Gewalt und Herr &uuml;ber das jeweilige Geld ein, um das verloren gegangene Vertrauen in die wechselseitige Kreditierung wieder herzustellen. Seine Position als der Letzte in einer Gesellschaft, der im Zweifelsfall noch zahlungsf&auml;hig ist, soll die Sache, die gerade als &auml;u&szlig;erst unsolide Gesch&auml;ftspraxis kritisiert wurde, wieder in Gang bringen. Das bringt neue Gesichtspunkte in die Spekulation des Bankgewerbes, welche die Sache nicht unbedingt wieder flott macht, sondern deren Krise anheizt. Denn die stabilisierende Seite der Staatsaktivit&auml;ten hat zugleich eine destabilisierende: Erstens nehmen die Banken die Hilfsangebote des Staates gar nicht so &uuml;berschw&auml;nglich an. Die Annahme der Staatshilfen, so die &Uuml;berlegung der Banken, kann erst recht von der &uuml;brigen Gesch&auml;ftswelt als Ausweis genommen werden, dass die hilfesuchende Bank &uuml;ber die Ma&szlig;en hinaus Probleme hat. Eine Bank, die Staatshilfen in Anspruch nimmt, ist ja erstmal ein reiner Sanierungsfall und keine Investitionsgelegenheit, der man Kredite gibt. Zweitens aber k&ouml;nnten diejenigen Banken, die keine Hilfe in Anspruch nehmen am Ende einen Wettbewerbsnachteil haben, w&auml;hrend der Krise und erst Recht wenn die Krise &uuml;berstanden ist. Wegen dem letzten Gesichtspunkt sind die Staaten auch nicht einfach froh dar&uuml;ber, wenn andere Staaten ihre Banken unterst&uuml;tzen und damit das Kreditwesen insgesamt (also auch das der Konkurrenznationen) stabilisieren. Wenn Deutschland sich hinstellt und verspricht, alle Spareinlagen bis 20.000&euro; zu 100% zu garantieren, w&auml;hrend England &uuml;berhaupt nur f&uuml;r 20% einstehen will, dann wandern halt viele Gelder von England nach Deutschland und England hat dann mit seinen Banken erst Recht ein Problem. Genauso wie in Zeiten des weltweiten Aufschwungs ist auch in der Krise die Staatenkonkurrenz aktiv und alle Staaten versuchen auf Kosten anderer Nationen den Schaden bei sich zu minimieren. Das heizt die Krise wiederum an, so dass sich die weltweit wichtigen Staaten doch zumindest mal treffen, um &uuml;ber abgestimmte Programme zu reden, die das Finanzgewerbe retten sollen, von dem sie alle mit ihren kapitalistischen Wirtschaften abh&auml;ngen. Dies sehen alle Staaten und die gro&szlig;en Player wie EU und USA im Besonderen, zugleich als Konkurrenzarena, in der es darum geht, besonders gute Konditionen f&uuml;r sich rauszuschlagen.</p>
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	<strong>10. Der &Uuml;bergang in den Staatsbankrott und der IWF </strong><br />
	Die Rettungsma&szlig;nahmen des Bankgewerbes werden von den Staaten &uuml;ber die Staatsverschuldung finanziert und die Effekte bei manchen Staaten zeigen, dass moderne W&auml;hrungen selber Kreditcharakter haben und daher selber vom Finanzkapital abh&auml;ngen. Das Gesch&auml;ftsprinzip, alte Schulden durch neue Schulden zu finanzieren, beherrschen die Staaten n&auml;mlich am besten. Dieses Prinzip funktioniert bei ihnen aber auch nur solange, wie die Banken wiederum die ausgegebenen Staatsanleihen als sichere Investitionsgelegenheit betrachten. Hier haben derzeit einige Staaten damit zu k&auml;mpfen, dass ihre Staatsanleihen nur zu h&ouml;heren Zinsen an die Gesch&auml;ftswelt gebracht werden k&ouml;nnen. Diese wiederum wird dar&uuml;ber zunehmend misstrauisch gegen&uuml;ber weiteren Schulden. In dem Ma&szlig;e, wie dieses Misstrauen sich verallgemeinert, zieht sich das Finanzgewerbe nicht nur aus dem Handel mit den entsprechenden Staatsschulden, sondern gleich ganz aus den nationalen W&auml;hrungen zur&uuml;ck. Weil die betroffenen Staaten (zun&auml;chst Island, mittlerweile eine ganze Reihe von Staaten) ihre W&auml;hrungen nicht mehr durch neue Schulden st&uuml;tzen k&ouml;nnen, f&auml;llt die W&auml;hrung und ein Staatsbankrott droht. F&uuml;r den Fall der F&auml;lle wurde in den Nachkriegsjahren der Internationale W&auml;hrungsfonds (IWF) gegr&uuml;ndet. Er soll politischen Kredit gew&auml;hren, damit kein Land der Welt wegen Zahlungsschwierigkeiten aus dem Welthandel aussteigen muss. Und zwar mittels des weiteren politischen Auftrag der Geldgeber an den IWF, welche die &bdquo;Gewinner&ldquo; des Welthandels umfasst, die betroffenen L&auml;nder f&uuml;r ausl&auml;ndische Kapital zu &ouml;ffnen, Sozialprogramme einzufrieren usw. Dass diese ber&uuml;chtigten IWF-Programme bei den betroffenen europ&auml;ischen L&auml;ndern diesmal nicht angewandt werden, zeigt nur, dass die europ&auml;ischen potenten Geldgeber wie Deutschland, Frankreich oder England selber nicht glauben, dass die IWF-Auflagen eine positive Entwicklung in den L&auml;ndern bef&ouml;rdern w&uuml;rden. Die Gelder des IWF stammen von den &bdquo;Gewinnern&ldquo; des Weltmarktes. Diese Gelder werden aber wiederum auf Grundlage von Staatsverschuldung gesch&ouml;pft und nicht einfach per neuer Steuern erhoben. In dem Ma&szlig;e also, wie anderen Staaten &bdquo;geholfen&ldquo; werden soll, setzen sich die Geberl&auml;nder selber dem Verdacht aus, dass sie &uuml;ber Geb&uuml;hr ihre Kreditf&auml;higkeit missbrauchen und einst mal selber in den Verdacht geraten k&ouml;nnten, dass ihre W&auml;hrung eigentlich nicht mehr viel wert ist. Daher ist der IWF bei der Kreditvergabe sehr knauserig gewesen, wie derzeit gut zu beobachten ist.</p>
<p><strong>11. Ein politisches Fazit </strong><br />
	Die staatlichen Aktivit&auml;ten in einer Finanzkrise zeigen deutlich, dass das Finanzgewerbe eine politisch lizensierte Angelegenheit ist, wie jede andere wirtschaftliche Einkommensquelle im Kapitalismus auch. Politisch ist vom Funktionieren des Kreditwesens alles andere abh&auml;ngig gemacht und deshalb versucht die Politik alles, um das Kreditwesen wieder in Gang zu kriegen. Woraus sich auch erkl&auml;rt, warum auf einmal Milliarden zur Verf&uuml;gung stehen, an anderer Stelle aber weiterhin &bdquo;Sparzwang&ldquo; angesagt ist. Und von diesem wirtschaftspolitischen Balanceakt, der sich in der Konkurrenz gegen andere Nationen richtet, sind alle abh&auml;ngig gemacht. Daf&uuml;r werden systemgerecht die Lohnabh&auml;ngigen gerade stehen m&uuml;ssen: M&ouml;glichst keine Lohnerh&ouml;hungen fordern, sondern am besten noch Abstriche machen; als &bdquo;Nutznie&szlig;er&ldquo; von Sozialleistungen, wenn wieder gespart werden muss; als Steuerzahler sowieso, weil eben nicht &bdquo;wir&ldquo; die Steuern bezahlen, sondern diejenigen, von denen die Politik meint, dass sie ihr Geld eh nur unproduktiv verfressen (in den letzten Jahrzehnten wird der Staatshaushalt, soweit es um Steuern geht, zunehmend von Lohnabh&auml;ngigen finanziert). Von der Inflation sind diejenigen mit Vertr&auml;gen &uuml;ber feste Geldzahlungen ebenso als erste betroffen (im Durchschnitt ist der Reallohn trotz nomineller Tariferh&ouml;hungen wegen der Inflation in den letzten Jahrzehnten gesunken). Darauf stimmt die &Ouml;ffentlichkeit in Form diverser Medienbeitr&auml;ge und politischen Reden ja auch gerade die Lohnarbeiter ein, indem sie sich im Ausmalen der d&uuml;steren Perspektive geradezu &uuml;berschl&auml;gt, nachdem sie bis Mitte 2008 noch verk&uuml;ndet hatte, dass die &bdquo;Realwirtschaft&ldquo; gar nicht von der Finanzkrise betroffen sein werde. Und nat&uuml;rlich f&uuml;hrt der ganze Schei&szlig; mal wieder zu einer h&ouml;heren Verhungerquote in denjenigen Gebieten, die total von den Industriestaaten abh&auml;ngen. Letztere m&uuml;ssen jetzt selbst auf ihren Kredit achten und werden sich deshalb die Betreuung des Elends in den niederkonkurrierten L&auml;ndern der 3, 4, und 5. Welt nicht mehr wie bisher leisten. Der Wahnsinn ist die Normalit&auml;t, die Krise dr&uuml;ckt das nur besonders aus!</p>
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<p><strong>Fu&szlig;noten: </strong><br />
	1 Gleiches gilt f&uuml;r die Verl&auml;ngerung der Problemdiagnose auf die Politik. Auch deren &bdquo;Versagen&ldquo; beweist sich an nichts anderem als der Tatsache, dass der Kreditsektor gerade nicht nach Wunsch funktioniert.</p>
<p>2 &Auml;hnlich bei der Hypo Real Estate, die in Deutschland f&uuml;r Furore sorgte. Auch diese Institution hat keine Kundengelder wie etwa die Deutsche Bank oder die Sparkasse. Die irische Tochter Depfa, f&uuml;r die die Hypo Real gerade steht, ist &auml;hnlich wie Lehman im Gesch&auml;ft mit langfristigen Krediten, welche durch kurzfristige Kredite finanziert werden. Man erf&auml;hrt, dass die Depfa j&auml;hrlich 50 Mrd. Euro kurzfristiger Kredite umschl&auml;gt, um ihr Gesch&auml;ft zu refinanzieren.</p>
<p>3 Um einem Missverst&auml;ndnis vorzubeugen: In den USA gibt es eine gesetzlich erzwungene Trennung des Investmentgesch&auml;ftes und anderen Bankgesch&auml;ften. In Europa ist das nicht so. Hier hat fast jede Bank eine Investmentabteilung neben den anderen Bankgesch&auml;ften. Investmentbanking ist also kein amerikanisches Sonderph&auml;nomen, es tritt bzw. trat dort nur in Reinform auf.</p>
<p>4 Laut dem Insolvenzgericht sa&szlig; Lehman Brothers auf einem Schuldenberg von 613 Mrd. Dollar, so berichtet das Handelsblatt am 15.09.2008.</p>
<p>5 Die Behandlung einer Schuldforderung als Verm&ouml;gen ist das, was Marx das &bdquo;fiktive Kapital&ldquo; genannt hat.</p>
<p>6Marx unterscheidet den stofflichen Reichtum vom abstrakten Reichtum. Mit stofflichem Reichtum ist das Vorhandensein von konkret n&uuml;tzlichen Sachen gemeint, z.B. das Auto, mit dem man sich fortbewegen kann oder ein Computer, mit dem man diesen Text schreiben kann. Der abstrakte Reichtum dagegen bestimmt die Eigenschaft einer Sache, mit ihr auf alle m&ouml;glichen Sachen zuzugreifen, die sich im fremden Privatbesitz befinden. So haben Autos in dieser Gesellschaft bekanntlich die Qualit&auml;t, dass man daf&uuml;r Geld bekommen und dar&uuml;ber auf alle m&ouml;glichen Sachen zugreifen kann. Der abstrakte Reichtum ist also &bdquo;gesellschaftliche Zugriffsmacht&ldquo;, Inbegriff &ouml;konomischer Herrschaft im Kapitalismus: &bdquo;Jedenfalls steht auf dem Warenmarkt nur Warenbesitzer dem Warenbesitzer gegen&uuml;ber, und die Macht, die diese Personen &uuml;ber einander aus&uuml;ben, ist nur die Macht ihrer Waren.&ldquo; Karl Marx, Kapital Bd. 1, MEW 23, S. 174. &bdquo;Das Geld ist aber selbst Ware, ein &auml;u&szlig;erlich Ding, das Privateigentum eines jeden werden kann. Die gesellschaftliche Macht wird so zur Privatmacht der Privatperson.&ldquo; (S. 146). Die b&uuml;rgerliche Volkswirtschaftslehre sieht dagegen im Tausch und im Geld Hilfsmittel zur L&ouml;sung eines &bdquo;volkswirtschaftlichen Koordinationsproblems&ldquo;. Umso erstaunlicher ist, wenn auch ein Fan der Marktwirtschaft die gesellschaftliche Qualit&auml;t des Geldes ausnahmsweise beim Namen nennt: Geld ist &bdquo;(&hellip;) eine Verf&uuml;gungsgewalt &uuml;ber den aktuellen Output.&ldquo; Wolfgang Gey, Globalisierung und Marktrisiko in der monet&auml;ren Theorie. Regensburg 2006, S. 69. (Alle kursiven Hervorhebungen von j.l.).</p>
<p>7 So hat Lehman Brothers in Deutschland bei Gemeinden und Kommunen Werbung gemacht, indem sie ihnen 5,11% Zinsen angeboten haben, wenn sie der Bank kurz- oder mittelfristig Geld &uuml;berlassen. Dagegen hat die Deutsche Bank nur ein Angebot von ca. 4,9% gemacht. Diejenigen Kommunen, die in letzter Zeit auf das attraktivere Angebot von Lehman eingegangen sind, kriegen jetzt ihr Geld nicht p&uuml;nktlich zur&uuml;ck und unklar ist, ob das Geld &uuml;berhaupt zur&uuml;ckkommt. Ein Kommentator in einer Zeitung beklagt, dass die Kommunen gar nicht gefragt h&auml;tten, woher Lehman den Zinsgewinn herkriegt. So als wenn bei der Deutschen Bank schon alle w&uuml;ssten, wo dort der Zins herkommt.</p>
<p>8 Das w&uuml;rde sich &uuml;brigens auch nicht &auml;ndern, wenn die Arbeiter als Kooperativen den Betrieb selbst besitzen w&uuml;rden und in Konkurrenz gegeneinander antreten. Selbstausbeutung w&auml;re dann gefragt.</p>
<p>9 An dieses Ph&auml;nomen dockt die Alimentierung an, wenn Kirchen, das DRK usw. Spenden oder Kleider sammeln f&uuml;r diejenigen, die kein Geld haben. Hier wird nicht der Grund der Armut angegriffen, sondern versucht, die Resultate der Produktion f&uuml;r den Markt durch Umverteilung abzumildern. Abgesehen davon, dass diese moralischen Instanzen von der Armut leben, weil Mildt&auml;tigkeit nur dann dauerhaft geht, wenn es Armut dauerhaft gibt: Wenn der Zweck aller Mitglieder dieser Gesellschaft die private Bereicherung gegen andere ist, muss man sich auch nicht wundern, wenn nicht gen&uuml;gend Geld zusammen kommt, um aus den mittellosen Menschen versorgte Menschen zu machen.</p>
<p>10 Bei Attac immer mal wieder zu finden und nat&uuml;rlich bei seinem wissenschaftlichen Beistand Elmar Altvater, Bruch und Formwandel des Entwicklungsmodells, in J&uuml;rgen Hoffmann (Hrsg.): &Uuml;berproduktion, Unterkonsumtion, Depression, Hamburg 1983, S. 234/235.</p>
<p>11 Eine weitere Grundlage der besonderen Kreditw&uuml;rdigkeit der Banken: Sie verf&uuml;gen &uuml;ber alles Geld der Gesellschaft. Alle Geld- und Kreditbewegungen laufen &uuml;ber die Banken. Das verschafft ihnen die Potenz mit der geschickten Umschichtung von Geldzu- und abfl&uuml;ssen so zu hantieren, dass ihr eigenes Geld relativ unbedeutend wird f&uuml;r die st&auml;ndige Bezahlung von Zinsen und dem Vergeben von Krediten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ein Text von Junge Linke (2009)</p>
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	&nbsp;</p>
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